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Nora Haakh
Wie so oft zuvor verließ Mer Khamis am 4. April das Theater »Theater der Freiheit«. Gemeinsam mit seinem einjährigen Sohn und dessen Kindermädchen stieg er in sein Auto, um wie tausendfach zuvor den von Checkpoints unterbrochenen Weg zwischen Jenin und Haifa, seinen beiden Wohnorten, zurückzulegen.
Im Zeichen der Grenzüberschreitungen stand das Leben des 52-Jährigen, Sohn einer jüdisch-israelischen Mutter und eines christlich-palästinensischen Vaters, der von sich selbst sagte, »zu hundert Prozent Palästinenser und zu hundert Prozent Jude« zu sein.
Nach einer Karriere als Theater- und Filmschauspieler in israelischen und internationalen Produktionen leitete Juliano Mer Khamis seit 2005 das »Theater der Freiheit« in Jenin. Umzäunt und von Checkpoints bewacht, gilt Jenin als größtes palästinensisches Flüchtlingslager. Besonders die mehr als 5000 Kinder und Jugendlichen leiden unter der prekären Versorgungssituation und der nicht endenden Gewalt. Mitten in den grauen Alltag des Flüchtlingslagers gründete die Mutter des Ermordeten, die jüdische Kommunistin Arna Mer, in den 1980er Jahren mehrere Kinderhäuser sowie ein Theater für Kinder und Jugendliche.
In seinem Dokumentarfilm »Arnas Kinder« (2003) begleitete Juliano Mer Khamis die letzte Zeit im Leben seiner Mutter. Aufnahmen aus der Anfangszeit des Theaters schnitt er mit aktuellen Bildern zusammen, die zeigten, was aus den Jungschauspielern von damals geworden war – nach der israelischen Besatzung Jenins während der zweiten Intifada, in deren Verlauf 2002 auch das Theater zerstört wurde.
Einer der Jungen von damals ist Zakariya Zubeidi. Mit dreizehn Jahren träumte er davon, einmal den Romeo zu spielen. Stattdessen wurde er Führer der Al-Aqsa-Brigaden in Jenin. Inzwischen hat er sich von der Gewalt distanziert, ist aber immer noch eine der gefürchteten Respektspersonen. Ihn holte sich Mer Khamis als Schirmherrn ins Boot, als er das Theater 2006 wieder eröffnete, nun als »Masrah al-Hurriyeh – Theater der Freiheit«.
Eine künstlerische und politische Bewegung sollte von seinem Theater ausgehen, die gegen die Zwänge der Besatzung ebenso die Stimme erheben sollte wie gegen die Diskriminierung von Frauen und Kindern. »Wir glauben, dass die dritte Intifada, die kommende Intifada, eine kulturelle sein muss – mit Poesie, Musik, Theater, Kameras und Zeitschriften«, so Mer Khamis.
Das »Theater der Freiheit« führte den Ansatz seiner Mutter weiter, Kinder und Jugendliche aus dem Camp durch Theater zu fördern. 2008 wurde eine Schauspielschule eröffnet, in dem rund zwanzig Studenten, junge Frauen wie Männer, in zwei Jahren eine professionelle Ausbildung erhalten. Für viele von ihnen ist dies nicht nur der einzige Weg zur Weiterbildung, es ist vor allem ein Freiraum für eine offene künstlerische Auseinandersetzung in der Enge des Camps.
Mer Khamis inszenierte mit ihnen zeitgenössische gesellschaftskritische Stoffe wie Orwell's »Farm der Tiere« oder zuletzt die wochenlang ausverkaufte farbenfrohe polit-pop-trash-Adaption von »Alice im Wunderland«.
»Es geht nicht nur darum, den jungen Leuten eine Ausbildung zu geben, sondern auch, ein Publikum zu schaffen, was manchmal schwieriger ist. Wir versuchen, die junge Generation mit Kunst in Berührung zu bringen.«
Unter Mer Khamis Leitung wurde das Theater weit über Jenin und Palästina hinaus bekannt. Ein breites Netzwerk – zufällige Besucher, kurzzeitige Mitarbeiter, Helfer und Unterstützer in allen Bereichen – ist über die ganze Welt verteilt. Kooperationen mit etablierten Theatern wie der Berliner Schaubühne sind entstanden.
2009 führte eine Tournee mit dem Stück »Fragments of Palestine« das junge Ensemble durch Theater in ganz Deutschland, 2010 konnten einige der Protagonisten nach New York reisen, um das Projekt vorzustellen. In einer Filmwerkstatt wurde den Studenten die Möglichkeit vermittelt, ihren ganz persönlichen Blick auf die Welt sichtbar zu machen. Mer Khamis unterrichtete selbst und brachte Gastdozenten aus aller Welt zum Unterrichten nach Jenin.
Trotz internationaler Anerkennung stießen seine Initiativen vor Ort nicht nur auf Unterstützung. Mer Khamis, ein durchsetzungsstarker, aufbrausender Mann, der keine Auseinandersetzung scheute, rieb sich mit allen Parteien des komplizierten Machtgefüges. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Morddrohungen, zweimal wurden Brandanschläge auf das Theater verübt. Auf die Frage, ob er sich bedroht fühle, antwortete er noch 2009: »Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber das ist immer noch besser, als in Tel Aviv den Entertainer zu spielen.«
Am 4. April 2011 lauerten maskierte Bewaffnete vor dem Theater auf Juliano Mer Khamis. Fünf der Schüsse, die auf das Auto abgefeuert wurden, trafen ihn tödlich, seine Begleiterin wurde an der Hand verletzt. Alles deutet auf eine gezielte Hinrichtung des Künstler hin. Ärzte konnten sein Leben nicht mehr retten. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unbekannt, Feinde hatte er viele.
Zurück bleibt eine verstörte Menschenmenge: Augenzeugen der Tat, Mitarbeiter des Theaters, Bekannte – jedem in Jenin war der Theatermacher vertraut. Es bleibt eine rote Lache, die sich langsam vor einem staubigen roten Kombi ausbreitet. Die Tat hinterlässt Fassungslosigkeit, Unverständnis, die Frage nach dem Täter, den Hintermännern und möglichen Vergeltungsschlägen, die Frage nach der Zukunft eines einzigartigen Projekts, für das Persönlichkeit und Charisma des Toten eine so zentrale Rolle zu spielen schienen.
Neben einem groß angelegten Filmprojekt und weiteren prominente Gastvorträgen, unter anderem mit Kulturkritiker Slavoj Žižek, war für das Jahr 2011 auch der Bau eines neuen, größeren, besser ausgestatteten Gebäudes für das Theater geplant. Ob all dies weiter verwirklicht werden kann, hängt nun von der Kraft und dem Mut der verbliebenen Mitarbeiter ab.
In einer ersten Stellungnahme der Studenten des Theaters heißt es: »Juliano, deine Kinder werden dir auf Deinem Weg des Freiheitskampfes weiter folgen. In tausendfachem Schweigen erhebt sich eine Stimme: Die des Freiheitskämpfers, den du gelehrt hast, die Waffe der Kunst zu schultern.«
Erste Zeichen werden noch diese Woche gesetzt werden: Der Beerdigung im Kibbutz Ramot Menashe werden am Donnerstag morgen parallele Gedenkveranstaltungen in Haifa, Ramallah und Jenin folgen, zu denen Tausende erwartet werden. In der Berliner Schaubühne wird mit der Vorführung seines Films »Arna's Children« am 8. und 10. April an Juliano Mer Khamis erinnert werden, auch in den USA, Schweden und Italien werden Gedenkveranstaltungen vorbereitet.
Gestern verlor Palästina einen der entschlossensten Kämpfer für gesellschaftlichen Wandel mit den Mitteln der Kunst. Juliano Mer Khamis hinterlässt eine Tochter, einen Sohn und seine Lebensgefährtin, die in Kürze Zwillinge erwartet.
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