Quicknews

Weltmusik trifft Weltliteratur 27.04.2011

Hier jazzen Hafiz und Rumi

Philip Geisler


Die erste Episode für das Berliner Jazzquartett Cyminology ist ihre Liebe zur persischen Schriftsprache Dari. Sängerin und Komponistin Cymin Samawatie ist nicht nur Namensgeberin der Formation, sie hat die Band seit ihrer Gründung 2002 durch ihre Verbundenheit zur persischen Poesie des Mittelalters, zu den Dichtern Hafiz und Rumi, geprägt. Ihnen widmete sie bereits einige der Titel ihres Albums »As Ney«, das erste, was sie beim deutschen World-Music-Lable ECM veröffentlichte. Das war 2009.


Von der Sprache inspiriert, schreitet sie mit ihren Partnern Benedikt Jahnel (Piano), Ketan Bhatti (Perkussion und Schlagzeug) und Ralf Schwarz (Bass) auf ihrem nunmehr vierten Studioalbum und der zweiten ECM-Veröffentlichung »Saburi« zu bewegendem neuem Selbstbewusstsein. Cyminology wehrt sich hörbar gegen Dogmen und feste Arrangements. Die Präsenz der Balladen, die auf dem Vorgängeralbum zu finden war, weicht nun mutigen, teils experimentellen Passagen aber auch groovigen Aufwallungen. Die Gruppe findet durch offene Strukturen und einen Rahmen, der Virtuosität erlaubt, zur vollen Entfaltung aller vier Musiker.


Die Musik wird so erst meditative Beschaulichkeit, dann glühendes Fauchen. Cymin Samawatie beschreibt die Breite, ihrer aktuellen CD auf der ECM-Website: Einige der Stücke seien sehr offen, und das erlaube es, sehr tief in die improvisatorische Arbeit einzusteigen. Einige andere zeichneten sich eher durch die Feinheit ihrer Arrangements aus. »Wir spielen ein farbenreiches Repertoire, das sich immer im besonderen Charakter und Rahmen der Gruppe bewegt«, so Samawatie. Ihre ehrliche, natürliche Stimme verwebt sich mit impressionistischen Pianoeinlagen. Daneben gelingt es jedem Instrument, jedem Künstler in der Intimität das intensive Umfassen des Hörers. Der sanfte Sprachklang des Persischen und seine poetischen Verse führen schließlich in ein Erlebnis, in dem man ein wenig fühlt, was es bedeutet, herauszutreten und doch Eins zu sein. Das Geheimnisvolle und Eindringliche der Musik von Cyminology liegt in dieser feingliedrigen Synthese verborgen.


Live entfaltet sich der multikulturelle Background am deutlichsten


Die zweite Episode um die Formation handelt von ihren multikulturellen Einflüssen. Cyminology definiert sich auch über ihre globalen Wurzeln: Samawatie wurde als Kind iranischer Einwanderer in Braunschweig geboren, wo auch Bassist Ralf Schwarz aufwuchs. In ihrer Kindheit sog sie im Elternhaus und bei regelmäßigen Besuchen im Iran die persische Kultur auf. Benedikt Jahnel (Piano) wurde in Frankreich geboren und verbrachte seine Schulzeit in der Nähe von München. Perkussionist Ketan Bhatti stammt aus Neu Delhi. Er zog als Kind von Indien nach Deutschland.


Kompositionen von Bhatti und Jahnel ergänzen das musikalische Spektrum der Titel auf »Saburi«. Cyminology ist ein multikulturelles World-Jazz-Projekt. Doch es thematisiert Integration, Zusammenleben und Vielfalt nicht, sondern lebt diese Schlagworte und lässt sie in der Musik zur Blüte kommen. Daneben klingt in der Musik urbane Moderne mit, so dass es nicht verwundert, dass das Goethe-Institut die Band 2009 zum Aushängeschild für kulturelle Vielfalt erhob und mit ihr eine Tournee durch den Nahen und Mittleren Osten veranstaltete. Die vier Musiker leben den Brückenschlag zwischen Orient und Okzident und verleihen ihren Persönlichkeiten in der Musik glaubwürdig Ausdruck. Das spürt man in ihrem herzlichen Miteinander auf der Bühne. Deswegen muss man Cyminology live erleben – denn nur hier erzählt sich diese zweite Geschichte spürbar.


Album zeichnet sich durch bruchlose Synthese aus


Einige der Stücke, »Shakibaai« (Durchhaltevermögen) und der Titelsong »Saburi« (Geduld), finden eine Verbindung zur aktuellen Situation in Cymin Samawaties Heimatland Iran. Dabei entsteht eine prägende Zerrissenheit: »Ich möchte nicht, dass die Musik hinter eine politische Botschaft zurücktritt, aber ich fühle mich als Iranerin und bin deswegen bedrückt. Ich sehe aus der Ferne auf das Land und muss mir eingestehen, dass ich kaum etwas für die Menschen tun kann. Ich würde gerne meine Worte erheben gegen die Unterdrückung, aber ich kann es nicht. Ich würde gerne aktiv etwas dagegen tun, aber ich kann es nicht. Ich muss mir eingestehen, dass in mir dem allen gegenüber sehr viel Emotionales passiert. Ich kann nicht dort sein, ich sehe von hier zu. Es schmerzt, wenn man nur von draußen zuschauen kann, aber hilft es jemandem in Iran, wenn man hier in Deutschland Tränen vergießt?« Das ist die dritte, die traurige Wahrheit hinter der Band, die von Verzweiflung und Hoffnung zeugt.


Dass kammermusikalischer Jazz und persische Lyrik sich mit diesen wahrhaftigen und realen Gefühlen paaren, macht »Saburi« zu einem Album, dessen Musik tief in das Innere reicht. Die bruchlose Synthese gelingt den Musikern in ihrem brillant eingespielten Miteinander, in dessen Kern sie in nahezu mythische, geheimnisvolle Klangkompositionen entführen. Sie erschaffen Bilder und Phantasien. Darin liegt ein kaum zu fassender Zauber, der um sich greift und der den Zuhörer tief fallen lässt: in den Klang, in sich selbst, in die Welt.


Am 21.05.2011 sind Cyminology auf dem Creole-Weltmusik Bundeswettbewerb in Berlin zu sehen. Am 18.06.2011 steht ein Auftritt im Rahmen der Cityjazznight in Braunschweig an. Hörproben gibt es auf auf www.cyminology.de.



Panzer in Daraa stationiert

zenithDebatte

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.

Kalender

zenith im Abo

Abonnieren Sie jetzt und wählen Sie zwischen zwei Abo-Prämien!

 

weiterlesen

zenith Edition

Reaching for the Sun?

The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East

 

click here for content & order details