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Kuwaits Entsorgungswirtschaft 03.05.2012

Müll ohne Konzept

Robert Espey/GTaI


Zwar wird in Kuwait immer wieder über Umweltschutz diskutiert, passiert ist jedoch bislang wenig. Müllvermeidung, -verwertung und umweltverträgliche Entsorgung gibt es kaum. Anlässlich der 4. »Waste Management Conference« im Oktober 2011 erklärte der zuständige Minister, Fadhel Safar, der Abfallsektor müsse fortschrittlichere Technologien anwenden. Zum Aufbau einer modernen Entsorgungswirtschaft wäre Kuwait auf ausländisches Know-how angewiesen und deutsche Umwelttechnik-Kompetenz ist auch in Kuwait bekannt.


Ein Großbrand auf einer Altreifendeponie hat die Probleme Kuwaits mit seiner Müllentsorgung verdeutlicht: In der Dämmerung des 17. April 2012 sahen die Bewohner des etwa 30 Kilometer westlich von Kuwait City liegenden Al-Jahra-Distrikts eine dichte schwarze Rauchwolke aufsteigen. Der Brandherd war eine 4 Kilometer südlich der Wohngebiete betriebene Deponie mit geschätzten 5 Millionen Altreifen. Etwa 500.000 Reifen sollen in Flammen aufgegangen sein. Trotz der gigantischen hochtoxischen Brandwolke soll die Behandlung von nur zehn Personen (wegen Rauchvergiftungen) notwendig gewesen sein, noch nicht einmal die Schulen in Al-Jahra wurden geschlossen.


In den Wochen vor dem Brand war wieder einmal über die von dieser Deponie, einer stillgelegten Sandgrube, ausgehende Gefahr für die benachbarten Wohngebiete öffentlich gestritten worden. Nun gibt es Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang zwischen der bisher ergebnislosen Diskussion und dem Brand.


Stadtrat und Regierung konnten sich über die Frage der Altreifenentsorgung nicht einigen. Die Regierung hatte eine Vergrößerung der Altreifendeponie in Al-Jahra vorgeschlagen. Der Stadtrat lehnte dies mit der Begründung ab, ohne ein Konzept zur Verwertung der Altreifen dürfe keine Expansion der ausgewiesenen Deponiefläche erfolgen. Schätzungen zufolge kommen monatlich 80.000 Reifen hinzu. Die Altreifenhalde wurde inzwischen geschlossen und mit einer Sandschicht abgedeckt. Zudem hat das technische Komitee der Stadtverwaltung die Ausweisung von sechs jeweils 50.000 Quadratkilometer großen, neuen Deponieflächen in der Al-Salmi-Region empfohlen. Die vorgeschlagenen Standorte im Länderdreieck von Kuwait, Irak und Saudi-Arabien wären mindestens 100 Kilometer von größeren Besiedlungen entfernt.


Drei Parlamentsabgeordnete haben jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der unter staatlicher Leitung die Gründung eines Recyclingunternehmens für Altreifen vorsieht – und zwar innerhalb eines Jahres nach Verabschiedung des Gesetzes. Der Privatsektor soll sich mit 26 Prozent beteiligen. Den Aufbau einer Altreifen-Recycling-Anlage fordert auch der Präsident des Stadtrates, Zaid Al-Azmi. Allerdings scheint dieser an eine rein privatwirtschaftliche Initiative zu denken.


Deponien in Kuwait wurden weder nach Umweltschutzkriterien angelegt, noch werden sie professionell betrieben

Kuwait hat nicht nur ein Altreifenproblem. Die gesamte Müllentsorgung muss umweltverträglich umgestaltet werden. Ob das aktuelle Altreifen-Desaster nachhaltig wirkt und dazu führt, dass die Entwicklung einer modernen Entsorgungswirtschaft und die Sanierung bestehender Deponien vorgetrieben werden, bleibt abzuwarten.


Minister Safar sagte im letzten Oktober auf der genannten Konferenz, Fortschritte im Abfallsektor würden durch fehlende Fachkräfte behindert. Ein wenig überzeugendes Argument, finden Experten. Kuwait müsse in allen Wirtschaftsbereichen auf ausländische Fachkräfte zurückgreifen, dies sei auch in der Abfallwirtschaft möglich. Jüngsten offiziellen Daten zufolge bestand Kuwaits Erwerbsbevölkerung 2011 zu 83 Prozent aus »importierten« Arbeitskräften – 1,80 Millionen von 2,18 Millionen Beschäftigten.


Derzeit existieren in Kuwait etwa 20 Deponien mit einer Gesamtfläche von rund 30 Quadratkilometern, davon sind allerdings nur drei offiziell aktiv. Beobachtern zufolge wird jedoch auch auf eigentlich geschlossenen Deponien weiterhin Müll entladen. Die Regierung gibt das durchschnittliche tägliche Hausmüllaufkommen für 2010 mit 1,4 Kilogramm pro Person an, pro Jahr entspricht das 511 Kilogramm, ein Wert über dem EU-Durchschnitt.


Die Deponien in Kuwait wurden weder nach Umweltschutzkriterien angelegt, noch werden sie professionell betrieben. Es sind eher offiziell ausgewiesene »wilde Halden«. Ihr Einrichtung dürfte ohne intensivere geologische Untersuchungen erfolgt sein. Es ist deshalb unklar, ob zumindest natürliche geologische Barrieren vorhanden sind. Auf das Aufbringen einer mineralischen Dichtungsschicht, einer Kunststoffdichtungsbahn und einer Dränage mit Sickerrohren wurde verzichtet.


Der Abfall wird in der Regel unsortiert und unkontrolliert abgekippt. Neben Haushaltsmüll landen auf den kommunalen Halden auch industrielle Abfälle und verschiedener Sondermüll. Der hohe Anteil organischer Stoffe führt im Deponiekörper zu umweltbelastenden chemisch-biologischen Prozessen wie Gasbildung und Sickerwasser. In Deutschland ist für eine Deponielagerung eine starke Reduktion der organischen Anteile, eine so genannte Inertisierung, im Restmüll vorgeschrieben, was eine thermische Vorbehandlung erfordert.


Eine von der Kuwait University 2009 durchgeführte Analyse der Deponie in Al-Jahra stellte fest, dass hinsichtlich Standortwahl, Design und Management selbst minimale Umweltstandards nicht erfüllt werden. Die Deponie wurde 1987 eröffnet und liegt heute nur noch 4 Kilometer südlich dicht bevölkerter Gebiete. Den Angaben zufolge wurden 2008 hier im Tagesdurchschnitt 1.915 Tonnen Bauschutt, 605 Tonnen Hausmüll sowie 118 Tonnen landwirtschaftliche und gewerbliche Abfälle abgeladen. Die Deponie verfügt über keinerlei Abdichtungen und hatte 2009 eine Müllschicht zwischen 5 und 9 Metern.


Kein Programm zum Recyceln von Elektronikabfall

Ältere Untersuchungen wie auch aktuelle Beobachtungen gehen davon aus, dass Krankenhausabfälle zu einem erblichen Teil auf den Hausmülldeponien entsorgt werden. Zwar ist grundsätzlich in allen Krankenhäusern eine Trennung des Sondermülls und eine anschließende Verbrennung vorgesehen. Diese Sortierung findet jedoch nur unvollständig statt und getrennter Müll wird beim Abtransport häufig wieder unter den allgemeinen Hausmüll gemischt. Im Januar 2012 gab das Bauministerium ein neues Projekt zur sachgerechten Verbrennung von Krankenhausabfällen bekannt.


Auch Elektronikabfall wird unkontrolliert entsorgt. Die aktuellen Richtlinien der Environmental Public Authority (EPA) lassen dies auch zu. Es existiert kein Programm zum Recyceln von E-Waste. Allerdings gibt es mittlerweile verschiedene Initiativen privater Firmen.


Im Bereich Bauschutt hat der Staat jetzt ein Recycling-Vorhaben in Angriff genommen. Minister Safar spricht von einem in der Region einzigartigen Projekt, was andere Länder des Golfkooperationsrates anders sehen dürften. Im Rahmen eines BOT-Projektes (Build-Operate-Transfer) betreiben zwei Privatunternehmen an Kuwaits sechstem Autobahnring eine Anlage zur Zerkleinerung von Bauschutt, der dann in anderen Bauprojekten wieder eingesetzt wird.


Private Firmen beschäftigen sich auch in anderen Bereichen mit der stofflichen Abfallverwertung. Zu den etablierten Unternehmen zählt die 1987 gegründete Metal & Recycling Company (MRC). Das Unternehmen mit 600 Beschäftigten sammelt und bereitet unter anderem Metalle, Plastik, Glas, Holz und E-Waste auf.


Zur Lösung des Abfallproblems wird in Kuwait seit langem über den Bau einer Müllverbrennungsanlage diskutiert. Bereits vor 15 Jahren hatte ein großer deutscher Anlagenbauer mit Kuwait einen Vertrag zur Errichtung einer Anlage unterschriftsreich ausgehandelt. Aus politischen Gründen, etwa Widerstand im Parlament, verzögerte sich der Abschluss immer wieder, schließlich wurde das Projekt zu den Akten gelegt.


Aktuell ist ein PPP-Projekt (Public Private Partnership) zum Bau einer WTE-Anlage (Waste to Energy) in der Planung. Die Investitionssumme wird mit 100 Millionen US-Dollar veranschlagt, als Standort ist Kabd südlich von Kuwait City vorgesehen. Federführend bei der Durchführung aller PPP-Projekte ist das 2008 gegründete, zum Finanzministerium gehörende »Partnerships Technical Bureau« (PTB).


Fortschritte und ein Störfall in der Abwasserentsorgung

Im März 2012 stellte die US-Beratungsfirma Baker Tilly die Feasibility-Studie für die WTE-Anlage fertig. Das PTB will in Kürze interessierte Unternehmen zur Abgabe von Vorschlägen zu möglichen Technologien auffordern. Zwei oder drei Firmen sollen dann zur Beteiligung an der kommenden Ausschreibung zugelassen werden. Ein Vertragsabschluss dürfte erst 2013 erfolgen.


Bei der Abwasserentsorgung bestehen zwar auch weiterhin erhebliche Defizite, hier wurde jedoch bereits kräftig in Kläranlagen und in den Ausbau der Kanalisation investiert. Für negative Schlagzeilen sorgte mehrfach die Mishref-Kläranlage. Im Sommer 2009 kam es dort erneut zu einem Ausfall und zeitweise mussten täglich 340.000 Kubikmeter Abwasser ins Meer abgeleitet werden. Erst im Oktober 2011 konnte die Anlage mit zunächst weniger als 10 Prozent der Kapazität wieder gestartet werden. Mit Siemens-Technologie ist kürzlich in Kabad ein neues 345.000 Kubikmeter-Klärwerk in Betrieb gegangen, Hauptauftragnehmer war Kuwaits Mushrif Trading & Contracting Company.


Im Januar 2012 hat das PTB Firmen zu Interessensbekundungen für die 1,6 Milliarden US-Dollar-Erweiterung der Umm al-Hayman Kläranlage aufgerufen. In der ersten Phase ist eine Tageskapazität von 500.000 Kubikmetern geplant, schließlich sollen 650.000 Kubikmeter erreicht werden. Das Projekt umfasst auch die Stilllegung der alten Kläranlage in Riqqa. An dem Vorhaben ist als Berater Fichtner Consulting beteiligt. Finanzieller Berater ist die HSBC Bank.


Die Kapazität der Sulaibiya Kläranlage wird derzeit für 150 Millionen US-Dollar von 375.000 auf 600.000 Kubikmeter pro Tag ausgebaut. Anvisierter Fertigstellungstermin ist das 1. Quartal 2013. Die Kuwait Oil Company will auf ihrem Gelände in Mina Al-Ahmadi für 300 Millionen US-Dollar ein Klärwerk errichten; mit der Vertragsvergabe wird im Sommer 2013 gerechnet.



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