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Syrische Flüchtlinge im Libanon 29.07.2012

Freitags gibt es kein Taxi in den Tod

Leila Djamila berichtet aus Beirut


»Verdammt, mein Cousin ist gerade erschossen worden, ich muss zum Begräbnis nach Damaskus!«, schrie Aischa, nachdem sie einem Anruf ihrer Familie am Freitagmittag erhalten hatte. Ihr entfernter Bekannter Maher, 26, hatte es über die umkämpfte Straße, die von Damaskus nach Beirut führt, am Tag zuvor geschafft, die Hölle der syrischen Hauptstadt hinter sich zu lassen.

 

Nun saß er mit anderen Aktivisten, Flüchtlingen, normalen jungen Syrern aller Konfessionen,  beim starken schwarzen Kaffee und vertrieb sich die Zeit mit Zigarettenrauchen, Austausch von Informationen und den neuesten Assad-Witzen und natürlich der permanenten Diskussion über den Fortgang der Revolution. »Einen Scheiß wirst du tun, wir lassen dich jetzt am Freitag nicht zum Begräbnis nach Damaskus fahren, es sei denn, du willst gleich dein eigenes vorbereiten, dann komm, dann lassen wir alle das Leben Leben sein und fahren mit dir in den Tod.«

 

Aischas Cousin war Christ, wie sie, aber wie so viele junge Syrer komplett unreligiös und genervt von allem, was mit Religion zu tun hat. Religion im Nahen Osten ist nicht immer eine alle Menschen in Liebe zu Gott vereinende Sache, sondern oft genug ein ständiger sublimer Kampf um den besseren Gott und die wahrere Religion.

Die Chance zu Sterben war ohnehin groß

Er war in den letzten Monaten seines Wehrdienstes für die staatliche syrische Armee und mit einigen Kameraden für einen Checkpoint verantwortlich. Statt den Checkpoint wie die Rebellen und viele Soldaten al-Assads auch in der Gluthitze des Tages zu verlassen und sich im Schatten abzulegen, nahm er seinen Job, nämlich für die Sicherheit der syrischen Staates zu sorgen, ernst. Sonst wäre er von seinen eigenen Leuten gleich erschossen worden, jetzt war es aber die Freie Syrische Armee, die ihn bei dem Sturm auf die Straßensperre tötete.

 

Aischas WG-Mitbewohner hielten sie ab vor der Fahrt in den sicheren Tod , um einem von rund 20.000 Begräbnissen der letzten 16 Monate beizuwohnen – abgesehen davon, dass sie kein Taxi in den Krieg gefunden hätte, an diesem Freitag im Ramadan, der die sonst so quirlige libanesische Hauptstadt tagsüber in eine Art Dauersiesta versetzt. Aisha ist 34 und  lebt seit längerem in Beirut, natürlich nicht als Flüchtling, sondern als Aktivistin im Exil.

Alptraumgedanke: Erntehelfer, für 15 Dollar pro Tag

Sie und ihr Freund, ein diplomierter Programmierer, mieteten eine für die beiden viel zu große Wohnung, um ein sicheres Haus für verängstigte, traumatisierte Freunde, Freunde von Freunden und Bekannte von Freunden von Freunden zu haben. Obwohl die 140-Quadratmeter-Wohnung für Beiruter Verhältnisse spottbillige 600 Dollar kostet, müssen die erst einmal verdient werden. Natürlich kommt ein Job als Erntehelferin bei circa 50 Grad Hitze, den viele syrische Saisonarbeiter traditionell in der fruchtbaren Bekaa-Ebene des Libanon ausführen, für die moderne viersprachige Frau nicht in Frage.

 

Die Syrer, die bei ihr ankommen, haben noch Macintosh-Computer, Ray-Ban-Sonnenbrillen und echte Levis-Jeans aus besseren Zeiten – Syrien befand sich im Aufschwung, und wer das Glück hatte, mit ausländischen Stiftungen oder internationalen Organisationen arbeiten zu können, konnte in Damaskus gut und gerne 1500 Dollar pro Monat verdienen. Ein Universitätsprofessor verdiente zwischen 250 und 700 Dollar, je nach Alter und Uni.

Die Sex- und Drogentouristen bleiben aus

Aber einen vernünftigen Job im Libanon zu finden, ist nicht einfach – dem Land geht es wirtschaftlich schlecht, die reichen saudischen Touristen und ihre Nachbarn aus den Golfstaaten, die Beirut im Sommer und besonders im Ramadan gerne zu Tausenden als Refugium vor der Hitze und dem religiösen Wahn nutzen, sind in diesem Jahr aufgrund von Reisewarnungen ihrer Regierungen fortgeblieben. Nicht, weil der Libanon jetzt so gefährlich ist, aber weil es hier immer Knallen kann. Und der Evakuierungsweg gen Golf führt nun einmal über Syrien.

 

Derzeit wissen die beiden nicht einmal, wie viele Menschen genau in der luftigen und geräumigen Altbauwohnung mit den beiden Terrassen wohnen, die Betten, Schlafplätze und Sofas sind belegt, umschichtig, von jungen Menschen, die exzellente Ausbildungen und auch internationale Berufserfahrung haben, mit denen sie in vielen Städten der Welt sofort gut bezahlte Jobs bekommen würden. Aber niemand hat Interesse, ihnen ein Visum zu geben, irgendwohin – es kann dieser Tage schon vorkommen, dass man als Deutsche beschimpft wird, da unsere Visapolitik in Bezug auf die  syrische Flüchtlinge weniger als bescheiden aufällt.

 

Wer sich für ein deutsches Visum im Libanon bewerben will, muss bis November warten, nur um einen Termin in der einem Hochsicherheitsgefängnis ähnelnden Deutschen Botschaft zu bekommen. Und dann werden selbst Syrer, die mit Deutschen verheiratet sind, abgewiesen.



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