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Aus Hatay berichtet Yasemin Ergin
Servietten scheinen Mangelware zu sein in den Flüchtlingslagern von Hatay. Anders lässt es sich nicht erklären, warum Lubaba Muhammad mehrere Familienpackungen davon in den Kofferraum des Mietwagens stopft. Außerdem viele Tüten voll mit frischem Obst und Gemüse, einen Wasserkocher, Tee und Kaffee in Vorratspaketen. Großeinkauf für die Verwandten, die nicht selber auf den Markt können – die syrischen Flüchtlinge in den Zeltlagern des türkischen Roten Halbmondes dürfen diese nicht verlassen. Höchstens, wenn sie sich zur Rückkehr in die umkämpfte Heimat entscheiden.
Lubaba Muhammad und ihr Ehemann Waleed selbst verließen ihre syrische Heimat schon lange vor den aktuellen Unruhen. Sie flohen damals vor der Brutalität von Hafez al-Assad, dem Vater des heutigen Präsidenten. Die beiden leben schon seit mehr als 30 Jahren in Saudi-Arabien und waren schon genauso lange nicht mehr in ihrem Herkunftsland. Sie wirken fremd, hier auf dem großen Basar von Antakya, der Hauptstadt der Grenzregion Hatay: Lubaba ist in einen schwarzen Tschador verhüllt, der bis auf die Augen ihr komplettes Gesicht bedeckt, ihr Mann Waleed, ein Mittfünfziger mit akkurat gestutztem Vollbart, trägt einen weißen Qamis, das traditionelle bodenlange Baumwollgewand saudischer Männer.
Unschlüssig steht Lubaba an einem der Obststände, packt dann noch ein paar Bananen in eine Tüte und nimmt einige Beutel Pistazien mit. Eigentlich ist das Auto schon voll, doch es ist ihr letzter Tag in der Türkei vor der Rückreise nach Jeddah, die letzte Gelegenheit also, die Familie zu besuchen. »Eigentlich fehlt es ihnen ja an nichts, sie haben genug zu essen und werden von der Regierung gut versorgt«, sagt sie entschuldigend, als befürchte sie, ihre Einkaufstour könne als Kritik an dem türkischen Umgang mit den syrischen Flüchtlingen verstanden werden. »Aber es gibt ja nicht viel, was wir tun können, außer ihnen ein paar Geschenke vorbei zu bringen. Gott weiß, wann sie wieder zurück nach Hause können!«
Das Ehepaar ist unterwegs nach Boynuyogun, eines von mehreren Dörfern in der Region, in denen der Rote Halbmond in den letzten Wochen Zeltlager für die Flüchtlinge aus Syrien aufgebaut hat. Waleeds Eltern, sein Bruder und sieben weitere Verwandte leben seit knapp drei Wochen dort. Sie flüchteten vor den blutigen Gefechten in ihrer Heimatstadt Jisr-al-Shughur, einer seit Wochen heftig umkämpften Protesthochburg im Nordwesten Syriens. »Wir waren krank vor Sorge, als wir von den brutalen Angriffen des Militärs hörten«, erzählt Waleed. »Ich konnte meine Eltern mehrere Tage nicht erreichen. Dann meldeten sie sich aus der Türkei, nachdem sie das Lager erreicht hatten. Wir waren schrecklich erleichtert. Noch nie in meinem Leben war ich den Türken so dankbar.«
Mit im Auto sitzt Fatmeh Alkis, eine junge Syrerin, die vor sechs Jahren einen Mann aus Antakya heiratete und seitdem hier lebt. Sie ist als Dolmetscherin dabei, unter anderem, um bei eventuell notwendigen Verhandlungen mit den Wachposten an dem streng abgeschirmten Flüchtlingslager zu helfen. Die 29-Jährige stammt wie Waleed Muhammad aus Jisr-al-Shughur und auch ihre Familie ist direkt betroffen. Einige ihrer Cousins liegen schwer verletzt im Flüchtlingslager von Yayladagi, ihre eigene Schwester Leyla floh mit ihrem Mann und ihrem drei Monate alten Baby noch vor Beginn der blutigen Gefechte nach Antakya, auf Druck von Fatmeh und ihrem Ehemann. »Wir haben die Eskalation kommen sehen und wir hatten Angst, dass die Türkei die Grenze dichtmacht, wenn die Gewalt so nahe an der Grenze ausbricht«, sagt sie.
Waleed und Lubaba Muhammad kamen vor einer Woche in Antakya an. Bei der ersten Fahrt nach Boynuyogun sei es ein komisches Gefühl gewesen, sich Syrien so weit zu nähern, erzählt Lubaba. Das Dorf ist nur etwa zwei Kilometer von der Grenze entfernt. Für die 38-Jährige ist es das erste Mal seit ihrer Kindheit, dass sie auch nur in die Nähe ihres Geburtslandes kommt.
Sie stammt aus Hama, der mittelsyrischen Stadt, in der die Streitkräfte von Assad Senior im Jahre 1982 ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Das Regime machte damals Jagd auf die als regierungsfeindlich geltenden Muslimbrüder und Hama galt als ihre Hochburg. Unter dem Vorwand, einen islamistischen Aufstand vereiteln zu wollen, walzten die Panzer Assads die ganze Stadt nieder und ermordeten rund 20.000 Menschen. Unzählige weitere wurden verhaftet. Lubabas Eltern flohen mit der damals achtjährigen Tochter nach Saudi-Arabien – tief traumatisiert.
Eine Rückkehr nach Syrien kam für die Familie nie in Frage, auch nicht, nachdem der junge, im Westen ausgebildete Baschar al-Assad seinen Vater im Jahre 2000 beerbte. »In Syrien wurde über das Hama-Massaker nicht mehr gesprochen«, sagt Lubaba, »aber die Erinnerung daran steckt Allen, die es miterlebt haben, noch immer in den Knochen.« Die brutalen Übergriffe des aktuellen Regimes gegen Demonstranten hätten die Erinnerungen nun erst recht wieder aufbrechen lassen.
Ihr Mann Waleed verließ Syrien ebenfalls aus politischen Gründen. Als junger Student war er wegen regierungskritischer Äußerungen auffällig geworden und fühlte sich, nachdem er mehrmals von Assads Sicherheitsbeamten verhört wurde, im Land nicht mehr sicher. Dass Bashar al-Assad nicht viel besser sei als sein Vater, hätten die meisten Syrer zwar geahnt, aber dass er so brutal und kompromisslos gegen sein Volk vorgehen würde, wie seit Ausbruch der Unruhen im März, habe doch viele überrascht.
Anfang Juni rückten die syrischen Streitkräfte nach tagelanger Belagerung in die Kleinstadt ein, beschossen Zivilisten aus Panzern und Hubschraubern und zerstörten Häuser und Felder. Von syrischen Oppositionellen im Internet hochgeladene Beweisvideos stützten die Berichte, die zunächst nur schwer zu verifizieren waren, da Syrien keine Journalisten im Land zulässt.
Die Berichte decken sich auch mit dem, was die syrischen Flüchtlinge in Hatay erzählen. »Die Geschichten, die wir in Boynuyogun hören, sind furchtbar«, sagt Lubaba und Fatmeh, die Übersetzerin, nickt. Manche Flüchtlingsfrauen hätten ihr Dinge erzählt, die sie kaum wiedergeben könne, flüstert sie mit einem verschämten Blick Richtung Waleed. Was sie meint, sind die Gerüchte über sexuelle Gewalt an jungen Frauen, verübt von syrischen Soldaten und Milizen als Teil der Einschüchterungskampagne gegen die Aufständischen.
In den Flüchtlingslagern der Region machen immer neue Geschichten über die Gräueltaten der syrischen Armee die Runde. Bestätigen lassen sie sich nicht, doch die zahllosen, von vielen verschiedenen Augenzeugen kolportierten Berichte von Folterungen, wahllosen Erschießungen und systematischen Vergewaltigungen decken sich miteinander und ergeben ein konsistentes Bild. Bei einem seiner letzten Besuche im Flüchtlingslager habe er gehört, dass Soldaten in Jisr-al-Shughur öffentlich die Leichen erschossener Demonstranten verbrannten, erzählt Waleed. »Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber zuzutrauen wäre es Assads Leuten. In Syrien wird es keinen Frieden mehr geben, solange Assad noch an der Macht ist. Wie kann man zurück in ein Land, dessen Herrscher dem eigenen Volk den Krieg erklärt?«
Inzwischen hat das Auto Boynuyogun erreicht. Der Zugang zum Flüchtlingscamp ist mehrfach gesichert: Die ersten militärischen Kontrollen finden direkt an der Abzweigung statt, die von der Dorfstraße in Richtung Zeltanlage führt. Rundherum ist ein dichter, hoher Zaun, doch von einem Hügel an der Dorfstraße aus hat man einen guten Blick auf akkurat angeordnete Reihen von schneeweißen Zelten, bedruckt mit dem Logo des Roten Halbmondes.
Einige Meter weiter unten, auf dem Vorplatz des Zeltlagers herrscht reges Treiben. Hier werden in Feldzelten medizinische Erstversorgung geleistet und offizielle Besucher empfangen, Übertragungswagen diverser Fernsehsender stehen dicht an dicht auf dem Platz; Gendarmen, Polizisten, Mitarbeiter des Roten Halbmondes und des vom Außenministerium entsandten lokalen Koordinierungskomitees eilen umher und wimmeln immer wieder Journalisten ab, die Zugang zum Flüchtlingslager erbeten. Schräg vor dem Eingang zu der Zeltsiedlung nehmen Sicherheitsbeamte in einem offenen Zelt die Personalien der Besucher auf. Bewohner aus den umliegenden Dörfern stehen Schlange, sie haben Pappkartons mit Kleidung dabei, Wassermelonen und Spielsachen.
Nicht alle haben Verwandte hier im Camp. Einige wollen einfach nur Spenden vorbeibringen. Ins Lager hinein dürfen nur direkte Angehörige der Flüchtlinge, und auch diese werden erst nach langwierigen Kontrollen und nachdem alle Mitbringsel registriert wurden, reingelassen. Waleed und Lubaba Muhammad sind spät dran – die Besuchszeit ist fast vorbei, doch die Beamten kennen das Ehepaar schon und lassen sie durch. Auf der anderen Seite des Einganges drängeln sich Kinder und einige Erwachsene und versuchen, einen Blick nach draußen zu erhaschen.
Immer wieder versuchen Reporter und Fotografen die wenigen Sekunden, in denen das Tor sich öffnet, zur Kontaktaufnahme mit den Flüchtlingen zu nutzen, immer wieder werden sie von den Wache stehenden Gendarmen gnadenlos abgewiesen. Ein Krankenwagen fährt vor und Soldaten helfen einem älteren Paar und einer jungen, verloren wirkenden Frau mit einem nur wenige Tage alten Baby auf dem Arm beim Aussteigen und führen sie durch das Lager. Fotografen knipsen Bilder der Neuankömmlinge und ein müde aussehender Offizier wendet sich genervt an die Journalisten: »Warum macht ihr uns das Leben so schwer? Wir haben hier nun mal unsere Anweisungen! Wenn ihr unbedingt Syrer für eure Berichte braucht, dann sucht euch doch jemanden im Dorf, der syrisch aussieht! Arabisch sprechen und von Syrien erzählen, können die auch!«
Wie rigoros die syrischen Flüchtlinge von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden, erstaunt die vielen angereisten Journalisten schon seit Wochen. Ein einziges Mal wurden sie unter strenger Aufsicht durch eines der Zeltlager geführt – unter der Auflage, nicht auf eigene Faust Interviews zu führen. Es blieb bei dem einen Pressetermin. Doch nicht nur die Medien haben eingeschränkten Zugang. Als der Bürgermeister von Bursa, der viertgrößten Stadt der Türkei, den Flüchtlingen seine Aufwartung machen und ein paar Spielplatzgeräte vorbeibringen wollte, wurde auch ihm der Zugang verweigert.
Eine Ausnahme machte das türkische Außenministerium bisher nur bei dem Filmstar Angelina Jolie, die als UN-Sondergesandte kürzlich die Flüchtlinge besuchen durfte. Die strenge Abriegelung der Zeltlager verleitete die Al-Jazeera-Korrespondentin Anita McNaught kürzlich zu der frustrierten Bemerkung, der Preis, den die vor dem Terror flüchtenden Syrer für ihre Sicherheit zahlen müssten, sei die Unterbringung in »Gefangenenlagern«.
Warum die türkischen Behörden die Lager so massiv abriegeln, ist nur schwer nachvollziehbar, wenn man diese einmal von innen gesehen hat: Sie sind sauber und gut ausgestattet, es gibt intensive medizinische Betreuung, regelmäßige Mahlzeiten und sogar Spielplätze für die Kinder. »Natürlich haben wir nichts zu verstecken«, sagt Tekin Küçükali, Generalsekretär des türkischen Roten Halbmondes. Die strengen Regeln seien notwendige Maßnahmen zur Sicherheit der Syrer: »Wir sind schließlich verantwortlich für die Menschen, die bei uns Schutz suchen. Wir wollen nicht, dass sie nach ihrer Rückkehr in Syrien Schwierigkeiten bekommen.«
Der eigentliche Grund ist wohl eher der diplomatische Spagat, den die türkische Regierung hinzulegen versucht. Auch wenn Ankaras Ton gegenüber Damaskus zunehmend schärfer wird – so ganz verscherzen will es sich die türkische Regierung noch nicht mit dem Assad-Regime. Syrische Flüchtlinge aber, denen auf türkischem Boden die Möglichkeit gegeben wird, die syrische Regierung mit schweren Verbrechen zu beschuldigen, wären ein Affront.
Der Rote Halbmond versorgt inzwischen rund 11.000 Flüchtlinge in Hatay und immer noch werden es täglich mehr. Gerade entsteht ein sechstes Lager nur wenige Kilometer nördlich von Boynuyogun. Besonders seit der jüngsten Militäroffensive, als syrische Truppen bis nahe der türkischen Grenze in das Dorf Khirbet-al-Jouz vorrückten, will die türkische Regierung auf anhaltende Flüchtlingsströme vorbereitet sein – von »Flüchtlingen« sprechen will sie aber nicht: Laut der offiziellen Sprachregelung, an die sich alle Mitarbeiter des Roten Halbmondes penibel halten, gibt es in Hatay keine »Flüchtlingslager«, sondern »Zeltstädte«, und die darin wohnenden Syrer sind keine »Flüchtlinge«, sondern »Gäste«, die im Idealfall möglichst bald wieder in ihre Heimat zurück sollen.
Waleed Muhammad, für den die Besuchszeit in der »Zeltstadt« gerade vorbei gegangen ist, kann darüber nur traurig den Kopf schütteln. »Schnell zurück? Wohin denn? Die Häuser meiner Familie sind zerstört, und Maher al-Assad, der Bruder des Präsidenten hat angekündigt, dass er erst ruhen werde, wenn Jisr-al-Schugur dem Erdboden gleichgemacht sei.«
Die neuesten Berichte aus der Heimat, die neu angekommene Syrer seinen Verwandten übermittelt hätten, seien gewohnt erschreckend. Die Fabrik eines Cousins sei von Soldaten besetzt und werde Gerüchten zufolge als Folterzentrum genutzt. Immer noch gebe es täglich neue Tote und Verletzte und 64 Bewohner der Stadt seien zum Tode verurteilt worden. »Das ganze Land wird zu einem einzigen, großen Gefängnis«, sagt Waleed bitter. »Natürlich würden die Menschen lieber zurück nach Hause, als in Zelten zu leben! Aber das geht erst, wenn Assad weg ist.«
Dann ergreift er die Hand seiner Frau. Schweigsam geht das Paar Hand in Hand den Weg zum Auto zurück. Waleed Muhammad wirft einen letzten Blick auf die weißen Zelte, die in der Abendsonne strahlen. Dann sagt er: »Die Menschen hier warten seit wenigen Wochen auf eine Gelegenheit, in ihre Heimat zurückzukehren. Lubaba und ich warten seit 30 Jahren. Früher oder später wird Assad stürzen, seine Zeit ist vorbei. Und dann kehren auch wir wieder nach Syrien zurück.«
Mehr Bilder von Andy Spyra aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet finden Sie hier.
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