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Dubai nach der Krise 12.04.2010

»Milliarden fürs Sorgenkind«

Helen Staude


zenith: Die Dubaier Regierung hat am 25. März einen lang erwarteten Plan zur Restrukturierung des hochverschuldeten Staatsunternehmens Dubai World vorgelegt. Was sieht der Plan vor?


Belabbes Benkredda: Im Kern geht es um eine Finanzspritze von 9,5 Milliarden US-Dollar für Dubai World, wobei 8 Milliarden dem Sorgenkind Nakheel zu Gute kommen werden. Davon werden Schulden bezahlt, die der Immobilienentwickler bei diversen Gläubigerbanken hat. Zudem will Nakheel in den kommenden Wochen offene Rechnungen zahlloser Vertragspartner begleichen, die etwa am Bau der »Palmenprojekte« beteiligt sind. So sollen nach und nach die still liegenden Prestige-Vorhaben wieder aufgenommen werden.


Gibt es für die protzigen Inselprojekte Dubais überhaupt noch einen Bedarf?


Nein, bei der gegenwärtigen Stimmung unter Investoren gibt es keinerlei Bedarf für weitere Mega-Projekte – und schon gar nicht für aufgeschüttete Inseln wie »Dubai Waterfront«, die gemäß Plan 440 Quadratkilometer groß werden soll. Das ist mehr als die Fläche von Düsseldorf und Stuttgart zusammen! In diesen Tagen ist das eine bizarre Vorstellung. Aber Nakheel hat keine Wahl, denn es gibt etliche kleine und große Investoren, die in der Boomzeit diese Projekte im Glauben an ewiges Wachstum mitfinanziert haben. Nicht zuletzt würde eine Streichung der Vorzeige-Projekte jedwedes Vertrauen in das Dubaier Modell ein für alle mal zerstören.


Treibt sich Dubai nicht in den Ruin, indem es an sinnlosen Projekten festhält?


Ich würde nicht sagen, dass die Projekte an sich sinnlos sind. Das Problem sind nicht die Projekte, sondern der Zeitraum, innerhalb dessen man sie realisieren wollte. Vor einigen Jahren wuchs die Dubaier Bevölkerung um bis zu 25 Prozent jährlich, das Wirtschaftswachstum lag zwischen 1995 und 2005 im Schnitt bei 11 Prozent. Man glaubte, es würde für immer so weiter gehen. Unternehmen wie Nakheel nahmen immer größere Schulden auf, die in immer kürzeren Zeiträumen zurück gezahlt werden sollten. Jetzt, da die Immobilienblase geplatzt ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob der Standort Dubai sich behaupten kann. Zu den Zuständen der Boomzeit wird es jedenfalls kein Zurück mehr geben. Ein Projekt wie Dubai Waterfront wird daher allmählich, in Phasen, entstehen – mit einer Vervollständigung ist frühestens Mitte der 2020er Jahre zu rechnen. Andere Projekte, wie etwa die »Palm Deira« oder »The Universe«, würden noch länger benötigen, sofern man überhaupt an einer Realisierung festhält.


»Nakheel hat keine Wahl«

Und es gab in Dubai auch fragwürdige Projekte – man denke nur an die Skihalle oder »Dubailand«, den größten Freizeitpark der Welt…


Man darf das nicht über einen Kamm scheren: Dubailand wurde, ähnlich wie die Palmenprojekte, Hals über Kopf geplant. Man ging davon aus, dass Dubai bis 2010 jährlich 15 Millionen Touristen zählen würde – heute ist man noch immer im einstelligen Bereich. Für das Projekt gäbe es derzeit also keinen Bedarf, selbst wenn man es rechtzeitig fertig gestellt hätte. Die Skihalle wiederum hat sich als Konzept bewährt: Viele Araber aus der Region können es sich nicht leisten oder haben nicht die Zeit, mit der ganzen Familie in den Libanon oder die Alpen zu fliegen. Für sie ist »Ski Dubai« eine hervorragende Alternative, die sie mit Shopping kombinieren können, da zu dem Komplex auch Dubais beliebtestes Einkaufszentrum gehört. Von der Skihalle profitiert übrigens auch ein deutsches Unternehmen: Das angrenzende Kempinski-Hotel ist das ganze Jahr über ausgelastet.


Dubai hat von seinem reichen Nachbarn Abu Dhabi in den letzten Monaten bis zu 25 Milliarden Dollar an Hilfspaketen erhalten. Im Januar wurde prompt der höchste Wolkenkratzer der Welt in »Burj Khalifa« umbenannt – nach dem Herrscher Abu Dhabis. War dies ein Geniestreich oder vielmehr ein Symbol für Dubais Machtverlust?


Es war kein Geniestreich, sondern ein politisches Zugeständnis – von nicht zu unterschätzender Symbolträchtigkeit. Der Burj Khalifa war in der langen Reihe der Dubaier Projekte wohl das prestigereichste und damit auch das öffentlichkeitswirksamste. Ihn in Burj Khalifa umzubenennen soll der ganzen Welt zeigen: Dubais Erfolg ist auch Abu Dhabis Erfolg, es ist der gemeinsame Erfolg der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Zeit der Alleingänge ist vorbei.


»Die Zeit der Alleingänge ist vorbei«

Welche langfristigen Erfolgschancen hat Dubai, nach dem es nur durch die Hilfe Abu Dhabis vor dem Bankrott gerettet wurde? Wie wirken sich die finanziellen Hilfen auf die Machtverhältnisse zwischen den Emiraten aus?


Es wird sich einiges ändern. Dubai war lange eine Art Staat im Staat, dessen eigenwillige Praktiken von Abu Dhabi allenfalls geduldet wurden. Als der Dubaier Plan noch aufzugehen schien, gab es auch keinen Grund, zu intervenieren, zumal auch Abu Dhabi am boomenden Dubai mitverdiente. Mit dem Platzen der Immobilienblase jedoch werden die Karten neu gemischt. Da Dubai auf absehbare Zeit auf den internationalen Geldmärkten keine Neukredite bekommen wird, ist es auf das Wohlwollen des Nachbarn angewiesen. Und wie jeder Gläubiger stellt auch Abu Dhabi Bedingungen, an die sich der Schuldner halten muss. Diese Bedingungen umfassen einerseits unmittelbare Konditionen, die die Weiterverwendung des Geldes betreffen. Aber es gibt auch indirekte, implizite Bedingungen. Dazu gehört, dass Dubai sich in Zukunft in vielen Bereichen enger mit Abu Dhabi abstimmen muss, etwa in der Migrations-, Handels-, Sicherheits- und Finanzpolitik, vor allem aber auch in der Außenpolitik.

Belabbes Benkredda


studierte Internationale Beziehungen in Frankfurt und Exeter. Anschließend hospitierte er in der Kommunikationsabteilung des Auswärtigen Amtes. Seit 2005 ist er Leitender Berater der in Dubai ansässigen deutsch-arabischen Unternehmensberatung bridge:media. Als Regionalexperte kommentiert er regelmäßig in deutschen Medien.



Inwieweit wird Abu Dhabi dann direkt auf die politischen Entscheidungen Dubais Einfluss nehmen können? Wird zum Beispiel der Handel zwischen Dubai und dem Iran unterbunden werden können?


Es geht vor allem um den iranischen Handel via Dubai. Für den handelspolitisch weitgehend isolierten Iran ist Dubai das letzte Fenster zur Außenwelt. Schätzungsweise leben bis zu 300.000 Iraner in Dubai. Mehrere Tausend iranische Firmen haben Vertretungen in der Stadt oder residieren gleich dort, über sie agieren iranische Geschäftsleute international. In dieser Frage wird Dubai in den nächsten Monaten weiter unter Druck geraten. Das gilt übrigens auch für andere außenpolitische Themen. Das pro-amerikanischere, konservativere Abu Dhabi wird seinen Einfluss geltend machen.


Wird Dubai langfristig auf denselben Status wie die fünf kleineren, von Abu Dhabi abhängigen Emirate zurück fallen?


Das glaube ich nicht. Abu Dhabi hat ein Interesse an einem starken Dubai, da es auf vielen Ebenen geschäftlich mit dem Nachbarn verbunden ist. Zudem – und das ist wohl wichtiger - ist Dubais Erfolg ein Fait accompli, das ein Resultat der klugen Diversifizierungsstrategie ist. Aus dieser Tatsache schöpft Dubai zu Recht noch Selbstbewusstsein, da es mit wenigen Mitteln mehr als seine Nachbarn erreicht hat, Abu Dhabi eingeschlossen. Daran wird sich zunächst nichts ändern.


»Dubai schöpft zu Recht noch Selbstbewusstsein«

Abu Dhabi hat mit seinen großen Ölressourcen im Rücken lange Dubais Mega-Projekte beobachtet und langsamer, überlegter handelt. Wollte man Dubai Fehler machen lassen, um davon zu lernen?


Dieses Argument hört man öfter, aber ich glaube nicht daran. Abu Dhabi hat gar nicht die Absicht, mit Dubai in irgendeiner Weise zu konkurrieren, geschweige denn, es zu übertrumpfen. In Abu Dhabi herrscht eine ganz andere Geschäftskultur als im schrillen Dubai. Durch die riesigen Ölreserven gibt es keine Notwendigkeit, mit großer PR-Maschine und extravaganten Projekten um Aufmerksamkeit und Investoren zu werben. Stattdessen konzentriert sich Abu Dhabi auf einige wenige, prestigevolle Projekte, insbesondere in den Bereichen Umwelt, Kunst, Bildung und Sport. Meiner Ansicht nach ist Abu Dhabis Lage übrigens nicht ganz ohne Risiko, denn es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Die Tatsache, dass sich alles rentieren muss, war für Dubai lange eine treibende Kraft, die das Emirat erfolgreich gemacht hat. Abu Dhabi hingegen muss auf anderem Wege zu dieser Kraft finden.


In letzter Zeit scheint auch Abu Dhabi einen aggressiveren Kurs einzuschlagen: Man kauft Technologie, Kunst und Bildung – nur im Emirat selbst wird nichts entwickelt. Was hat das für Konsequenzen für die Kultur und Tradition in den Emiraten?


In Hongkong wird auch kaum etwas hergestellt. Selbst in Großbritannien spielt Industrie eine untergeordnete Rolle. Für emiratische Kultur und Tradition hat das also keine weiteren Konsequenzen. Dass Kunst eingekauft wird, kann man mit gemischten Gefühlen sehen, da Kultur natürlich wachsen sollte. Dennoch gibt es zahlreiche historische Beispiele dafür, dass Kultur gerade in reichen Metropolen im Zuge der Wohlstandsgewinnung gedeihen kann.


Wie verhält es sich mit Bildung?


Bildung einzukaufen ist prinzipiell eine sehr gute Idee, von der die Menschen in der Region langfristig profitieren werden. Allerdings muss man auch Bildung kaufen, von der die Leute Gebrauch machen. Der Sorbonne-Campus in Abu Dhabi beispielsweise dürfte vor allem ein Prestigeprojekt bleiben, da die frankophone Bevölkerung der Golfregion verschwindend klein ist. Sinnvoller scheinen Abu Dhabis Kooperationen mit anglophonen Universitäten, zum Beispiel der New York University, die kürzlich hier einen Campus eröffnet hat. Noch wichtiger jedoch, als ausländische Namen einzukaufen, ist es eigene Bildungsinstitutionen zu etablieren. Die Region braucht den Mut, ihre eigenen Marken aufzubauen und diese selbstbewusst nach Außen zu vermarkten. Hoffnung macht etwa das »Masdar Institute of Technology«, das den Anspruch hat, eine weltweit führende Forschungseinrichtung für erneuerbare Energien zu werden.


»Die Region muss ihre eigenen Marken aufzubauen«

Wie werden sich die VAE insgesamt in den nächsten Jahren entwickeln, auch im Vergleich zu aufstrebenden Konkurrenten wie Katar und Saudi-Arabien?


Das Land muss die Probleme Dubais in den Griff bekommen und das verlorene Vertrauen wieder herstellen. Wenn das gelingt, haben die Emirate auf Grund ihrer früh eingeschlagenen Diversifizierungsstrategie gute Chancen, langfristig das führende Dienstleistungszentrum der Golfregion zu werden. In vielen Bereichen ist insbesondere der Vorsprung Dubais trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten für die regionalen Konkurrenten kaum mehr einzuholen, vor allem in den Bereichen Logistik, Luftfahrt und Finanzen. Auch die Infrastruktur innerhalb der VAE ist wesentlich besser als in den Nachbarländern. Daher werden internationale Unternehmen wohl auch langfristig ihre regionalen Geschäfte nicht aus Doha oder Riyadh führen, sondern weiter aus Dubai oder Abu Dhabi.



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