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Farhad Payar
Das israelkritische Gedicht von Günter Grass, »Was gesagt werden muss«, wurde schon einen Tag nach seiner Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung ins Persische übersetzt und ins Netz gestellt. Seitdem sorgt es in der virtuellen Welt der Iraner für Aufregung. Fast alle großen und kleinen iranischen Nachrichtenportale haben sich zum Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Grass geäußert. Der Tenor: Das »antizionistische Gedicht« unterstütze den Iran gegen Israel.
»Ich bewundere deine Stärke und deinen Mut. Du hast den Nobelpreis für Frieden verdient.« Das steht in einem Kommentar auf dem den Konservativen nahe stehenden Nachrichtenportal Tabnak. Ein anderer Kommentar wirft den iranischen Künstlern und Literaten vor, sie würden sich dem Westen anschmeicheln: »Lernt von Günter Grass und tanzt nicht nach der Musik des Westens!«
Von den Offiziellen der Islamischen Republik hat bis jetzt nur der stellvertretende Minister für Kultur und Islamische Führung, Javad Shamaghdari, zu dem Gedicht Stellung genommen. Der enge Vertraute von Präsident Ahmadinejad rühmt in einem offenen Brief an den deutschen Schriftsteller dessen »Mut und Standhaftigkeit«. Er sei erfreut, dass Grass seiner »menschlichen und historischen Verantwortung« gerecht geworden sei. Shamaghdari wünscht sich für den »hoch verehrten Künstler und Schriftsteller« Anerkennung und Respekt bei allen Nationen, »besonders bei Künstlern und Gebildeten«.
Die Redaktion von Transparency for Iran bietet weiterführende Hintergrundinformationen, die in deutschen Medien aufgrund der Nachrichtenlage nicht genug Beachtung finden. Durch dichte Beschreibungen des vielschichtigen Iran-Puzzles ermöglichen die persisch-sprachigen Autoren und Journalisten ein ganzheitliches Bild der gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Meinungsbildungsprozesse im Iran. Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.
Die Mehrheit der iranischen Blogger, die an dem Gedicht interessiert sind, haben die Nachricht von dessen Veröffentlichung und die Reaktionen darauf verbreitet, ohne dazu Stellung zu nehmen. Allerdings lässt die Wortwahl erkennen, wer von ihnen die offizielle Politik des Iran gegenüber Israel befürwortet. Die regimetreuen Internetaktivisten verwenden für den Staat Israel und die Israelis die Begriffe »zionistisches Regime« und »Zionisten«. Und bei der Verbreitung des Gedichtes waren gerade diese Blogger sehr aktiv.
Ein Teil der Blogger betrachtet den Inhalt des »antizionistischen Gedichts« als direkte Unterstützung des Iran im Atomkonflikt. Andere sehen in dem Werk keine anti-israelische Stellungnahme, sondern vertreten die Meinung, Grass habe nur »die Wahrheit« gesagt. Taffakor zum Beispiel schreibt unter dem Titel »Schweigen gebrochen, gegen das Verbotene«: »Will man nun einer Person wie Günter Grass, der sich als Freund der Israelis bezeichnet, unter dem Vorwand des Antisemitismus das Wort verbieten?« Er führt weiter aus: »Die Kritik an den Politikern, die als Sprachrohr der Waffenindustrie dienen und nach Vorwänden für den Einsatz von Kriegswaffen suchen, müsste zunehmen.«
Die weltweite Berichterstattung über »Was gesagt werden muss« und die Reaktionen darauf gehörten am Samstag, den 7. April, zu den »heißen Themen« auf der größten iranischen Internet-Plattform Balatarin. Dort gab es unterschiedliche Meinungen zu dem Gedicht: Von den gängigen Parolen der »Anti-Zionisten« bis zu gemäßigten, aber auch zynischen Stimmen. Pluarit schreibt: »Die Islamische Republik Iran und Israel sind auf religiösen Grundsätzen aufgebaut und beide brauchen für ihren Fortbestand äußere Feinde.« Der Balatarin-User Fozul ist anderer Meinung: »Es wird behauptet, dass manche Menschen sich im Alter wie Kinder benehmen. Nun hat der 85-jährige Grass sich an seine Jugendzeit bei der SS erinnert.«
Auch auf Facebook waren völlig unterschiedliche Reaktionen auf Grass’ Gedicht zu lesen. Allerdings behielten dort seine Befürworter die Oberhand. Das Werk des Nobelpreisträgers wurde dort auch aus anderen Perspektiven beleuchtet. Sima etwa kritisiert den Begriff »Maulheld« in dem Gedicht: »Ich bin gegen jeden Krieg gegen den Iran und gegen die Politik Israels gegenüber den Palästinensern. Aber Günter Grass sollte wissen, dass Ahmadinejad kein Maulheld ist, sondern ein brutaler Politiker, der nicht nur Israel vernichten möchte. Fragen Sie, Herr Grass, iranische Frauen und Jugendliche, ob Sie Recht haben oder ich.«
Als Reaktion auf das Gedicht hat die aus dem Iran stammende Schauspielerin und Fernsehmoderatorin Pegah Ferydoni auf Facebook die Seite »Germany loves Iran & Israel« kreiert, die mit Text– und Videobeiträgen für Völkerverständigung sorgen möchte. Ganz oben auf der Seite heißt es: »Bitte helfen Sie uns, den Krieg zu verhindern!«
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