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Veit Raßhofer
Düstere Nachrichten sind nichts Neues, wenn in den Medien von Somalia die Rede ist. Doch das, was wir jetzt von dort zu hören bekommen, scheint jedes bekannte Maß zu überschreiten. Im Süden Somalias herrscht die schlimmste Dürreperiode seit mehr als 60 Jahren. Antonio Guterres, der Chef des UNHCR, spricht von der schlimmsten humanitären Katastrophe unserer Tage. Noch nie habe er, so berichtete er nach einem Besuch im Flüchtlingslager Dadaab im Norden Kenias, an der Grenze zu Somalia, solch verzweifelte Menschen gesehen.
Schon mehr als 400.000 Dürreflüchtlinge sind aus Somalia nach Kenia geströmt, mehr als 100.000 allein seit Anfang dieses Jahres. Auch in Äthiopien nimmt die Zahl der Hilfesuchenden stetig zu und lässt sich nur mehr nach Zehntausenden beziffern.
So wichtig es ist, denjenigen zu helfen, die es über die Grenzen geschafft haben: es reicht nicht aus. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN-OCHA) bezifferte die Zahl der unterernährten Kinder innerhalb Somalias Anfang dieses Jahres auf etwa 375.000, mittlerweile sollen dort knapp eine halbe Million Kinder zu wenig zu Essen haben. Die Zahl der Hungernden insgesamt ist nochmal viel größer.
Das Problem dabei: Etwa 80 Prozent dieser Menschen leben im Süden Somalias, in Gebieten, in denen die radikalen Shabaab-Milizen das Sagen haben. Die hatten ausländischen Organisationen bisher den Zugang zu ihren Herrschaftsgebieten verwehrt. Nun aber, angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, haben sie verlauten lassen, von ihrer bisherigen Politik abzurücken, und sie haben direkt um die Hilfe ausländischer Organisationen, egal welcher Art, gebeten.
Was ist von diesem Appell zu halten? Das lässt sich jetzt noch nicht entscheiden. Klar ist aber auch: Zum Taktieren ist jetzt keine Zeit. Nun gilt es, alle bestehenden Kanäle zu aktivieren, um Hilfe in den Süden Somalias zu bringen. Es gibt Wege und Möglichkeiten: von Kenia aus, aber auch vom Norden her, von Mogadischu. Auch dort kommen täglich tausende, wenn nicht zehntausende verzweifelte Dürreopfer auf der Suche nach Hilfe an.
Sollte der angekündigte Kurswechsel der Shabaab ehrlich gemeint sein, so wird es nicht nur möglich sein, Zehntausende, wenn nicht gar Hunderttausende vor dem Tod zu bewahren und der humanitären Notlage wirksam zu begegnen. Es könnte sich auch die Chance bieten, die Reste der somalischen Zivilgesellschaft nachhaltig zu stärken – und aus der Spirale politischer und militärischer Konfrontation auszubrechen. Und der Shabaab-Ideologie, die von einer abgrundtiefen Feindschaft zwischen Christen und Muslimen ausgeht, zumindest ihre Spitze zu nehmen. Denn es wird schwierig sein, demjenigen, der einem in einer ausweglosen Situation die Hand reicht, später mit Verachtung zu begegnen.
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