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1989 tanzte ich zusammen mit den Feiernden auf der Berliner Mauer und weiß, dass Wandel auch unblutig verlaufen kann. Daher: Nein zum Umsturz – aber Ja zu Reformen! Denn diese sind in Syrien genauso wichtig wie anderswo. Zum Beispiel in Deutschland. Ich höre schon: Das kann man doch gar nicht vergleichen. Eben! Und genauso wenig kann man das hiesige mit dem dortigen »Demokratieverständnis« vergleichen. Wobei Deutschland stolzgeschwellt so tut, als hätte es sich dieses komplett selbst erarbeitet.
Ja, man war gewissermaßen beteiligt. Aber über lange Jahrzehnte wohl eher dadurch, dass man den Weg zu einer funktionierenden demokratischen Föderation mit viel, viel Blut eingefärbt hat. Und nicht nur dem eigenen. Immerhin, nach 1945 wurde ein anderer Weg beschritten, und ich wäre der letzte, der das seitdem Erreichte nicht achten und anerkennen würde.
Nun wollen auch die Menschen in den arabischen Ländern einen funktionierenden Parlamentarismus. Was eigentlich gar so nicht schwer sein sollte, denn Parlamente gibt es ja schon – fast überall jedenfalls. Aber bedeutet das, dass auch das Umfeld schon existiert und funktionieren würde, sind erst einmal die fossilen Diktatoren verschwunden? Man muss abwarten, wie es in Tunesien weitergeht und in Ägypten. Vieles gibt Anlass zur Hoffnung, aber der Prozess steht erst an seinem Anfang, soviel ist klar.
Und jetzt Syrien. Wiege der Zivilisationen und Vorbild für ethnische und konfessionelle Pluralität. Mit Damaskus, der am längsten durchgehend bewohnten Stadt auf diesem Planten – die wieder und wieder unter wechselnder Herrschaft stand. Wie haben es die levantinischen Händlerdynastien bloß geschafft, letztlich jeden Besatzer zu überstehen?
Nun, die Damaszener sagen beispielsweise: »Die Hand, die ich nicht schlagen kann, küsse ich.« Wobei die Motivation zum Zuschlagen sowieso nicht besonders stark ausgeprägt ist – denn tote, ja auch nur verarmte Kunden (und dazu zählt prinzipiell auch jeder so genannte »Feind«) sind schlechte Handelspartner.
Die Assads stammen jedoch aus dem nördlichen Teil des Landes. Harte, karge Berglandschaften produzieren entsprechende Menschen. Dass sie konfessionell und ethnisch einer Minderheit angehören, haben sie dafür mit fast allen Syrern gemeinsam. Selbst die Mehrheit der Sunniten ist nicht homogen, sondern besteht aus Kurden, Tscherkessen, Turkmenen, Arabern und vielen, vielen »Mischformen«. So etwas wie »reinrassige Araber« gibt es höchstens noch unter den Beduinen, einer weiteren Minderheit, die sogar recht klein ist.
An dieser Stelle muss ich wenigstens einmal in Erinnerungen schwelgen: 1968 waren wir 61 Schüler in der 11. Klasse der Ibn-Khaldoun-Oberschule in Damaskus. In der ersten Unterrichtsstunde »Islam« saßen dann aber nur noch 40 im Raum. Wir Muslime – denn weiter wurde nicht unterteilt – bedauerten unsere Mitschüler, da wir wussten, dass sie am Sonntagnachmittag ihre Stunden »Christentum« absitzen mussten, während wir anderen frei hatten.
Zufällig erfuhr ich, dass tatsächlich nur 20 von ihnen Christen waren – und als ich Nummer 21 fragte, was er denn sei, war die Antwort: Jude. Interessant, aber schon nach zehn Minuten wieder vergessen. Es war einfach nicht relevant, denn hier wurde niemand »toleriert«. Warst du da, dann gehörtest du dazu. Punkt. Mit (und nicht trotz!) einem sunnitisch-irakischen Vater und einer protestantisch-deutschen Mutter war auch ich »nur« ein weiterer Damaszener. Ich war es bereits mit gut fünf Jahren geworden, am Tag unserer Ankunft aus Berlin, wo wir zuvor gelebt hatten.
Auch der gegenwärtige Präsident Baschar al-Assad ist in Damaskus aufgewachsen. Um es einmal klar zu sagen: Ich habe in meiner Jugend vermutlich mehr Mist gebaut als er! Mit 16 zerschredderte Baschar zwar ein paar Porsche. Aber man hörte nie davon, dass dabei andere geschädigt worden wären. Während sein älterer Bruder Basil – der eigentliche Kronprinz der »Sozialistischen Erbmonarchie Syrien«, wie ich sie gerne nenne – in einem anderen Land ob seines Sündenregisters schon längst hinter Gittern verschwunden wäre.
Irgendwann verschwand dafür Baschar: Er ging nach England, um Augenspezialist zu werden. Wir hatten alle den Eindruck, dass er heilfroh darüber war, einen älteren Bruder zu haben – und ein eigenes Leben in relativer Ferne führen konnte. In London lernte er auch Asma al-Atrash kennen, »The Rose in the Desert«, wie Juliet Buck im Februar 2011 in einem überaus empfehlenswerten Artikel auf Vogue Daily schrieb.
Doch als Basil 1994 tödlich verunglückte, musste Baschar nachrücken und wurde von seinem Vater in »familiärer Staatsführung« unterrichtet. Hafez starb im Jahr 2000, Baschar wurde Präsident und kurz darauf Ehemann von Asma. Eine Liebes-Ehe, die Gerüchten zufolge gegen den Willen beider Familien geschlossen wurde. Wer orientalische Gesellschaften wirklich versteht, wird wissen, dass dies wahrlich revolutionär ist. Auch wenn es kaum ein »Orient-Experte« thematisiert hat.
Der Stammeskrieger wundert sich derweil: Wieso ließ Baschar seiner Inthronisierung keine »Nacht der langen Messer« folgen, um sich vom Ballast der alten Garde seines Vaters zu befreien? War er dafür zu lange in Europa gewesen? Oder benötigte er die arrivierte Machtclique, um seiner Aufgabe gerecht werden zu können? Einmal abgesehen davon, dass ein Großteil der kleptokratischen Kaste zur Familie gehört – und damit tabu ist.
Baschar begann vorsichtig zu operieren, einige der faulsten Äpfel wurden gepflückt (nicht dass hierzulande jemand viel davon mitbekommen hätte), und ein Damaszener Frühling machte von sich reden. Da ich mich seit 1989 wieder in Berlin aufhielt, habe ich diesen nicht miterlebt, aber irgendetwas lief schief, und das ganze Bad wurde mit allem, was darin schwamm, ausgeschüttet.
Wer hatte da Angst bekommen? Und vor wem? Gab es denn überhaupt eine konstruktive Opposition in Syrien? Die destruktive Variante hatten wir schon Anfang der 1980er Jahre kennen gelernt, als islamistische Militante mit Sprengstoff, Entführungen und Mordanschlägen das »Ende des gottlosen alawitischen Regimes« herbeibomben wollten.
Der allererste Sprengsatz, der den Muslimbrüdern zugeschrieben wurde, explodierte direkt neben unserem familiären Ingenieurbüro. Er war relativ klein, und im 3. Stock hatten wir das Glück einer gewissen Distanz. Trotzdem riss es uns alle Fensterrahmen heraus. Aber was konnten wir dafür, dass lange nach uns die Leitung der regierenden Baath-Partei ins Nebengebäude gezogen war?
Bald darauf explodierte ein wesentlich größeres Kaliber direkt unter dem Kabinettsaal, kaum 150 Meter entfernt, und schon wieder mussten wir alle Fenster neu verglasen lassen. Der Ministerrat hatte unglaubliches Glück: Nur wenige Minuten, bevor der Saalboden einmal kurz gegen die Decke klatschte, war der Rat geschlossen zum nahen Volksparlament gefahren, um die tags zuvor neu gewählten Abgeordneten zu beglückwünschen – und überlebte.
Eine der ersten Autobomben mit über 200 Toten, nur wenige Wochen später, verpasste ich gerade einmal um zehn Minuten. Ich hätte sonst wohl direkt hinter dem Sprengstoffwagen geparkt, während mein Freund in dem zum Ziel auserkorenen Wehrkreisamt einen Termin hatte. Ein eindrucksvoller Abgang mit Pink Floyd aus dem Autokassettenrekorder – ohne dass von mir genügend übrig geblieben wäre, was meine Familie hätte begraben können. Wie also hätte ich nicht auf der Seite von Präsident Hafez al-Assad stehen können, als er im Februar 1982 in Hama – jawohl, durch ein Massaker! – ein für alle Mal Schluss mit dem islamischen Extremismus in Syrien machte?!
Und heute? Was geschieht gerade wirklich in Syrien? Handelt es sich tatsächlich nur um friedliche Demonstranten, die für mehr Bürgerrechte und Demokratie kämpfen? Und sind es tatsächlich nur die Sicherheitskräfte und das Militär, die schießen? Freunde und Bekannte vor Ort berichten es anders, doch wir alle wollen diejenigen vor Gericht sehen, die für die Toten verantwortlich sind.
Die Informationen sind so widersprüchlich, dass ich mir im Moment keinerlei Urteil erlauben kann. Es wird von abgefangenen illegalen Waffentransporten berichtet, und sowohl die Muslimbrüder als auch kurdische Separatisten melden sich wieder zu Wort. Es ist bedrückend und traurig, was in Syrien passiert, denn genau wie ich betrachteten viele Menschen unser junges, modernes und akademisch gebildetes Präsidenten-Ehepaar als Segen für das Land.
Lieber Baschar, Dein Vater hat Syrien in keine Kriege im Stile Saddams geführt und die meisten Provokationen geduldig ausgesessen. Dafür sollten alle Bürger dankbar sein. Und während beispielsweise Israel seinen Schekel abwerten musste, blieb die syrische Wirtschaft relativ stabil. Die Menschen im Land wissen dies, wollen aber auch einen oder sogar ein paar Schritte weiter kommen.
Die Notstandgesetze wurden aufgehoben. Sehr gut, aber nun sollten auch die »inneren« revidiert werden: Weg mit der Paranoia! Ämter sind in erster Linie Pflichten und keine Rechte, und eine aktive Zivilgesellschaft stellt eine Bereicherung und keine Gefahr dar. Eine modernisierte Verfassung mit Mehrparteien-Wahlrecht ist zwar etwas teurer als eine Diktatur, aber Syrien ist ein reiches Land mit arbeitsamen Menschen. Und die Einsparungen im Sicherheitsapparat wären signifikant.
Deine Herausforderer scheinen ihr Streben nach dem Präsidentensessel als ausreichende Kompetenz dafür zu betrachten, diesen auch zu verdienen. Du solltest aber keine Angst haben und ihnen die Chance geben, sich zu bewähren. Und das können sie ganz sicher nicht, solange sie im Gefängnis sitzen. Du bist trotz Deines offiziellen Rangs kein Militär. Denk an Deinen hippokratischen Eid, den Du vor Deiner Vereidigung als Präsident geleistet hast! Dein Werkzeug ist das Skalpell. Und nicht das Maschinengewehr.
Und in ein paar Jahren? Nun, auch das Leben eines »elder statesman« kann sehr angenehm sein – und Deine Familie wirst Du auch als Augenarzt jederzeit und überall ernähren können. Ich würde mich Dir jedenfalls anvertrauen.

ist ein deutsch-syrisch-irakischer Technologe, Journalist, Übersetzer und Science-Fiction-Autor und lebt in Berlin. Von 1977 bis 1989 arbeitete er in seiner zweiten Heimat Syrien, wo er eine Manufaktur zur Herstellung thermischer Solaranlagen aufbaute.
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