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Mustafa Majeed /WP-Irak
Angestrengt schaut Hussein Abdel Amir gen Himmel. Nur wenige Minuten zuvor, als er in seinem Laden saß, meinte er, einen staubigen, feuchten Luftzug eingeatmet zu haben. Tatsächlich: Dunkelrote Wolken ziehen über das Handelsviertel al-Karrada in Bagdad. Das Licht verändert sich mehr und mehr, die Luft wird staubig. Erste Anzeichen eines Staubgewitters, das mehrere Tage andauern könnte. Hussein Abdel Amir ist erfahren: Vor zwei Jahren lag die Stadt drei Wochen lang unter einer dunklen Staubwolke – ununterbrochen. Es war im Juli 2009. Hussein Abdel Amir kann sich noch genau daran erinnern.
Fadel al-Faradschji ist Metereologe. Vor allem in den vergangenen zwanzig Jahren, sagt er, hat das Phänomen stark zugenommen, weil Bauern in verschiedenen Regionen des Irak willkürlich Land abholzten, um es landwirtschaftlich nutzen zu können. Allein nach 2003 seien 240.000 Hektar Waldfläche verschwunden, schätzt er, Tendenz steigend. »In einem Land wie Irak, das unter Wassermangel leidet und das immer weniger Niederschlag erfährt, ist die Abholzung besonders gefährlich.« Gefährlich auch deshalb, weil jedes grünes Land, das abgeholzt sei, von der Wüste gefressen werde. Allein in der Nähe von Mosul, etwa 450 Kilometer nördlich von Bagdad, zählt der Meteorologe etwa 80 Dörfer, die bereits zu Teilen vom Sand begraben sind.
Eine Gefahr, die auch vor den Städten nicht halt macht. Früher hatte man Grünanlagen um sie herum gebaut, um sie zu schützen, erklärt Fadel al-Faradschi. Sie mussten aber mehr und mehr neuen Wohngebieten weichen. Mosul selbst sei besonders gefährdet. »Der Sand nähert sich der Stadt mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometern pro Jahr.« Das ist sehr, sehr schnell.
Im ganzen Irak bedecken die Sandmassen über 16 Millionen Hektar Land. Besonders betroffen sind die Provinzen im Süden und im Mittleren des Irak, schätzt Fadel al-Faradschji. Im Westen des Landes beträgt die Fläche der Wüste über 40 Millionen Hektar. Von hier aus kommt der Sand nach Bagdad.
Mahdi Katei Shani besitzt ein Stück Land in der Provinz Dhi Qar. Im vergangen Jahr konnte er sein ganzes Feld bestellen, heute bedecken Sanddünen mehr als einen Drittel davon. »Der Sand begräbt aber nicht nur unsere Äcker. Er verstopft die Wasserkanäle, so dass ich die Fläche, die mir noch bleibt, nicht mit Wasser versorgen kann." Bauer Mahdi Katei Shani sieht seine Lebensgrundlage bedroht. »Ich weiß nicht, ob ich in der Zukunft meine Familie ernähren kann.« Die Flucht in die Stadt, um dort einen neuen Anfang zu versuchen, wird für ihn immer wahrscheinlicher.
Nur eine der sozialen Folgen der Verwüstung, wie der Soziologe Dschasim al-Tai ausführt. »Immer mehr Menschen verlassen das Land und kommen in die Städte – die schon genug zu tun haben, die eigene Bevölkerung zu versorgen.« Ein anderes Problem komme hinzu: Durch die Landflucht fehlten der Landwirtschaft, die ohnehin schon sehr geschwächt sei, immer mehr Arbeitskräfte.
Dschasim al-Tai prognostiziert für die Zukunft eine zusätzliche Gefahr: die Wechselwirkung zwischen der demographischen Entwicklung und der Verwüstung. Die irakische Bevölkerung werde in den kommenden Jahren weiter wachsen. Um sie zu ernähren, müsse man mehr Land abholzen – um dort Tiere züchten zu können oder Landwirtschaft zu betreiben. »Wir werden den Schutz gegen die Wüste immer mehr verlieren«, erklärt Dschasim al-Tai.
»Der Regierung ist das Problem durchaus bewusst«, sagt Fouad al-Marsoumi. Er leitet das Referat zur Bekämpfung von Verwüstung im irakischen Umweltministerium in Bagdad. Um die Schäden zu beseitigen, brauche man aber Jahrzehnte – erst dann seien die Flächen landwirtschaftlich wieder nutzbar.
Seine Regierung hat jetzt ein Programm aufgelegt: 35 Millionen amerikanische Dollar sind in einer ersten Phase dafür vorgesehen. Man wolle zum einen den Sand abtransportieren, zum anderen plane die Regierung den Bau von Brunnen, um betroffene Flächen zu bewässern, wie Aouni Diab, Staatssekretär im irakischen Kabinett erklärt. »Zusätzlich haben wir im vergangenen Februar einen Internationalen Vertrag gegen die Verwüstung unterzeichnet und hoffen jetzt, Hilfe und Know-how von außen zu bekommen.«
Eine weitere Maßnahme sieht vor, die Sanddünen mit einer Schicht Erde zu bedecken und zu bepflanzen. So kann sich der Sand nicht weiter vorarbeiten. Diese Maßnahme gehört zu einem Projekt des Landwirtschaftsministeriums, das bereits vor vier Jahren angefangen wurde, insgesamt etwas zehn Jahre brauchen und etwa 60 Millionen amerikanische Dollar kosten wird. Das Ministerium könnte über 2,5 Millionen Hektar Ackerland zurückgewinnen, heißt es aus Kreisen des Ministeriums. Vor allem die Provinzen Dhi Qar, Diwaniya und Wasset würden davon profitieren.
Trotzdem hat die Regierung nach Ansicht des Meteorologen Fadel al-Faradschi zu spät reagiert. Und ihre jetzigen Strategien würden dem Ernst der Lage nicht gerecht. Seiner Ansicht nach müsste die Regierung an mehreren Punkten angreifen: zum einen die Bewegungen des Sandes mit Hilfe moderner Technologien wie GPS besser und genauer beobachten; zum anderen eine wirtschaftliche Infrastruktur in den ländlichen Regionen fördern, um die Landwirtschaft wieder zu beleben. Nicht zuletzt müssten alle, die willkürlich abholzten, endlich hart bestraft werden.
Mit freundlicher Genehmigung der Wirtschaftsplattform Irak (WPI).
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