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Türkei auf der CeBIT 10.03.2011

Leicht unter Wert verkauft

Nils Metzger


Nicht innovativ genug, nicht offen genug, nicht konkret genug, nicht sensationell genug. Die CeBIT zieht ein kritisches Publikum an, das durch den rasanten technischen Fortschritt der letzten Jahre erfolgsverwöhnt auf die Türkei herab lächelt. Die Ankündigung des türkischen Premiers Erdogan, »in kürzester Zeit« ein Fünftel des Exportvolumens in der IT-Branche zu erzielen, lockte kaum einen der Fachbesucher hinter seiner Maske aus nerdig-professioneller Abgeklärtheit und Lethargie hervor.


Dabei bot der türkische Auftritt durchaus Überraschungen und unzählige Belege für den beeindruckenden Aufstieg als IT-Nation. Insgesamt 81 türkische Unternehmen präsentierten ein enorm vielfältiges Bild der örtlichen Elektronikindustrie. Auf 4300 Quadratmetern zeigten sie, dass sinnvolle Entwicklungen meist im Detail liegen.


So verfügt der Osten der Türkei beispielsweise über eine sehr geringe Dichte an Elektronikfachmärkten – ein Nachteil, den die Region durch ein enormes Wachstum im E-Commerce-Sektor ausgleicht, so Efe Aras, Manager beim Istanbuler Anwendungs-Entwickler Visilabs. »Eine große Zahl von Verkaufsplattformen für gebrauchte Geräte versorgt diese abgelegenen Gegenden.« Auch türkische Portale wie hepsiburada.com oder sahibinden.com setzen dabei wie der Globalplayer Amazon auf personalisierte Werbung und auf den einzelnen Kunden zugeschnittene Angebote. Die Software hierfür entsteht direkt in der Türkei – Unternehmen wie Visilabs knüpfen derzeit jedoch erste Kontakte ins Ausland. »Besonders in Zentralasien hoffen wir auf enorme Wachstumsraten«, berichtet Aras.


Die Technologiesparte des Industriegiganten Koc, KocSistem, stellte RFID-Systeme vor, die das Identifizieren von einzelnen Frachtlieferungen in den großen Umschlagsplätzen der Welt erleichtern. Unternehmensvertreter Resat Helvaci sieht insbesondere im Nahen Osten noch technologischen Nachholbadarf. »Die Abfertigungsprozesse für Frachtcontainer sind an vielen Standorten im Vergleich zu Europa noch immer nicht effektiv genug. Die RFID-Technik verhindert, dass Waren verloren gehen und beschleunigt die Be- und Entladung.« Die für die zweite Jahreshälfte 2011 geplante Privatisierung der türkischen Häfen stelle dabei eine Chance dar: »Das wird neue Investoren ins Land locken und das Handelsvolumen mit Westeuropa vergrößern.«


Türkei noch nicht auf Wolke 7

Suchte man an den türkischen Messeständen nach Eigenentwicklungen für das diesjährige Trendthema »Cloud Computing«, also dem Abruf von Daten und Programmen über einen Internetserver, ohne dass lokal gespeichert wird, wurde man nicht fündig. Sowohl die Türkei als auch der Nahe Osten sind hier noch immer auf dem Stand eines Entwicklungslands. »Wir sind vollends damit beschäftigt, die Technik in Deutschland zu verbreiten. Aus dem islamischen Raum sind mir keine Anfragen bekannt«, berichtet Mark Clark von Siemens Communications. Und das, obwohl die Türkei im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarstaaten bereits über ein weit ausgebautes Breitband-Netz verfügt.


Während die Technik in Europa bereits erfolgreich die Kosten der IT-Abteilungen senkt, beschränkt sich die Nutzung in der Türkei noch auf Szenetreffen, wie dem CloudCamp, welches im September 2010 mit rund 160 Teilnehmern erstmals in Istanbul stattfand. Dort trafen keine Geschäftsleute, sondern lediglich Vertreter einer Netz-Avantgarde aufeinander. Die CeBIT-Pressereferenten von IBM über Microsoft bis Cisco, die allesamt einen Fokus auf Cloud-Technologien gelegt hatten, reagierten auf Erfahrungen mit der Türkei hin angesprochen ertappt: »Hinterlassen Sie doch Ihre Kontaktdaten, wir werden Sie in den kommenden Tagen kontaktieren«, so die Standardantwort.


Eine Brücke nach Deutschland bauen

Positiver gestaltet sich da die enge Verzahnung zwischen deutschen und türkischen Unternehmen: Der Mobilfunkanbieter Turkcell eröffnet kommenden Monat seine europäische Konzernzentrale in Köln. Mit besonders günstigen Türkei-Verbindungen möchte das Unternehmen Millionen Kunden an sich binden. Die Frage, welches Wachstum man in den ersten Monaten anstrebe und Informationen, wie man sich im Marketing von etablierten Anbietern abgrenzen möchte, konnte keiner der Turkcell-Mitarbeiter gegenüber zenith beantworten.


Die Türkei hat als IT-Standort wohl noch einen weiten Weg zurückzulegen, bis es die Erwartungen ihres Ministerpräsidenten erfüllt. Doch die Entwicklungen sind da und auch in Deutschland versucht man, rechtzeitig die Weichen zu stellen und deutschen Unternehmen Hilfe beim Markteintritt zu geben. Wenn auch noch im kleinen Rahmen, präsentierte sich das »Türk-Alman Business Center« der niedersächsischen Standortförderungsgesellschaften NGlobal und Hannoverimpuls als erste Anlaufstelle für deutsche Geschäftsleute, die mit der türkischen IT-Szene Kontakt aufnehmen wollen.


Das norddeutsche Bundesland versucht, als Investitionsstandort gezielt bei türkischen Unternehmen an Attraktivität zu gewinnen – eine in Deutschland bislang einzigartige Initiative. Auch im April begleitet sie den dann anstehenden Niedersächsischen Außenwirtschaftstag 2011. Partnerland ist abermals die Türkei.



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