Quicknews
Nils Metzger
Die entscheidenden Worte fielen am 12. Juni 2010 in einem Fernsehinterview mit der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur ISNA. Im hellen Jackett, zwei Journalisten im Garten einer Villa gegenüber sitzend, plaudert Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad über die Weltpolitik, Israels Vorgehen gegen die Gaza-Flottille und rief den Zuschauern den angeblich so friedlichen und demokratischen Ablauf der letztjährigen Wahlen ins Gedächtnis.
Als der Präsident anschließend auf die Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft zu sprechen kommt und die progressive Gleichstellungspolitik seiner Regierung lobt, entschlüpfen ihm folgenschwere Sätze: Es sei nicht Aufgabe der Regierung, gegen Frauen vorzugehen, die das Kopftuch nicht vorschriftsgemäß tragen oder sich mit Männern in der Öffentlichkeit zeigen. »Niemand hat das Recht, einen Mann und eine Frau beim Spazierengehen nach ihrem Verhältnis zu fragen«, erklärt Ahmadinedschad. Was das sittliche Verhalten in der Öffentlichkeit anbelangt, so legt der Präsident nach, müsse »kulturelle« Arbeit geleistet werden, anstatt polizeilicher Sanktionen.
Viele Iraner mochte dieses Statement überraschen, denn in den vergangenen Monaten sind die Sittenwächter in vielen iranischen Großstädten so anmaßend und repressiv wie seit Jahren nicht mehr. Zudem gilt Ahmadinedschad als Freund der konservativen Hardliner, der zwar wenig von Theologie versteht, sich aber sein ideologisches Rüstzeug bei den reformfeindlichen Mullahs borgt.
Einige Beobachter vermuten, dass Ahmadinedschad sich angesichts der wachsenden Isolation Irans und der schlechten Wirtschaftslage bei der Bevölkerung einschmeicheln wolle. Andere sehen darin ein weiteres Beispiel für Ahmadinedschads Neigung zu unbedachter Plauderei – Aber einige Stimmen deuten den Vorfall auch als Beleg für eine Entfremdung zwischen Ahmadinedschad und dem erzkonservativen Kleriker-Establishment.
Die Reaktion folge unmittelbar. Mullah Mohammed Taghi Rahbar, Vertreter der Millionenstadt Isfahan im Parlament, polterte, der Staatschef untergrabe die Anstrengungen, die »Kräfte des gesellschaftlichen Zerfalls« zu bekämpfen. Stattdessen gebe er »grünes Licht für unangemessene Kleidung«. Ahmadinedschad solle jedoch bedenken, dass er nicht der Vertreter der »sittenlosen grünen« Opposition sei, sondern von »gläubigen Muslimen« gewählt wurde.
Das Thema beschäftigt zurzeit weite Teile der iranischen Gesellschaft. Ende Mai hatte Hossein Sajedinia, Polizeichef von Teheran, angekündigt, er werde in Zukunft konsequenter durchgreifen, wenn es um das Aussehen der Iranerinnen geht. Zu diesem Zweck wurden die Sittenstreifen in der Hauptstadt erstmals mit Videokameras ausgestattet.
Für Präsident Ahmadinedschad birgt dieser Konflikt innerhalb der iranischen Konservativen die Gefahr, in seiner traditionellen Anhängerschaft Unterstützer zu verlieren. Das Verhältnis zwischen dem im Westen oft als religiösen Fundamentalisten beschriebenen »Irren von Teheran« und den Oberen der Mullah-Hierarchie ist jedoch nicht erst seit heute belastet. Während der politischen Unruhen im vergangenen Jahr versammelten sich nicht nur westlich orientierte Studenten, sondern auch erstmals Schüler der renommierten Koranschulen in der für Schiiten heiligen Stadt Qom.
Die orthodox-religiöse Protestbewegung erreicht nicht die mediale Aufmerksamkeit, die vielen der Studentengruppen zu Teil wird. Der reale politische Schaden für die aktuelle Regierung ist umso größer. Während sich damals eher reformorientierte Mullahs gegen Ahmadinedschads Regierung stellten, erfährt der Präsident jetzt Kritik aus den Reihen seiner Unterstützer. Ajatollah Seyed Ahmad Khatami – ein berüchtigter Hardliner und Mitglied des Expertenrates, der mehrfach forderte, die Führer der Oppositionsbewegung für ihren »Krieg gegen Gott und die Islamische Republik« hinzurichten, und eigentlich ein Parteigänger des Präsidenten ist – forderte, Ahmadinedschad müsse seine Äußerungen überdenken.
Khatami, der dem gleichnamigen Ex-Präsidenten Mohammad Khatami weder ideologisch noch verwandtschaftlich verbunden ist und vor allem als Freitagsprediger in Teheran in Erscheinung tritt, kritisierte den Präsidenten. Laut der Zeitung Donya-e Eqtesad sagte Khatami, dass Ahmadinedschads Worte »die Arbeit derer, die sich um die Moral der Bevölkerung sorgten«, erniedrigt hätten. Gleichzeitig fügte Khatami jedoch an, dass die iranische Gesellschaft wichtigere Probleme habe, als sich über »das einzelne Haar einer Frau« zu streiten.
Inzwischen hat auch Ahmad Jannati, Mitglied des mächtigen Wächterrats und ebenfalls ein Vertreter des rechten Lagers, den Präsidenten schwer gerügt. Ob Ahmadinedschad demnächst vorschlagen wolle, auch Mord und Diebstahl mit »kulturellen Initiativen« zu bekämpfen, schimpfte Jannati. Auch er galt bisher als politischer Freund Ahmadinedschads.
zenithDebatte
Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.
Kalender
zenith Edition
Reaching for the Sun?
The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East