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Graphic Novel »Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger« 13.07.2011

»Ich trickse die Leser mit meinem Comic aus«

Interview: Christian Meier


zenith: Was ist das eigentliche Thema Ihres Comics? Israel? Sie selbst? Oder wie amerikanische Juden zu ihrer religiösen Identität stehen?


Sarah Glidden: Ich würde sagen, es geht ausschließlich um meine persönliche Erfahrung. Anfänglich wollte ich herausfinden, ob die »Birthright«-Touren, die amerikanische Juden kostenlos nach Israel führen, Propaganda sind oder nicht. Vor Ort stellte sich dann aber heraus, dass viel stärker meine eigene Einstellung gegenüber Israel das Thema ist. Für säkulare, fortschrittliche amerikanische Juden wie mich ist es nicht leicht, unsere Gefühle in dieser Hinsicht zu definieren.


Inwiefern?


Als Jude in den USA wächst man damit auf, Israel zu unterstützen. Gleichzeitig muss man, wenn man für fortschrittliche Werte einsteht, erkennen, dass die Aktionen Israels diesen Werten oft nicht entsprechen. Oft denkt man, dass man sich für eine Seite entscheiden muss: pro-israelisch oder pro-palästinensisch.

Sarah Glidden, 32,


fing erst mit 26 Jahren an, Comics zu zeichnen. »Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger« ist die erste Graphic Novel der New Yorkerin. zenith traf Sarah Glidden auf dem Comicfestival München.



Das ist auch der Ausgangspunkt des Buches ...


Ja. Vor Beginn der Reise hatte ich mit meiner pro-palästinensischen Einstellung tatsächlich gedacht, dass ich »Birthright« als Propaganda enttarnen würde. Auf der Tour wurden dann aber viele Aspekte des Nahostkonflikts thematisiert, und das auch mit einiger Transparenz – auch wenn wir nicht in die Palästinensischen Gebiete gefahren sind. Die Geschichte entwickelt sich also dahingehend, die Komplexitäten des Konflikts zu erkennen und zu akzeptieren.


In »Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger« zeigen Sie zahlreiche Situationen, die Besucher des Landes gut kennen. Sich selbst zeichnen zugleich Sie als junge Frau voller Zweifel. Haben Sie das Gefühl, Sie haben den Lesern Ihre widersprüchliche Gefühlslage vermitteln können?


Ich glaube schon. In Rezensionen wird immer wieder gelobt, wie offen ich in dem Buch sage, wie voreingenommen ich eigentlich bin ... Ich habe einfach versucht, meine Selbstzweifel und inneren Konflikte ehrlich mitzuteilen. Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, ein Buch über Israel zu schreiben: seine eigenen Vorurteile und Gefühle transparent zu machen.


Wie hat die Reise Sie und Ihre Ansichten verändert?


Zuerst einmal hat sie mir zwei Jahre Arbeit beschert, bis der Comic fertig war. Im Grunde war das wirklich bizarr: 24 Monate lang zwei Wochen meines Lebens zu verarbeiten. Aber natürlich habe ich mich auch darüber hinaus verändert: Früher hatte ich immer eine Antwort parat, wenn Leute mich zum israelisch-palästinensischen Konflikt befragten. Wenn ich heute gefragt werde, sage ich: »Bist du bereit für ein wirklich langes Gespräch? Wenn nicht, sollten wir das vielleicht lieber auf ein anderes Mal vertagen.« Es ist einfach sehr kompliziert. Auch ich habe das Gefühl, nur die Spitze des Eisbergs gesehen zu haben.


Auffallend ist ja, dass Sie auf der Reise praktisch keinem Palästinenser begegnet sind ...


Ich hatte geplant, mehr Kontakt zu Palästinensern zu haben. Während der Reise freundete ich mich aber mit einem Israeli an – angeblich ein Linker –, und der sagte zu mir: »Es ist viel zu gefährlich für dich, allein nach Ramallah zu fahren.« Heute weiß ich, wie lächerlich das ist. Man geht zur Busstation am Damaskus-Tor, zahlt sechs Schekel – und eine halbe Stunde später ist man in Ramallah! Es ist so einfach, und absolut sicher. Aber damals ließ ich diese Angst an mich heran. Auf einer organisierten Reise, bei der sich alles um Sicherheit dreht, ist es allerdings auch schwer, sich davon freizumachen. In gewisser Weise reflektiert das übrigens auch die israelische Mentalität, für die Sicherheit ja eine große Rolle spielt.


»Damals ließ ich die Angst an mich heran«

Was hat Sie am meisten überrascht an Israel?


Wie schnell man sich daran gewöhnt, Leute mit Waffen zu sehen und seine Taschen kontrollieren zu lassen, wenn man in ein Einkaufszentrum geht. Das erste Mal, als ich einen 19-jährigen Soldaten sah, der mit seiner Waffe über der Schulter einen Falafel aß, war ich wirklich geschockt. Und das erste Mal, als ich in ein Einkaufszentrum gehen wollte und am Eingang meine Tasche kontrolliert wurde, fand ich das ziemlich bizarr. Aber schon nach einer Woche hatte ich mich daran gewöhnt. Das fand ich alarmierend – denn es heißt, dass Leute sich vermutlich an alles gewöhnen könnten.


Kürzlich sind Sie zum ersten Mal ins Westjordanland gereist. Gab es dort eine vergleichbare Überraschung?


Ich war wirklich erstaunt, wie hoffnungsvoll viele Menschen dort noch immer sind. Ich sprach mit Leute mit vielen unterschiedlichen Ansichten, aber praktisch jeder sprach sich für Gewaltlosigkeit aus und war optimistisch, dass es Frieden geben könnte und dass man auf diesen hinarbeiten müsse. Das ist ein ziemlicher Gegensatz zu dem, was man tagtäglich in den Medien sieht und liest.


Welchen Vorteil haben Sie eigentlich dadurch, dass Sie einen Comic zeichnen und keine Reportage in Textform schreiben?


Der große Vorteil des Comics ist, dass man auch Leute erreichen kann, die glauben, gar kein Interesse an einem bestimmten Thema zu haben. Ich trickse sie sozusagen aus und bringe sie dazu, sich mit Politik zu beschäftigen. Meine Zielgruppe sind hauptsächlich jüngere Leser, die eigentlich gar keine Berührungspunkte zu diesem Thema haben. Speziell beim Israel-Palästina-Konflikt ziele ich außerdem auf Leute wie mich ab – jüdische Amerikaner, die normalerweise nur sehr polarisiert über dieses Thema sprechen. Der Comic gibt ihnen einen »softeren« Einstieg.


Vergleicht man Ihr Buch mit animierten Filem wie »Waltz with Bashir«, wirkt Ihr Zeichenstil vergleichsweise realistisch. Wie sind Sie zu Ihrem Stil gekommen?


Da sind natürlich die Einflüsse, die man als Künstler hat. Bei mir geht das bis zu Disney zurück: In den alten Disney-Comics sind die Figuren sehr flach gezeichnet, während die Hintergründe ziemlich detailliert ausgeführt sind. Ganz ähnlich bei »Tim und Struppi«. Das ermöglicht es dem Leser, sich in die Situationen hineinzuversetzen, und deshalb habe ich mich auch darauf konzentriert, die Orte wiedererkennbar auszugestalten. Und zwar nicht nur die bekannten wie die Klagemauer, sondern auch die banaleren Ecken. Die Leute sollen verstehen, dass ein Land nicht nur eine Ansammlung von Postkarten ist oder von Bildern aus den Medien, sondern auch aus ganz langweiligen Landschaften besteht.


»Auch für Comic-Reporter gelten journalistische Standards«

Die Personen sind dagegen sehr reduziert. Ihr eigener Charakter in dem Buch zum Beispiel sieht Ihnen nicht besonders ähnlich ...


Ja, sie sieht mir nicht ähnlich, und sie sieht ziemlich genau so aus wie jede andere Person in dem Buch ...


Sie bezeichnen sich inzwischen als »Comic-Reporterin«. Ist es ein Vorteil, einen »journalistischen Comic« zu zeichnen, weil sich das von den üblichen journalistischen Formen unterscheidet?


Comics zu zeichnen, hat viele Vorteile. Beispielsweise glaube ich, dass es leichter ist, einen Comic zu einem Thema in einer Zeitung oder Zeitschrift zu veröffentlichen, weil das eine Abwechslung ist von den üblichen Prosa-Reportagen. Generell gibt es journalistische Standards. Was Comics betrifft, sind die aber noch überhaupt nicht ausgearbeitet. Ich habe gerade mit Joe Sacco – dem Zeichner von »Palästina« – darüber gesprochen. Er sagte: Ein Comic-Reporter muss so ehrlich sein wie möglich und seine Quellen verifizieren, um als Reporter gelten zu können. Zugleich muss er seine Story, so gut es geht, aufzeichnen, wie er sie erlebt hat. Dabei bedient er sich verschiedener journalistischer Medien wie der Prosa-Reportage oder des Dokumentarfilms und verbindet sie zu etwas Neuem.


Gibt es viele Comic-Reporter?


Es werden immer mehr. Die Grenzen zur Kunst sind natürlich fließend. Aber das gilt ebenso für den Prosa-Journalismus. Meiner Meinung nach wollen die Menschen, dass ein Reporter seine eigenen Einstellungen transparent macht. Wenn jemand mir gegenüber seine Subjektivität offenlegt, dann vertraue ich ihm mehr, als wenn er sich ganz objektiv gibt, denn so gibt er mir einen Einblick in seinen Arbeitsprozess. In gewisser Weise macht mir Journalismus Angst. Aber Comics auch. Es gibt viele offene Fragen. Beispielsweise: Darf ich eine Szene zeichnen, die ich nicht mit eigenen Augen erlebt habe? All solche Dinge finde ich gerade heraus, während ich daran arbeite.

Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger


Sarah Glidden

Panini Comics, 2011

212, Seiten, 24,95 Euro

Seit dem 21. Juni 2011 im Handel

www.paninicomics.de



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