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Dominik Peters
Es war ein Einzeltäter. Seine Opfer waren wehrlos. Eine Mutter und ihre drei Kinder im Alter von fünf, 13 und 16 Jahren erschoss er, zwei weitere Kinder überlebten schwer verletzt. Der zu Hilfe eilende Wachmann der israelischen Siedlung Itamar in der Nähe von Nablus wurde ebenfalls von dem palästinensischen Mörder getötet.
Das war im Juni 2002. Die Medien hatten es längst vergessen.
Nun, nachdem es am vergangenen Wochenende in Itamar wieder zu einem grausamen Mord an wehrlosen Menschen gekommen ist, blickt die Weltöffentlichkeit erneut mit Fassungslosigkeit auf die Siedlung. Dort wurde eine Familie im Schlaf von bislang unbekannten Tätern bestialisch ermordet: Vater, Mutter und drei Kindern – das Jüngste war erst drei Monate alt – wurden im Schlaf die Kehle mit einem Messer aufgeschlitzt.
An der Beisetzung der Opfer in Jerusalem nahmen nach israelischen Medienangaben rund 20.000 Menschen teil. Der ehemalige aschkenasische Oberrabbiner Jona Metzger, erklärte: »Itamar muss als Antwort auf diese Tat eine Großstadt werden.« Unterstützung bekam er von Innenminister Eli Jischai und Benjamin Netanjahu.
Der israelische Ministerpräsident erklärte bei einem Besuch der Angehörigen: »Sie morden – wir bauen.« Die neuen Wohneinheiten sollen außer in der Siedlung Ariel auch im Großraum Jerusalem – namentlich in den Siedlungsblöcken Ma’ale Adumim, Gusch Etzion und Modi’in Illit – errichtet werden.
Der Schock über den grausamen Mord hat Israel schwer erschüttert. Dass der palästinensische Premierminister Salam Fayyad und Präsident Mahmud Abbas die Tat mit deutlichen Worten verurteilten, war das Mindeste, was Israel erwartete, nachdem die Onlineausgabe der Jedioth Ahronoth auch noch über eine Feier in Rafah anlässlich des Massakers berichtet hatte, auf der Süßigkeiten an Kinder verteilt wurden.
Wer der Täter gewesen sein könnte, wurde indes noch nicht geklärt. Nach Armeeangaben führen die Spuren der Täter ins nahe gelegene palästinensische Städtchen Awarta. Bewiesen ist das jedoch noch nicht, nur soviel ist sicher: das palästinensische Dorf und die israelischen Siedlung sind so etwas wie der Mikrokosmos des Konflikts. Seit Jahren gibt es dort einen blutigen Konflikt – zu dem auch die radikalen Siedler mit beitragen.
Die Siedlung Itamar wurde 1984 unter Federführung der Siedlerorganisation »Amana« von mehreren Familien errichtet. Sie hatten die Jerusalemer »Machon Meir Jeschiva« besucht, die 1973 von dem Rabbiner Dov Bigon gegründet wurde, der seine Ausbildung bei Rav Tzvi Jehudah ha-Kohen Kuk – dem Spiritus Rector des »Gusch Emunim« – an der berühmten »Merkaz ha-Rav« bekommen hatte.
Diese Einrichtung avancierte infolge des Sechstagekrieges 1967 zum Zentrum der national-religiösen Männer um Hanan Porat, Mosche Levinger und andere spätere Führungspersönlichkeiten der Siedlerbewegung. Mit der radikalen Ideologie Rav Tzvi Jehudah ha-Kohen Kuk’s und den ähnlichen Vorstellungen Dov Bigons im Gepäck entstand auch die Siedlung Itamar, nahe der palästinensischen Stadt Nablus – und doch mitten im nirgendwo.
Genauso wie es die Siedler sich vorgestellt hatten, die nach der Losung »Für Volk, Land und Torah« sowohl den religiösen Zionismus wie die Stringenz und Strenge der Einhaltung der Gebote der Ultra-Orthodoxie noch zu übertreffen wollen und sich in einer Tradition mit den säkularen »Chalutzim« sehen. Jenen Pionieren, die in den 1920ern und 1930ern die Grundstrukturen für den heutigen Staat legten.
Die Siedler aus Itamar sind also nicht unter jenen Israelis zu subsumieren, die beispielsweise in Ma’ale Adumim nahe Jerusalem leben und die den Charakter einer Trabantenstadt hat – wenngleich sie völkerrechtlich illegal ist. In Itamar leben ideologisch Hartgesottene, die ihre palästinensischen Nachbarn drangsalieren – und die zum Teil erst seit 2005, nach dem der damalige Ministerpräsident Ariel Scharon den Gaza-Streifen räumen ließ, dort leben.
Zu diesen Spätaussiedlern aus »Gusch Katif« gehörte auch die fast vollständig ermordete Familie. Im Kampf um die mediale Vorherrschaft hat sich Juli Edelstein, Likud-Abgeordneter und Minister für Information und Diaspora-Angelegenheiten, dazu entschlossen, drastische Fotos an die Weltöffentlichkeit zu geben, auf denen man die blutüberströmten Leichen deutlich erkennt. Es war das erste Mal in der Geschichte Israels, dass die Opfer eines Anschlags auf Fotos zu sehen und erkennen waren.
Edelstein, der mit seiner Familie in Neve Daniel im Siedlungsblock »Gusch Etzion« wohnt, erklärte israelischen Medienangaben zufolge: »Wenn in Zukunft ein Redakteur irgendwo in der Welt einen Artikel darüber schreibt, wie furchtbar das israelische Militär oder die Siedler angeblich sind, wird er sich vielleicht an diese Bilder erinnern.« Man habe so etwas noch nie gemacht, sich aber nun – nach Rücksprache mit den Hinterbliebenen – dazu entschlossen, diesen Schritt zu gehen, denn: »Nur diese Horrorfotos können der Welt verdeutlichen, womit Israel es zu tun hat«.
Unterstützung bekommt er von der konservativen Tageszeitung Jerusalem Post, die an die Fotofälschungen während des Zweiten Libanonkriegs im Jahr 2006 und der Operation »Gegossenes Blei« im Jahr 2009 erinnert. Damals war nach Veröffentlichung einiger Fotos bekannt geworden, dass diese gefälscht worden waren. Auch die sonst sehr regierungskritische links-liberale Haaretz befürwortet den Schritt. Nir Hasson ist sich nach der Veröffentlichung der Bilder sicher: »Jeder, der seine Menschlichkeit nicht gänzlich verloren hat, wird künftig vorsichtiger sein, wenn es um Israel geht.«
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