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Stromkrise im Libanon 21.10.2010

Handbremse für den Aufschwung

Christian Glosauer/GTaI


Eine Lösung für die Dauerkrise in der libanesischen Elektrizitätsversorgung wird durch den wirtschaftlichen Aufschwung in Branchen wie Tourismus oder Bau immer drängender. Die verbesserte Finanzkraft der öffentlichen Hand könnte endlich für Bewegung bei den Investitionen sorgen, mit entsprechenden Absatzchancen in Kraftwerkstechnologie und Elektrizitätsverteilung. Die Regierung hat Mitte 2010 ihre Strategie für die Versorgung in kurz-, mittel- und langfristigen Szenarien vorgelegt.

 

In den besonders heißen Sommermonaten 2010 musste der Versorger »Electricité du Liban« (EDL) die ohnehin praktizierte Rationierung empfindlich ausweiten, da die Last durch Einschaltung von Klimageräten in Wohnungen und Büros kräftig gestiegen war. Da zeitgleich in Syrien und Ägypten der Strombedarf ebenfalls wuchs, konnten diese Länder ihre Elektrizitätslieferungen in den Libanon nicht aufrechterhalten. Zum Höhepunkt der Stromausfälle und Rationierungen lag nach Angaben von EDL die Nachfrage bei 2.300 Megawatt, während die tatsächliche Kapazität nur 1.685 Megawatt betrug. Im August 2010 kam es zu Demonstrationen und Ausschreitungen, als einige Landesteile nur noch sechs Stunden Elektrizität täglich erhielten.

 

Die Probleme sind seit Jahren die gleichen. Die existierende Kapazität reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die bestehenden Anlagen weisen einen hohen Erneuerungsbedarf auf, der verhindert, dass sie voll ausgeschöpft werden können. Der Investitionsstau geht mindestens zehn Jahre zurück und steht einer weiter wachsenden Nachfrage gegenüber. Auch das Übertragungs- und Distributionsnetz weist erhebliche Defizite auf. Die Hochspannungsnetze über 400 und 220 Kilovolt sind nicht vollständig ausgebaut. Die Gesamtverluste im System gibt EDL mit 40 Prozent an. Davon entfallen auf technische Verluste 15 Prozent, die vor allem auf den unfertigen Zustand des 220-Kilovolt-Netzes zurückgehen. Bei den weiteren 20 Prozent so genannter »nicht-technischer Verluste« handelt es sich im Wesentlichen um illegale Netzanzapfungen. Gleichzeitig schiebt EDL einen Berg an Kundenforderungen vor sich her, der zusätzlich noch mit 5 Prozent subsumiert wird.


50 Prozent Haushaltsdefizit durch Stromsubventionen

EDL plagen darüber hinaus hohe Betriebskosten, die durch die Einnahmen nicht gedeckt werden. Allein die Subventionen für EDL sind für 50 Prozent des libanesischen Haushaltsdefizits verantwortlich. Zu den hohen Kosten tragen die Befeuerung zweier Gas-und-Dampf-Kraftwerke in Zahrani und Deir Ammar mit leichtem Öl statt Gas bei. Dazu kommen die geringe Effizienz der Anlagen in Jieh und Zouk, die erneuert werden müssten. Der Einsatz der beiden Kraftwerke in Sour und Baalbek für die Grundlast, statt als Spitzenlastanlagen, verringert ebenfalls die Effizienz des Gesamtsystems.

 

Der jetzt vorgelegte Aktionsplan reiht sich in eine lange Kette ähnlicher Initiativen ein und wird von Beobachtern mit Skepsis betrachtet. Es herrscht mehr oder weniger Anarchie auf dem libanesischen Energiemarkt. Seit fünf Jahren ist kein Staatshaushalt mehr beschlossen worden. Es gibt keine Regulierungsbehörde, keine öffentliche Institution für Erneuerbare Energien sowie keine nationale Erdöl- und Gasgesellschaft.

 

Profiteure des Status Quo sind die privaten Elektrizitätsanbieter, die über eigene Generatoren teilweise ganze Straßenzüge in den Ausfallzeiten des staatlichen Versorgers mit Strom beliefern. Die privaten Energielieferungen kommen die Abnehmer sehr teuer. Die Umsätze der Branche sollen sehr hoch sein, was möglicherweise auch den Umstand erklärt, dass sich am Zustand bislang nichts geändert hat. Manche Haushalte und Büros geben einem Bericht des Middle East Economic Digest (MEED) zufolge ebenso viel Geld für die drei oder vier Stunden täglichen privaten Stroms aus, wie sie für den Rest des Tages an den staatlichen Versorger zahlen. Jedenfalls gilt, je höher die Ausfälle des öffentlichen Netzes, desto besser der Umsatz der Privaten.

 

Die Planung des Ministeriums für Energie und Wasser sieht bis 2014 eine Steigerung der installierten Kapazität von 2.500 Megawatt (2009) auf dann insgesamt 4.000 Megawatt vor. Als kurzfristige Maßnahme sollen schwimmende Generatoren und Importe aus der Türkei schnell Lücken füllen. Mit den Generatorschiffen sollen 110 bis 280 Megawatt mobilisiert werden. Die Kosten werden mit 5,2 US-Cent pro Kilowattstunde angegeben. Über das türkische Netz könnten 110 bis 150 Megawatt für 12,66 US-Cent pro Kilowattstunde zur Verfügung gestellt werden.


Erneuerbare Energien bisher sträflich vernachlässigt

 Weitere 600 bis 700 Megawatt will das Energieministerium über ein neues staatlich finanziertes Gasturbinenkraftwerk mit 400 bis 500 Megawatt und große Dieselgeneratoren mit 200 bis 300 Megawatt bereitstellen. Neben einer bislang nicht gesicherten Finanzierung sollen auch private Investoren beziehungsweise Finanzgeber gefunden werden. Allerdings sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für private Kraftwerke im großen Stil noch nicht geschaffen. Ein entsprechendes Gesetz für Public Private Partnerships (PPP) ist zwar von der Regierung formuliert worden, doch noch sind keine Details bekannt. Nach Angaben des Energieministeriums gibt es private Angebote zur Finanzierung von Kraftwerken mit insgesamt 3.000 Megawatt in Form von Gasturbinenkraftwerken mit der Option auf Gas-und-Dampf-Betrieb.

 

Durch die Rehabilitierung bestehender Kraftwerke könnten nach Einschätzung der Regierung rund 245 Megawatt zusätzlich bereitgestellt werden.

 

Trotz einigen Potenzials hat der Libanon die Erneuerbaren Energien bislang sträflich vernachlässigt. Der schwache Zentralstaat schafft es offenbar nicht, für die notwendigen Rahmenbedingungen beispielsweise ein Einspeisegesetz zu beschließen. Etabliert ist inzwischen die Solarthermie im kleinen Maßstab, zur Erhitzung von Brauchwasser für Privathaushalte und auch kleinere Betriebe. Es gibt auch erste Nutzer von Photovoltaik, die diese als Ersatzstromanlagen für kleine Verbraucher wie Beleuchtung oder EDV einsetzen, anstatt einen störanfälligen Generator in Betrieb zu nehmen.

 

Bislang völlig vernachlässigt ist die Windkraft. Mit der neuen Initiative will die Regierung endlich einen Windatlas für den Libanon erarbeiten. Die private libanesische Firma Altaka-Albadila hat nach eigenen Angaben mit Hilfe eines deutschen Unternehmens ein erstes grobes Windgeschwindigkeitsraster für den Libanon erstellt. Demnach gibt es vor allem in den Bergen Gegenden mit Windgeschwindigkeiten bis zu 8 oder 9 Metern pro Sekunde.



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