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Kriegstrauma in Sarajevo 05.06.2010

Im Kessel der Erinnerung

Raphael Geiger


»Da drüben stand der Feind«, sagt Boris, der Fremdenführer, und zeigt auf den Hügel. Er könnte überall hinzeigen, der Feind stand ja überall, rings um Sarajevo. Aber Boris hat keine Zeit, er muss schnell seine Geschichte erzählen, während er seinen weißen VW-Bus stadtauswärts steuert. Boris erzählt nicht, er rattert seine Geschichte herunter, als würde er sie zum tausendsten Mal vorlesen.

 

Dreizehn Jahre alt war er, als es losging. Die Belagerung dauerte von 1991 bis 1995, sie machte aus Sarajevo eine Hölle. Und verkorkste Boris seine Jugend, es steht ihm immer noch ins Gesicht geschrieben – auch wenn er seine Erscheinung eher über die getönte Pilotenbrille, die Markenjeans, die viel zu große Armbanduhr definiert. Boris ist ein Kriegsjunge.

 

Er bremst in einer Siedlung am Flughafen, in einer ärmlichen Wohngegend, eingeklemmt zwischen dem Flughafen und einer Kaserne der ausländischen Streitkräfte. Das Haus, vor dem Boris hält, ist von Granatsplittern zerstört. Es ist ein Denkmal: Hier lag der Eingang zu dem Tunnel unter dem Flugfeld hindurch, der die Stadt am Leben hielt.

 

Heute ist in dem Haus ein Museum, Besucher können durch ein zwanzig Meter langes Teilstück des Tunnels laufen. Die Familie des Hauses lebt davon, ihre Mitglieder wären sonst arbeitslos. Eine Wahl hatten sie damals nicht, bosnische Armeestrategen wählten ihr Haus als Tunneleingang aus. Jetzt gelten sie als Helden, aber davon können sie nicht abbeißen. Also ein Museum.

 

Boris sagt, in Bosnien wolle man die Vergangenheit nicht einfach vergessen, wie in vielen anderen Ländern. Überall gibt es Ausstellungen, die an die Jugoslawienkriege erinnern. Die Innenstadt von Sarajevo bestimmen Häuserfassaden aus Zeiten, als der Kaiser in Wien Bosnien regierte. Königlich-kaiserlicher Prunk, der viel zu erzählen hätte – die tausend Geschichten Sarajevos, das in einer kleinen Ebene rundherum umgeben von Bergen liegt.

 

Spuren der Geschichte: Olympischer Glanz und Absturz ins Verderben

Am Fluss liegt ein Museum, dort, wo 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen wurde. Vier Jahre später waren die kaiserlichen Zeiten auch in Sarajevo vorbei. Ein ungemütliches Jahrhundert hatte aber erst begonnen, wobei vom schönsten Kapitel heute noch das Olympiaviertel zwei Kilometer außerhalb erzählt. 1984 richtete Sarajevo die Winterspiele aus.

 

Wenn man auf einen der Berge fährt, sieht die Stadt sehr klein auf. Zuerst fuhren hier olympische Skifahrer um Medaillen, ein paar Jahre später feuerte die serbische Artillerie von hier aus hinunter nach Sarajevo. Es ist, als würden die Menschen die Geschichte niemals vergessen können, weil die Berge den Weg hinaus versperren. Die Erinnerung ist auf ewig gefangen in Sarajevo und den Köpfen seiner Menschen.

 

Wer nach Sarajevo kommt, kennt die Bilder schon vorher. Im Internet sind die Bilder der zerstörten Stadt schnell zu finden, etwa des zerstörten Regierungshochhauses. Auf dem Weg durch die Stadt sieht man sie wieder: Das Regierungsgebäude ist neu aufgebaut, es ist jetzt ein futuristisches Wunder, das überall auf der Welt die schreckliche Vergangenheit weggewischt hätte, nur nicht in Sarajevo. Man sieht den neuen, modernen Turm und denkt sofort an den Krieg.

 

Daneben gibt es ein Geschichtsmuseum, dessen Ausstellung über die dreieinhalb Jahre der Belagerung der Stadt nichts für schwache Nerven ist. Dreieinhalb Jahre lagerten die Serben um Sarajevo, das einst eine gemischte Stadt war, aber im Krieg blieben fast nur die muslimischen Bosnier in der Stadt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

Das Museum ist ein Pflichttermin, man muss die brutalen Bilder gesehen haben. Die Serben schossen ziellos von den Bergen in die Stadt. Jeder, der auf die Straße ging, riskierte sein Leben: Auf einem Foto liegt die Leiche einer Frau unbeachtet auf der Straße. Auf einem anderen lässt eine serbische Mordbande gerade ihre Opfer zurück.

 

Szenenschnitt. Gleich um die Ecke beweist Sarajevo seinen Galgenhumor: Im »Tito-Café« sitzt man auf Polstern in Tarnfarbe, links steht eine Sammlung von Kriegsspielzeug, rechts an der Wand dominiert der Schöpfer Jugoslawiens, Josip Broz Tito – in jedem der ehemaligen jugoslawischen Länder gibt es Menschen, die sich den alten Staat zurückwünschen. Das geschundene Bosnien ist keine Ausnahme.

 

Ein ganz anderes Bild, nachts auf der Ausgehmeile. Balkanrock schmettert durch die Straßen. In manchen Bars gibt es keinen Alkohol, aber das sind Ausnahmen. In den meisten wird gefeiert, bis wirklich alle den Krieg vergessen haben. Das Nachtleben von Sarajevo ist immer noch ein Geheimtipp.

 

Links im Fahrerfenster liegt Sarajevo. Wo sind wir?

Auch das ist Sarajevo: Eine Jugend, die mit der Erinnerung ihrer Eltern aufwächst und nur ein Ziel hat: Die Fußfesseln der Geschichte loswerden. Leben. Wohlstand. Europäer werden. Es wäre unfair, diese Seite von Sarajevo zu verschweigen. Es gibt sie, vorwiegend nachts, wenn die Museen geschlossen sind und diejenigen, die mit ihrer Vergangenheit kämpfen, schlafen.

 

Tunnelführer Boris bedankt sich beim deutschen Besucher für das Aysl von circa 200.000 Bosniern in Deutschland. »Sie sind gut aufgenommen worden«, sagt er. Wir fahren wieder im VW-Bus. Nach zwei Kilometern überqueren wir einen Bach und Boris sagt, wir seien jetzt in der »Republika Srpska«, der serbischen Republik.

 

Bosnien-Herzegowina ist ein verrücktes Land, anders gesagt: Es ist gar keines. Bosnier, Herzegowiner und Serben bilden einen Staat, aber in Wahrheit regiert sich jeder selbst. Die Präsidenten der drei Ethnien wechseln sich als formale Staatschefs von Bosnien-Herzegowina ab. Die serbische Republik verläuft rings um Sarajevo.

 

Eines Tages, meint Boris, könnten die Serben doch austreten aus diesem bizarren Gebilde. Sich stattdessen dem von Belgrad aus regierten Serbien anschließen. Boris fürchtet sich davor, Sarajevo wäre dann schon wieder eingekesselt.



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