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Nina Schmidt
Ussama lebt in Deutschland. Genau wie seine Freunde besucht er das Gymnasium. In einem Jahr macht der 17-Jährige sein Abitur. Seine Eltern, beide Marokkaner, haben ihn muslimisch erzogen. Trotzdem lebt seine Familie eine moderne Form seiner Religion, Ussama trinkt Alkohol und betet nur »ab und zu«. Die Mehrheit seiner Freunde hat deutsche Wurzeln und sind Christen, was aber kein Problem für ihn ist: »Mich stört es nicht, dass sie meine religiösen Ansichten nicht teilen.« Er ist integriert.
Ussama ist einer von 15,7 Millionen Menschen in Deutschland, die den Stempel Migrationshintergrund verpasst bekamen. Auffällig ist, dass meist ganz bestimmte Migrantengruppen im Fokus stehen; oft sind es Türken oder Araber, meistens Muslime. Für Thilo Sarrazin, der im Herbst 2010 mit seinem Buch »Deutschland schafft sich ab« die Integrationsdebatte neu entfachte, ist das nichts Überraschendes. Schließlich habe eine große Zahl von ihnen »keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel«, wie er in Interviews behauptete.
Dem Vorurteil Sarrazins hält Cem Özdemir entgegen. Er ist selbst ein Beispiel für erfolgreiche Integration. Der Parteichef der Grünen mit türkischen Wurzeln verneinte die These, dass die Größe der zum Beispiel türkischen Gruppe Grund für ihr wiederholtes Auftreten in den Medien sei: »diese Gruppe ist in sich alles andere als homogen.«
Verallgemeinerungen sind beim Thema Integration unangebracht, dazu gibt es einfach zu viele positive Fälle, in denen sich unsere ausländischen Mitbürger vollständig in der Gesellschaft etabliert haben. Gleichzeitig ist es aber so, dass mit der Größe der Migrantengruppe natürlich auch die Versuchung »unter sich« zu bleiben wächst. Deshalb muss auch von staatlicher Seite her versucht werden, die Ansammlung von Migrantengruppen an bestimmten Orten gar nicht erst aufkommen zu lassen, um auch die Entstehung von Ghettos zu vermeiden.
Es seien, so Özdemir, aber vor allem die Herausforderungen im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt, die gemeistert werden müssen. Sie sind für ihn Bausteine für erfolgreiche Integration. Motivierte Lehrkräfte und Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt müssen auch von deutscher Seite her bereitgestellt werden, um eine funktionierende Integration überhaupt erst möglich zu machen.
Es ist jedoch nicht nur das Bereitstellen von Möglichkeiten, die Integration vorantreiben, was die drei Grundsätze der Integration zeigen: Wollen, Können, Dürfen. Der persönliche, individuelle Wille zur Eingliederung in die Gesellschaft ist essenziell. Das Können, also der gesundheitliche Zustand einer Person, aber auch die Ermöglichung von außen, der Wille zur Aufnahme von Migranten sind notwendig. Und zu guter Letzt auch das Dürfen, die Erlaubnis aber auch die Unterstützung von Familie, Freunden und Umfeld muss gegeben sein.
In vielen Fällen funktioniert aber gerade das Dürfen nicht. Wenn es darum geht, junge Menschen vollständig zu integrieren greift oft die Familie ein, was die Beobachtungen der Soziologin Miriam Geoghegan zeigen. Sie spricht von fehlenden »Verhandlungshaushalten«, meist in muslimischen Familien. Die Familie sei oft so autoritär und bestimmend, dass es fast nie zu Verhandlungen innerhalb der Familie komme. Das schafft schlechte Vorraussetzungen für das weitere Leben. Fehlende Verhandlungen und Gespräche zur Konfliktlösung in der Kindheit können eine Hürde sein, die im Laufe der Integration überwunden werden muss. Passiert das nicht, entsteht ein Kreislauf, der von außen aufgebrochen werden muss.
Dies geschieht auch, zum Beispiel in der Pforzheimer Aktion »Individueller Lernbegleiter«. Erwachsene, die mit beiden Beinen im Leben stehen, begleiten ehrenamtlich junge Menschen, überwiegend Migranten, die vor allem in der Schule Probleme haben. Diese sogenannten Patenschaften sind leider nicht immer von Erfolg gekrönt. Wenn die Integration ab einem gewissen Punkt von außen beendet wird, häufig durch die Familie, die einschreitet, wenn es zum Beispiel um einen Partner mit anderen religiösen Ansichten geht, steht der Lernbegleiter vor verschlossenen Türen. Denn Integration kann nicht erzwungen werden. Sie muss gefordert, aber auch gefördert werden.
Oft wird das Beharren auf den Erhalt der Tradition, das Nicht-loslassen-wollen der ursprünglichen Kultur als Grund für die Problematik angeführt. Dass die »alte« Kultur aber gar nicht aufgegeben werden muss, ist auch die Meinung Anita Gondeks. Sie ist Integrationsbeauftrage der Stadt Pforzheim und definiert Integration als ein Verbinden von Tradition und Moderne, von Kultur des Heimatlandes und Kultur des Wahllandes. Parallelgesellschaften die nebeneinander koexistieren, entstehen nicht nur wegen vermeintlicher Unwilligkeit der Migranten. Die Verschmelzung der Kulturen muss von beiden Seiten gewollt werden. Ist dies der Fall, entsteht auch die multikulturelle Gesellschaft, die in der Integrationspolitk als ideal angesehen wird. Dieser Prozess beginnt mit der Sprache.
Sie ist nämlich der Schlüssel zur erfolgreichen Integration, die das Zusammenleben zwischen Kulturen überhaupt erst ermöglicht. Auch der 2010 erschienene nationale Integrationsplan sieht die Förderung von Sprachkursen für Migranten vor. Ohne die deutsche Sprache zu beherrschen wird nie das Gefühl des Dazugehörens entstehen.
Dies erkennt aber auch die Mehrheit der in Deutschland lebenden Migranten. Die Studie des Heidelberger Instituts »Sinus Sociovision« zum Thema »Lebenswelten von Migranten« fand mit Hilfe der Befragung von über 2000 in Deutschland lebenden Ausländern und Eingebürgerten heraus, dass 82 Prozent der Befragten Deutsch sprechen. Auch von Leistungsverweigerung kann keine Rede sein: Der Wille zu Aufstieg und Leistung besteht. Er ist sogar stärker ausgeprägt als bei Deutschen ohne Migrationshintergrund, so das Ergebnis der Studie.
Der Großteil der Bürger mit ausländischen Wurzeln ist bereits integriert, die Mehrheit der Anderen strebt Eingliederung an und bemüht sich aktiv um sie. Die Debatte hat deutlich gemacht, dass das Thema Integration nicht einseitig zu betrachten ist. Fordern ja, aber auch Fördern. Ebenfalls sollten die negativen Integrationsbeispiele, die es immer geben wird, nicht stellvertretend für ihre gesamten Landsmänner- und frauen angesehen werden. Oft bekommen gerade sie, aufgrund von Vorurteilen und Ablehnung, gar nicht erst die Chance sich zu integrieren.
Der Schüler Ussama steht für eine erfolgreiche Integration, die trotz der bestehenden Ressentiments funktioniert hat. Er hat schon Pläne. Nach dem Abitur soll es »in Richtung Maschinenbau gehen«, einen Obst- und Gemüsehandel wird er jedenfalls nicht eröffnen.
Es sind diese Beispiele, die in den Vordergrund der Debatte gehören. Denn eigentlich ist er einer von vielen, über die nur niemand spricht.
Im vergangenen Jahr startete das Pilotprojekt »zenith macht Schule«. In Kooperation mit dem Lise-Meitner-Gymnasium Königsbach in Baden-Württemberg rief das Magazin zenith – Zeitschrift für den Orient das Projekt ins Leben. Ein Jahr lang setzten sich die Schüler des Fachbereichs Gemeinschaftskunde mit dem Islam in Deutschland, Integration und weiteren Themenfeldern des Islams auseinander. Ziel war zum einen, die interkulturelle Kompetenzen zu stärken und den Schülerinnen und Schülern einen hautnahen Zugang zu dem Thema zu ermöglichen. Die Texte des Magazins wiederum dienen den Lehrern als Unterrichtsmaterial und werden bei Themenfeldern gezielt eingesetzt.
Am Ende des Seminars haben die Schüler Artikel zu dem frei gewählten Thema erstellt. Diese wurden von zenith-Redakteuren bewertet. In den nächsten Tagen werden die vier besten Texte und Interviews auf zenithonline veröffentlicht. Die Gewinnerin des Wettbewerbs heißt Nina Schmidt. Das zenith-Team beglückwünscht die Gewinnerin zu ihrem gelungenen Beitrag zum Thema »Integration in Deutschland«.
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Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.
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