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Mohamed Amjahid
Offiziell geht der libysche Übergangsrat von rund 25.000 Toten aus, die die Kämpfe gegen Muammar al-Gaddafi gefordert haben. Die Zahl der Kriegsverletzten in Libyen wird dagegen auf über 100.000 geschätzt. Genau gezählt hat sie bis heute keiner. »Die Versorgungslage ist katastrophal«, sagt Bassam Helou, Vorstandsvorsitzender von Transumed Medizintechnik, einem Unternehmen für Medizinausrüstung, und Mitglied einer Delegation, die sich vor einigen Tagen in Libyen ein Bild der Lage gemacht hat.
»Das Krankenhaus von Misrata existiert nicht mehr«, beschreibt Helou seine Eindrücke. Das vor einem Jahr neu renovierte Gebäude wurde im Bürgerkrieg komplett zerstört. »Selbst die Erstversorgung aller Patienten kann nicht gewährleistet werden«, sagt Helou. Dabei werden nach Misrata alle Verletzten aus der Umgebung eingeliefert. Deswegen hat sich der Unternehmer zusammen mit dem Deutsch-Libyschen Forum, einem Zusammenschluss deutscher Ärzte und Nichtregierungsorganisationen, vorgenommen, die Versorgungslage in Libyen zu verbessern. Die Krankenhausaufenthalte einiger libyscher Kinder in Deutschland haben sie bereits finanziert, ihre Behandlung erfolgreich organisiert. Die ersten von ihnen sind bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
In Libyen selbst fehlt es aber an nahezu allem: trainiertem Personal, Behandlungszimmer, Krankenbetten, Medizin. Die Menschen stehen vor einer zertrümmerten Landschaft, die Verletzten müssen weiter leiden. In Misrata werden alle Behandlungsschritte im gleichen, provisorisch eingerichteten Raum durchgeführt: Registrierung, Erstversorgung mit Beruhigungsmitteln bis hin zu kleinen Notoperationen, alles dicht an dicht.
Als die Kämpfe in Libyen anfingen, blickte die ganze Welt auf die Hilfsbereitschaft der Tunesier. Als im Februar und März die ersten Kriegsflüchtlinge die tunesisch-libysche Grenze überschritten, entgegneten ihnen die Tunesier mit Herzlichkeit und humanitärer Ersthilfe, obwohl sie nach ihrer Revolution Versorgungsprobleme für die eigene Bevölkerung zu beklagen hatten. Mehr als ein halbes Jahr später sind die Tunesier immer noch gastfreundlich, allerdings ohne die nötigen Mittel dafür zu haben. Allein im früheren Auffanglager an der libyschen Grenze gibt es 500 Verletzte, die nicht richtig versorgt werden können.
Christoph Rangger ist Chefarzt am Frankfurter Krankenhaus Nordwest. Der Unfallchirurg war auch in Libyen vor Ort und zeigt sich ebenfalls besorgt: »Vor allem die hygienische Lage ist entmutigend, die meisten Patienten klagen über Infektionen.« Das sei auch ein Problem für die Behandlung in Deutschland. Wegen Keimgefahr könnten nur spezielle Krankenhäuser diese Patienten aufnehmen. In Sirte und Banu Walid treffen die Rebellen derweil auf erbitterten Widerstand der Gaddafi-Anhänger und somit werden immer neu verwundete Kämpfer und Zivilisten gemeldet. »Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und nehmen auf nichts und niemanden mehr Rücksicht«, sagt Helou.
Besonders komplizierte Fälle können kurzfristig weder in Libyen noch in Tunesien behandelt werden: »Am einfachsten wäre es, die Infrastruktur der Bundeswehr zu nutzen«, sagt Rangger, »mit deren mobilen Krankenhäusern müssen die Leute nicht mühsam reisen und können vor Ort schnell und unbürokratisch behandelt werden«. Der Krieg allein sei jedoch nicht für die desolate Lage verantwortlich, so Rangger: »Gaddafi hat die Versorgung der Bevölkerung vernachlässigt«, sagt der Chefarzt, »damit kann von einem schnellen Wiederaufbau von Krankenhäusern nicht die Rede sein«.
Einen Beitrag zur Verbesserung der humanitären Lage möchte Wirtschaftsminister Philipp Rösler bei seiner Libyenreise am 12. und 13. Oktober leisten. Er will demonstrieren, dass seine Regierung uneingeschränkt an der Seite des libyschen Übergangsrates steht: » Gerade jetzt ist es wichtig, der neuen libyschen Regierung Unterstützung und Hilfe anzubieten«, erklärt Rösler in einer Pressemitteilung. Aus anderen europäischen Hauptstädten wie Paris, London oder Rom sind ähnliche Statements zu lesen.
Röslers Reise steht unter dem Motto: »Das neue Libyen nach Kräften Unterstützen«. Vor allem auf den Wiederaufbau der Infrastruktur haben es Unternehmen in Deutschland abgesehen: »Die deutsche Wirtschaft kann und will den libyschen Wiederaufbau begleiten und unterstützen«, so Rösler. Und der libysche Übergangsrat betont immer wieder, dass er für die Dienste und das Knowhow aus Deutschland und Europa auch gut zahlen würde.
»Die Gelder sind da, die Libyer brauchen einfach jemanden, der liefert«, sagt Unternehmer Helou. Mittlerweile ist rund ein Drittel der von den Vereinten Nationen versprochenen Gelder aus den Konten Gaddafis – die von vielen Staaten zuvor eingefroren worden waren – an die Übergangsregierung geflossen. Demnächst erwartet der Rat in Tripolis die Überweisung von weiteren 170 Milliarden Dollar und die Wiederaufnahme der Ölexporte wird ebenfalls reichlich Geld einbringen.
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