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Nils Metzger
Die ägyptische Aktivistin Zeinobia bloggt direkt aus den Demonstrationen durch die Kairoer Innenstadt. Exklusiv im Interview mit zenith berichtet sie von ihren Erfahrungen während der vergangenen Tage und wirft einen Ausblick auf das, was im Laufe des Freitags passieren wird. Zuletzt sprach zenith mit Zeinobia am späten gestrigen Abend. Kurz darauf blockierte die ägyptische Regierung jede elektronische Kommunikation.
zenith: Zeinobia, von wo aus bloggen Sie gerade?
Zeinobia: Im Moment bin ich zu Hause in Kairo und es geht mir gut, Gott sei Dank.
Ist dort gerade die Ruhe vor dem großen Sturm morgen? Und wie sieht es im restlichen Land aus?
Es gibt noch immer ein paar wenige Demonstranten in Kairo. Außerhalb der Stadt haben sich aber die meisten Spannungen aufgebaut. Heute sind Menschen in Sallum an der Grenze zu Libyen, in Ismalia und Alexandria auf die Straße gegangen. Vor allem in Suez ist gerade alles außer Kontrolle. Ich habe gerade erfahren, dass das Gebäude des Stadtrates angezündet wurde. Es ist sogar noch chaotischer als in den vergangenen Tagen. Das liegt an den ganzen Verhaftungen – insgesamt mehr als 500 Demonstranten hat es erwischt. In Suez müssen wir besonders aufpassen, sollten sich Soldaten einmischen. Dort ist die 3. Armee stationiert. Die Stadt ist gewissermaßen ihr Hinterhof.

ist das Pseudonym der inzwischen bekanntesten ägyptischen Bloggerin. Im August 2004 ging ihr Kultur- und Politblog Egyptian Chronicles online. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Cairo University und bloggt in ihrer Freizeit.
Woran liegt es, dass besonders die Menschen von Suez solch eine Wut auf die Regierung haben?
Mubarak hat den Gouverneur von Suez, General Seif El-Din Galal, aufgefordert, für Ruhe zu sorgen. Man darf aber nicht vergessen, dass die Bürger von Suez ihren Verwalter nicht sonderlich schätzen. Letztes Jahr hat sich in der Stadt sogar eine Oppositionsbewegung nur gegen seine Person formiert. Eine zentrale Forderung der Anwohner ist jetzt die Wahl eines neuen Gouverneurs. Was im Moment geschieht, lässt sich nur so beschreiben, als dass die Polizei damit überfordert ist, dem Zorn des Volkes irgendetwas entgegenzusetzen.
Selbst von der Sinai-Halbinsel erreichten uns am Donnerstag Berichte von Beduinen, die Sicherheitskräfte angegriffen haben sollen.
Was die Meldungen über Granatenangriffe auf Polizeistationen auf dem Sinai angeht, so habe ich da auch nur die Medienberichte gelesen.
Verstehen Sie sich gerade als Frontberichterstatterin? Wie ist es unter solchen Bedingungen zu arbeiten?
Es ist schwierig, sich von den ganzen Meldungen nicht ablenken zu lassen. Von überall kommen die unterschiedlichsten Nachrichten an. Es ist wie ein Rennen um den neusten Stand. Gerade habe ich wieder Probleme, Facebook und Twitter zu erreichen. Auch SMS scheint man in ganz Ägypten keine mehr versenden zu können. Das Gerücht, die Regierung werde am Freitag den ganzen Tag über das Internet lahm legen, scheint sich zu bewahrheiten. (inzwischen sind weite Teile des Internets von Ägypten aus nicht mehr erreichbar, Red.)
Vor wenigen Stunden ist Muhammad El-Baradei in Kairo eingetroffen. Er ist auch einer Ihrer Hoffnungsträger. Wie wird er die Oppositionsbewegung jetzt beeinflussen können?
El-Baradei ist endlich angekommen. Am Flughafen waren Fotos und Kameras natürlich erst einmal verboten. Er wird sich dann nach dem Gebet in einer Moschee irgendwo in Gizeh den Demonstrationen anschließen. Seine Mutter lebt bei mir in der Nähe. Deshalb finde ich es schade, dass er nicht hier in die Gegend zum Beten kommt. Ihn brauchen die Menschen in den kommenden Stunden an ihrer Seite. Das Regime wird zweimal darüber nachdenken, ihn zu verletzen.
Planen Sie schon für den großen Demonstrationszug? Wie kann man sich auf einen Tag vorbereiten, dessen Verlauf man nicht abschätzen kann?
Wir werden einfach losziehen. Durch die Straßen, zu den Moscheen und abwarten was passiert. Die Polizei ist jedenfalls auf alles vorbereitet. Ob sich die Krankenhäuser schon für Verletzte einrichten, kann ich von hier aus nicht beurteilen. Aber mitzubekommen, wie sich Menschen in fremden Wohnungen und Geschäften in Sicherheit bringen, war furchtbar. Die letzten 48 Stunden hier in der Innenstadt waren eine schlimme Zeit. Selbst die U-Bahn-Tunnel wurden mit Tränengas geflutet, um Demonstranten zu vertreiben.
Auch die Muslimbrüder haben angekündigt, sich an den Demonstrationszügen morgen zu beteiligen. Können die fehlenden programmatischen Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Strömungen innerhalb der Oppositionsbewegung zu einem Problem werden?
Soweit ich das interpretieren kann, möchten die Muslimbrüder sich zwar den Protesten anschließen, aber ohne dabei ideologische Forderungen zu stellen. Auch dass Papst Shenouda III. die Kopten dazu angehalten hat, nicht an den Demonstrationen teilzunehmen, wird keine Auswirkungen haben. Ich glaube, dass der größte Teil der ägyptischen Christen nicht weniger patriotisch sind als die Muslime. Was genau zwischen jetzt und morgen Abend passiert, kann keiner vorhersehen. Trotzdem gibt es eine enorme Vorfreude und Spannung. Ich habe wirklich nicht glauben wollen, dass es sich so entwickeln würde. Niemand hat das kommen sehen!
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