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Islam zum Anziehen30.09.2011

»Ich mache keine spezifisch muslimischen Produkte«

Interview: Mohamed Amjahid


zenith: Herr Kesmen, was steckt hinter »styleislam«? Was war ihre Anfangsidee?


Melih Kesmen: Soll ich die Lang- oder die Kurzversion erzählen?


Die Kurzversion, bitte.


Eigentlich ging es 2005 so richtig los, aber die Idee wurde am 11. September 2001 in mir unterbewusst aktiviert. Mein Leben hatte sich mit den Anschlägen radikal verändert. Ich war plötzlich gefährlich, nicht mehr der normale Nachbar, der normale Kollege, der normale Passant. Vor allem, wenn ich mit einer Sporttasche herumlief, schauten mich die Leute skeptisch an. Das hat mich schon geprägt, dieser nervtötende Zustand von Ohnmacht.


Und das hat sie dann veranlasst, Mode zu machen?


Der konkrete Auslöser waren die Mohammed-Karikaturen, danach habe ich mich gefragt, was ich in meinem bescheidenen Aktionsradius machen kann. »I love my prophet«, das kam aus meinem Herzen und das habe ich dann auf ein T-Shirt gedruckt. Eben nicht das Klischee mit der Kalaschnikow, das man in den Medien findet. Ein Moslem erwidert eine Provokation mit einem Liebesgeständnis.

Melih Kesmen,35,


studierte Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Dortmund. Er gründete das Label »styleislam« und produziert europäisch-islamische Mode in Witten.


www.styleislam.com



»I love my prophet« drauf und das T-Shirt ist muslimisch korrekt?


Ich mache keine spezifisch muslimischen Produkte. Es kommt eher auf dieses oder jenes Gefühl an, auf das Statement, dass man damit dann transportiert. Meine Produkte sind europäisch-muslimisch.


Und die kaufen auch nur Muslime in Europa?


Nein, wir haben schon Shops in Saudi-Arabien eröffnet. Aber auch Atheisten, Mormonen, Christen und Juden haben unsere Kleidung schon gekauft. Auch Muslime natürlich, von säkularen bis Hardcore-Muslims ist alles dabei.


Die können das dann für ihre Propaganda nutzen.


Ja klar, das können wir nicht beeinflussen. Aber ich kann ja nur von mir sprechen. Ich als Muslim möchte nicht missionieren. Meine Aufgabe ist es eher, meinen Glauben zu verbalisieren. Zu sagen, wie ich lebe und was meine Werte sind.


Mit Ihren Werten machen Sie nun viel Geld.


Ja, das wird mir oft vorgeworfen, aber im Islam wird man gemäß der Absichten seiner Taten belohnt. Jemand kann eine Moschee bauen, mit dem Hintergedanken gesehen zu werden und er wird davon rein gar nichts haben. Am Ende muss ich Rechenschaft vor Gott ablegen und natürlich habe ich immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst, wo ich immer zum Ergebnis komme, dass ich zu meiner anfänglichen Absicht zurückkehre.


Also keine Kommerzialisierung, aber auf jeden Fall eine Politisierung des Islams. Zum Beispiel mit ihrem Aufdruck »Jesus was a Muslim«.


Ich habe eine Abneigung gegen die Ideologisierung und Politisierung des Islams. Der Islam ist so aufgebaut, dass er unpolitisch sein muss und dass jeder vor seinem Schöpfer als Individuum steht. Dass Jesus auch ein Muslim war, ist rein linguistisch gemeint. Das bedeutet, dass er ein Diener Gottes war. Und ja, es hat eine Reaktion in der Gesellschaft ausgelöst und wir haben das Design dann rausgenommen.


Wie kommt denn so ein Motiv zu Stande? »españa islamica« zum Beispiel?


Das islamische Andalusien ist doch ein schönes Beispiel wie Islam, Juden und Christentum, koexistieren können.


»españa islamica« nutzen dann aber auch einige, um zu provozieren.


Das stimmt, man kann alles in die eine oder in die andere Richtung zerren. Das gibt es auch. In einem Forum unserer Marke liest man immer wieder Kommentare, die sehr weit auseinander gehen. Aber auf unserer Webseite gibt es zu jedem Motiv eine Erklärung, und die Leute können uns auch gerne anrufen und fragen.


Tatsächlich?


Ja, vor allem Muslime rufen an und sie kritisieren auch viel. Manchmal auch in einer Art, dass wir auf Durchzug stellen.


Kritik ist ein gutes Stichwort. Junge Leute gehen im Zuge des Arabischen Frühlings auf die Straße und kritisieren die alten Systeme, haben sie es auf diese Zielgruppe auch abgesehen?


Der Andrang aus Ägypten zum Beispiel ist unglaublich. Die Menschen hatten vorher keine Möglichkeit sich auszudrücken und Styleislam hilft auch ihnen ihre Werte authentisch auszuleben und trotzdem cool, kreativ und lässig zu sein.


Aber Sie haben gesagt, dass Styleislam europäisch sei.


Man kann schon sagen, dass die Jugend hier und dort sich auf den selben Frequenzen befinden. Selbst in einem prüden und konservativen Land wie Saudi-Arabien habe ich das so erlebt, dass die jungen Leute wie hier sind. Da ist das Internet, die Globalisierung. Trotzdem, das Gefühl, aus dem Styleislam entstanden ist, bleibt ein europäisches Konzept.



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