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Jemens Süden 22.11.2011

In Aden ist das Leben unerträglich

Aus Aden berichtet Alaa Al-Aghbari


In Aden ist die Geschichte des Protests schon mindestens im Schulalter, lange bevor die ersten Araber auf die Straße gegangen sind, begann es hier in einer Grundschule zu brodeln. Die Bewohner der Stadt am gleichnamigen Golf sahen zuerst zu, wie Privatschulen in Aden wie Pilze aus dem Boden schossen – mittlerweile sind es 15 Stück und das ist sehr viel –, die Bürger sahen mit an, wie gleichzeitig die staatlichen Schulen vernachlässigt wurden, so dass Eltern ihre Kinder dorthin nur mit einem schlechten Gewissen und Reue schicken konnten. Irgendwann schauten die Bürger aber nicht mehr nur zu und es formierte sich der Bildungsstreik, lange bevor der Präsident gehen sollte.


Heute sieht es in den Schulen von Aden ganz anders aus. Mehr als 150.000 Flüchtlinge haben sich in mehr als der Hälfte der Gebäude eingerichtet – für längere Zeit. Die meisten davon flüchteten aus Abyan, der Nachbarregion von Aden, sie retteten sich vor dem Beschuss von oben, mit Kampfjets »made in USA« und »sponsered by Saudi Arabia«. Treffen sollten diese Bomben und Granaten »Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel« (AQAP), getroffen haben sie Familien mit Kinder, die sich nun auf ein Leben in heruntergekommenen Klassenräumen einlassen müssen.


Die Familien aus Abyan möchten natürlich wieder zurück in ihre Heimat, in ihre Häuser, nur wollen sie nicht wahrhaben, dass alles zerstört wurde. Abyan existiert nicht mehr. Und so sehen die Eltern von Aden zu, wie ihre Kinder sich in die verbliebenen Klassenräume zwängen, in denen bis zu 170 Schüler auf einmal auf dem Boden kauern, um wenigstens ein bisschen was zu lernen. Alltag in der Stadt, die mal als jemenitischer Bildungsstandort gefeiert wurde.


Generation Gaddafi

In Aden haben die meisten Jugendlichen angefangen Drogen zu nehmen. Der hiesige Journalist Anis Mansour hat in einem Artikel für die Tageszeitung Akhbar al-Youm mit dem Titel »Ihre Helden sind die Gaddafis« die Lage der Jugend treffend beschrieben. Sie kümmert sich nämlich nicht mehr, außer um die kleinen Rosa-Pillen, die ihr Denkvermögen stoppen und ihre Körper in einen Rausch des Vergessens, der Trägheit, der Trance und des Verwirrtseins versetzen. Die kleinen Pillen mit der Bezeichnung »Gaddafi« alarmierten die Ärzte und Eltern der Stadt, doch haben auch sie nur begrenzte Kraft für ihren öffentlichen Protest. Die einzige Psychiatrie Adens ist ebenfalls am Ende ihrer Kräfte, sie kommt nicht mehr nach, um die Masse an Gaddafi-geschädigten Jugendlichen zu behandeln. Sie sind für immer verloren, sie sind in der Mehrheit.


Mit dem Wort Jugend wird hier nicht mehr Aufbruch und Neuanfang verbunden, hier regiert die Perspektivlosigkeit, aber in einem Maße, dass man es sich nur dann vorstellen kann, wenn man hier war. Kein Sport, keine Freizeit, keine Bildung, kein Frieden: das Nichts hat aus den jungen Menschen hohle Wesen gemacht.


Aber auch in Aden nimmt das Engagement der Zivilgesellschaft zu. Die Bürger, die gestern noch für bessere Schulen stritten, organisieren sich heute, um noch grundlegendere Dinge des Alltags zu sichern. Oder besser gesagt: Sie werden organisiert. Denn die jemenitischen Muslimbrüder, die Partei der »islamischen Reform« oder die Partei der »Kinder Jemens« züchten sich ihre Armeen, die ihren Parteien nach dem Sturz des Systems vielleicht zur Macht verhelfen könnten. Sie gründen in Aden Frauenvereine, Jugendclubs und Suppenküchen, um bei den Menschen etwas gut zu haben. Selbst die humanitäre Versorgung funktioniert hier nicht ohne Ideologie.


Immerhin konzentrieren sich die Menschen auch auf die notwendige Hilfe, verteilen Essen in den Moscheen und erwarten von den wenigen internationalen Hilfsorganisationen noch ein bisschen mehr Unterstützung. Nur möchten diese, dass ihre lokalen Partner in Aden auf jeden Fall mit Organisationen aus dem Nordjemen kooperieren und somit gehen die ohnehin geringen Kapazitäten für einen Dialog drauf, der auf der Prioritätenliste der hungernden, kranken und verzweifelten Menschen in Aden nicht wirklich ganz oben steht.


Hier geht es dann eben doch um die große Politik, der Mensch und seine Würde geraten in den Hintergrund. So wollten die Oppositionsparteien den »Revolutionsrat zur Verteidigung und Sicherheit« gründen und somit die Stadt in ein Schlachtfeld, so wie in Sanaa und Taiz, verwandeln. Das wollten die Bürger von Aden dann doch nicht und haben es bis jetzt auch noch verhindern können. Doch wer einen Blick in die Zeitung wirft, wird merken, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis auch hier die Armeen der Saudi-Amerikaner, der Islamisten und des Systems des Präsidenten Ali Abdullah Saleh aufeinandertreffen.  


Aden ist das neue Abyan

Schon jetzt zermürben tägliche »Selbstmordattentate«, wie es in der staatlichen Presse ebenso täglich heißt, die Stadtbevölkerung. Hier wird ein General ermordet, dort eine Handgranate gezündet, die Detonationen gehören mittlerweile zur Stadtkulisse, genauso wie die Zahlen 3, 5 oder 7, wenn es wieder heißt, dass 3, 5 oder 7 Menschen – meistens als staatstreue Soldaten oder nationale Helden oder jemenitische Märtyrer bezeichnet – getötet worden sind.


Die Situation in Aden ähnelt der von Abyan, bevor die Nachbarregion ganz dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auch hier spielen die Salafisten, die Systemmilitärs, die Amerikaner, die Saudis und die internationalen Hilfsorganisationen  – oder was von ihnen übrig geblieben ist – die Menschen gegeneinander aus. Es ist demnach nur eine Frage der Zeit, dass der Vorzeigestadt im Südjemen ebenfalls der Garaus gemacht wird. Das Leben ist hier sowieso unerträglich.

Alaa Al-Aghbari


ist ein jemenitischer Blogger und Aktivist aus der südlichen Hafenstadt Aden. Seit Juli 2010 dokumentiert und kommentiert er auf seinem englisch-sprachigen Blog die Aktivitäten der südjemenitischen Sezessionsbewegung. Seit dem Anfang der landesweiten Anti-Regierungsproteste im Februar 2011, informiert er hauptsächlich durch Videos von den Demonstrationen in Aden.

http://opinions-alaaisam.blogspot.com/

http://twitter.com/#!/alaaisam



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