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Dokumentarfilm »Die Guantanamo-Falle« 29.08.2011

Keiner kommt hier heil heraus

Yasemin Ergin


Wie gewinnt man als Filmemacher das Vertrauen eines Menschen, der fünf Jahre lang unschuldig im US-Terrorgefängnis Guantanamo gefangen gehalten, verhört und gefoltert wurde, den die Politiker im Stich ließen und den die Medien in seiner Heimat als »Bremer Taliban« abstempelten? Der deutsch-kanadische Regisseur Thomas Selim Wallner versuchte es mit Humor: »Als ich ihn traf, hatte Murat genug von Journalisten, die ihm mit ernster Miene ernste Fragen stellten und immer nur wissen wollten, wie schlecht es ihm geht und wie traumatisiert er ist. Ich habe ihn auch mal zum Lachen gebracht. Auf den langen Autofahrten von einem Drehort zum anderen etwa, habe ich mir Rap-Songs über Murat und die Taliban ausgedacht und sie ihm vorgesungen. Wir haben uns gut verstanden.«


Thomas Wallner erzählt diese Anekdote in einem Hamburger Bistro, wenige Stunden nachdem er im Kino nebenan seine aufrüttelnde Dokumentation »Die Guantanamo-Falle« präsentierte. Murat Kurnaz sitzt ein paar Tische weiter und unterhält sich.


Als er seinen Namen hört, blickt er rüber und zieht nur kurz die Augenbrauen hoch. Seine Haare sind inzwischen raspelkurz, der Rauschebart abrasiert. Während der mehrere Jahre andauernden Arbeit an der Guantanamo-Doku ist so etwas wie Freundschaft entstanden zwischen dem in Bremen geborenen Sohn türkischer Eltern, der als 19-Jähriger zum Terrorverdächtigen wurde und in einer Zelle in Guantanamo landete, und dem gebürtigen Bayern, der kurz nach seinem Schulabschluss nach Kanada auswanderte und dort als Dokumentarfilmer Karriere machte. Sie waren schon gemeinsam in Berlin und Bremen, um den Film vorzustellen, der Hamburger Termin ist der letzte.


»Ja, ich habe Bin Laden gesehen. Im Fernsehen, wie jeder andere auch«

In Wallners Dokumentation »Die Guantanamo-Falle«, der zeitgleich zum fünfjährigen Jubiläum von Kurnaz’ Entlassung aus Guantanamo Deutschlandpremiere hatte, blitzt er hin und wieder ganz kurz auf, Murat Kurnaz’ Sinn für Humor. Etwa, wenn er in gleichmütigem Ton erzählt, wie er kurz nach seiner Verhaftung in Pakistan auf die immer wiederkehrende Frage nach Osama bin Laden geantwortet habe: »Ja, ich habe ihn gesehen. Im Fernsehen, wie jeder andere auch«, oder wie er in Guantanamo irgendwann angefangen habe, Verhöre zu verweigern und den Vernehmungsbeamten geraten habe, sie könnten ja ihre Bänder zurückspulen, wenn sie sich unbedingt immer wieder die selben Aussagen von ihm anhören wollten.


In solchen Momenten huscht ein trotziger, fast verschmitzter Ausdruck über das Gesicht des ansonsten stets ernst und unnahbar wirkenden jungen Mannes. In erster Linie aber erzählt Wallners Film, wie die Guantanamo-Erfahrungen und der über Jahre hinweg anhaltende Terrorverdacht Murat Kurnaz zu einem einsamen Menschen gemacht haben, der Dinge erlebt hat, die er mit niemandem wirklich teilen kann. Und wie seine Mutter Rabiye Kurnaz, die während seiner 5-jährigen Haft alles in Bewegung setzte, um seine Freilassung zu erwirken, noch heute unter der bitteren Ungerechtigkeit leidet, die ihrem Sohn widerfahren ist.


Das Besondere an der Dokumentation »Die Guantanamo-Falle« aber ist, dass er eben nicht nur die Geschichte des unschuldig zum Opfer des US-Anti-Terrorkampfes gewordenen Bremers erzählt. Der Film porträtiert auch die Offiziere Diane Beaver und Matt Diaz, die in Guantanamo waren, weil sie ihrem Land dienen wollten.


Beaver, die überzeugte Patriotin, ging als Rechtsberaterin für das US-Militär nach Guantanamo. Dort verfasste sie, nach einer entsprechenden Anweisung ihrer Vorgesetzten und gemeinsam mit ihrem Team, ein Memo, das aggressive Verhörmethoden auflistete, die im geltenden Rechtsrahmen möglich wären. Das Dokument landete ungeprüft auf dem Schreibtisch des damaligen Verteidigungsministers Rumsfeld und wurde nach geringfügigen Änderungen von ihm abgezeichnet.


Wallner lässt Raum für verschiedene Versionen der Geschichte

Als die Regierung nach dem Abu Ghraib-Skandal unter Druck geriet, untersuchte ein Ausschuss in Washington auch die Zustände in Guantanamo. Diane Beaver, die Unterzeichnerin des Folter-Memos, wurde zum Sündenbock der Regierung – sie alleine musste sich vor Gericht für die Folterpraktiken in Guantanamo verantworten, ihr Name wurde zum Inbegriff von illegaler Folter und krimineller Verhörpraktiken. Man habe sie zur »Folter-Lady« abgestempelt , sagt sie an einer Stelle in Wallners Film bitter, dabei habe sie nur ihre Pflicht erfüllt. Beavers Karriere und ihr Ruf waren ruiniert, sie verließ das Militär, versucht sich ein neues Leben als Zivilistin aufzubauen. Behutsam begleitet Wallners Kamera sie bei diesen Bemühungen, klagt sie nicht an, sondern lässt ihr Raum für ihre Version der Geschichte.


Auch für Matt Diaz wurde Guantanamo zur Falle, die sein Leben ruinierte. Der ehrgeizige, smarte Anwalt ging als Rechtsoffizier in das Gefangenenlager. Seine Aufgabe war es, die Misshandlungen der Häftlinge zu dokumentieren und zu verhindern, dass diese Rechtsbeistand von außen erhielten. Schon bald plagten ihn Gewissenskonflikte. Die Zustände in Guantanamo stellten sein Wertesystem auf den Kopf, seine Arbeit erschien ihm falsch und sinnlos.


In dieser Zeit wurde er auf den Appell der Menschenrechtsanwältin Barbara Olshansky aufmerksam, die monatelang vergeblich die Herausgabe der Namen aller Häftlinge forderte, um ihnen ihre verfassungsrechtlich zustehenden Rechte zukommen zu lassen. Matt Diaz entschloss sich zu einem gewagten Schritt. In mehreren Nächten kopierte er die Namen und Nummern der Insassen aus den Geheimakten, zu denen er Zugang hatte, versteckte die winzigen Papiere in einer Valentinskarte und schickte sie Olshansky.


Doch diese hielt die Karte für einen schlechten Witz oder eine Falle und informierte die Behörden. Kurz danach wurde Matt Diaz vom FBI verhaftet und wegen Spionage angeklagt. Er verlor seine Anwaltslizenz, seinen militärischen Rang und seine Rentenansprüche, wurde zum Landesverräter abgestempelt. Seine Ehe ging in die Brüche, seine Freunde und Kollegen wandten sich von ihm ab.


Eine wirkungsvolle Abrechnung

Heute lebt er in New York und kämpft gegen die Obdachlosigkeit – als Anwalt darf er nicht mehr arbeiten, mit seiner Vorstrafe bekommt er auch keinen anderen Job. »Ich habe alles für die Mission getan, alles, bis auf diese eine Sache«, sagt er heute. Die Geschichte des Navy-Offiziers, der das Richtige tun will und dafür gnadenlos bestraft wird und alles verliert – Hollywood hätte sie sich nicht besser ausdenken können. 


Drei tragische Einzelschicksale, drei unterschiedliche Lebenswege, drei Menschen, deren Leben durch das System Guantanamo ruiniert wurde. Mit seinem Film ist Thomas Wallner eine Abrechnung gelungen, die umso wirkungsvoller ist, weil sie zeigt, dass niemand aus der »Guantanamo-Falle« heil herauskommt – egal, auf welcher Seite er oder sie steht.


Die Idee zu dem Film entstand aus Wallners persönlichen Erfahrungen mit dem Anti-Terror-Krieg der USA: Einen Tag nach der Wiederwahl von George W. Bush reiste er in die USA ein und weigerte sich aus einer Laune heraus, am Flughafen seine biometrischen Daten preiszugeben. »Es war albern und dumm«, sagt er heute, »aber ich war sauer und wollte einfach sehen, was passiert.«


Was folgte, waren stundenlange Verhöre – und ein Eintrag auf der offiziellen Liste der US-Terrorverdächtigen. Fünf Jahre lang blieb sein Name auf dieser Liste. In die USA einreisen durfte der Filmemacher zwar dennoch, aber er musste sich daran gewöhnen, bei jeder Einreise mehrere Stunden für Verhöre einzuplanen, wurde jedes Mal wie ein Krimineller behandelt, erlebte Beamtenwillkür und tiefes Misstrauen.


Verantwortung, Schuld und Schicksal

In dieser Zeit las er Murat Kurnaz’ Buch über dessen Erfahrungen in Guantanamo. Dessen Geschichte berührte ihn: »Ich habe mich jedes Mal hilflos und ausgeliefert gefühlt in den Verhörsituationen. Dabei wusste ich genau, dass mir nichts passieren kann, dass die Verhöre einfach nur lästige Routine waren und ich danach wieder unbehelligt heraus spazieren würde.« Der Gedanke, wie es einem Menschen gehen muss, der diese Sicherheit nicht hat, sondern in einem rechtsfreien Raum seinen Vernehmern völlig ausgeliefert ist, ohne zu wissen, ob er jemals wieder freikommt, der ließ ihn nicht mehr los.


Ursprünglich, so erzählt Wallner heute, wollte er mit seinem Film einfach nur Rache nehmen. Doch schon bald entschloss er sich, die Perspektive des Filmes zu erweitern, verschiedene Menschen, die aus verschiedenen Gründen in Guantanamo gelebt, gearbeitet und gelitten haben, zu Wort kommen zu lassen. Statt einer schlichten Anklage ist dem Regisseur so eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Guantanamo gelungen, die viel mehr ist, als eine Dokumentation über das Gefangenenlager, sondern ein Film über große Fragen wie Verantwortung, Schuld und Schicksal.


Ein Film, der aber auch viele Fragen offenlässt. Etwa über die Menschenrechtsanwältin Barbara Olshansky, die aus Angst und Misstrauen ihre Ideale verriet und das Leben eines Menschen zerstörte, der ihr helfen wollte, ihre Ziele zu erreichen. Sie wollte sich für Wallners Film nicht interviewen lassen. 


Und Murat Kurnaz? Er will eigentlich nur ein normales Leben und nicht mehr so viel über Guantanamo reden. Es gehe ihm gut, versichert er, er habe das alles gut verkraftet, ganz ohne Psychotherapie. Entschuldigt habe sich bis heute kein Politiker bei ihm, aber: »Für eine Entschuldigung ist es jetzt eh zu spät.« Das Einzige, was ihn traurig mache, sei, dass Guantanamo immer noch nicht geschlossen ist und immer noch 170 Menschen dort leiden müssen. Wie ihm Thomas Wallners Film gefalle? Gut, natürlich. Das Einzige, was er nicht so toll finde sei, dass er in jeder Szene im Film so ernst und düster wirke. »Aber das habe ich dem Thomas auch gesagt«, sagt Kurnaz. Und grinst.

Die Guantanamo-Falle


wird am 3. September um 23 Uhr im NDR-Fernsehen gezeigt.


www.guantanamotrap.com




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