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Sechs Monate nach Beginn der Revolution in Libyen ist der Sieg über Gaddafi in greifbare Nähe gerückt. Tripolis ist so gut wie eingekesselt, mehr und mehr Minister, Generäle und Mitglieder der Entourage des Diktators ergreifen die Flucht ins Ausland oder ergeben sich den Rebellen.
Der Feldzug der Rebellen, trägt langsam aber sicher die ersten Früchte. Immer mehr Territorium können sie erobern und auch halten. Der Übergangsrat ruft die Kämpfer auf, sich in die neu formierte Nationalarmee einzugliedern, was bei vielen großen Zuspruch findet.
Im Osten Libyens und in weiteren befreiten Städten im Westen weicht die Euphorie der Normalität des Alltags. Geschäfte sind wieder geöffnet, Menschen gehen ihrem Alltag nach und es kommt immer wieder die Frage auf: Wie geht’s es jetzt weiter? Was passiert nach Gaddafi?
Innerhalb der letzten 30 Jahre hat sich innerhalb Libyens und verstärkt unter den in der Diaspora lebenden Libyern eine Opposition gebildet, die gezielt auf den »G-Day« – der Tag an dem Gaddafi fallen wird – hin gearbeitet hat. Auf politischer als auch sozialer Ebene. Der Übergangsrat ist eines der Ergebnisse dieser jahrelangen Arbeit, Libyer im Land und aus dem Exil haben innerhalb kürzester Zeit ein Organ geschaffen, das für die nötige Stabilität sorgt und das Land und seine Bürger in die Demokratie überführen wird.
Eine Übergangsverfassung wurde vom Rat unterzeichnet und veröffentlicht. In den ersten acht Monaten nach dem Fall von Gaddafi werden die ersten freien Wahlen für einen Nationalrat in Libyen stattfinden. Dieser wird dann eine Kommission ernennen die für das freie Libyen die Verfassung schreibt und diese wird dann einem Referendum vorgelegt.
Viele Stimmen warnen jedoch davor, dass Libyen nach dem Fall von Gaddafi im Chaos versinken kann. Gerade nach der Ermordung von Abdul Fatah Yunus und den ersten Konflikten innerhalb des Übergangsrates, die öffentlich ausgetragen wurden, sind diese in ihrer Meinung bestärkt worden. Auch die »Warnung«Gaddafis, die Stämme in Libyen gegeneinander auszuspielen, sollte er nicht mehr an der Macht sein und so Libyen in ein von Bürgerkrieg und Anarchie gebeuteltes Land verwandeln, löst Bedenken aus, ob nicht ein weiteres Somalia oder Afghanistan entstehen kann.
Alle großen Stämme Libyens haben sich seit Beginn der Revolution dem Übergangsrat verschrieben und ihm ihre Unterstützung zugesagt. Allein die Tatsache, dass Gaddafi gegen das eigene Volk Söldner eingesetzt hat, zeigt, dass er keinen Zuspruch seitens der Libyer hat. Und sich nur durch Subventionen und Schweigegeld über Wasser hält. Die libysche Gesellschaft ist ohne Zweifel eine Stammesgesellschaft und wird es auch bleiben. Seit Jahrzehnten von Gaddafi für seine Propaganda verwendet, war sie nie ein Rückgrat für ihn. Mit Sicherheit stellen die libyschen Stämme jetzt und auch in Zukunft kein Konfliktpotential, sondern eher ein fundamentalen Katalysator der Revolution dar.
Nicht nur seit Beginn der Revolution schauen die Libyer in Richtung der Golfstaaten und fragen sich, warum Libyen keine vergleichbare wirtschaftliche Entwicklung erfahren hat. Trotz des Ölreichtums und der verglichen zu den Nachbarn Tunesien und Ägypten geringen Bevölkerungszahl haben viele junge Libyer bisher keine Perspektive im eigenen Land gesehen. Sie haben sich in einem Land wiedergefunden, das von Korruption und Misswirtschaft geprägt war, in dem sie sich nicht wiedererkannt haben.
Die Revolution hat das Potential aufgedeckt, welches in diesen jungen Libyern schlummerte. Mittlerweile tritt in vielen befreiten Städten eine politische und gesellschaftliche Dynamik ans Licht, die es so in Libyen nicht gegeben hat, und von diesen jungen Menschen maßgeblich angetrieben wird. Sie gründen Parteien und NGOs, die sich mit der politischen Zukunft Libyens sowie den sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Revolution befassen. Gerade diese jungen Libyer sind die treibende Kraft der Revolution und der Zukunft Libyens.
Trotz all dieser positiven Vorzeichen schaut Libyen einer schwierigen Zeit entgegen, die von jedem einzelnen Bürger Engagement und Initiative abverlangt. Alle Bedenken, die gegen ein freies demokratisches Libyen sprechen, können nur von uns Libyern zerschlagen werden, indem wir zeigen, dass es auch anders gehen kann als in den 42 Jahren zuvor.
ist Sprecher der »Libyschen Gesellschaft in Deutschland«, die die Regierung des »Nationalen Übergangsrat «vertritt.
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