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Felix Kühn (Kandahar)
Die ersten Schüsse fielen um halb zehn Uhr morgens. Erst vereinzelt, dann vollautomatische Salven – 20 bis 30 Schüsse. Hunderte von Demonstranten haben sich am Samstag in Charsoo, einem Stadtteil von Kandahar, versammelt, um gegen die Koranverbrennung durch den amerikanischen Pastor Terry Jones zu demonstrieren. Tags zuvor hatte eine Demonstration in Mazar-e Sharif, der größten Stadt im Norden des Landes, zu zehn Toten und Dutzenden Verletzten geführt.
Berichten zufolge waren die Demonstranten zum Hauptquartier der Vereinten Nationen marschiert und hatten die Wachen überwältigt und getötet. Anschließend drangen sie in einen Schutzbunker ein, in den sich vier UN-Mitarbeiter geflüchtet hatten, und töteten drei von ihnen. Später wurden die Leichen vom Gelände der Vereinten Nationen geborgen, zwei afghanischen UN-Mitarbeitern war der Kopf abgetrennt worden.
Die Reaktion auf die Koranverbrennung kam spät. Terry Jones hatte bereits im Herbst des vergangenen Jahres angekündigt, zum Jahrestag des Anschlags vom 11. September mehrere Korane zu verbrennen. Damals hatte der fanatische Prediger jedoch durch den weltweiten öffentlichen Protest und den Druck der amerikanischen Regierung noch umgestimmt werden können. Am 20. März nun hat Jones in Gainesville den Koran in einem Schauprozess symbolisch zum Tode verurteilt. Im Anschluss an die Veranstaltung wurde das Buch in Kerosin getränkt und verbrannt.
Bis vor einigen Tagen fand Jones‘ hetzerische Inszenierung sowohl in den internationalen Medien als auch in der afghanischen Öffentlichkeit wenig Beachtung. Dies änderte sich erst mit der Demonstration in Mazar-e Sharif, die in einem Blutbad endete. Die genauen Umstände, die am 2. April zum Tod von 9 Demonstranten und einem afghanischen Polizisten führten und bei denen 84 weitere Personen zum Teil schwer verletzt wurden, bleiben unklar. Die lokale Regierung beschuldigt Rebellen, die sich den Demonstrierenden angeschlossen hätten, für den Gewaltausbruch.
Die Weltöffentlichkeit hat der brutale Angriff auf das UN-Quartier in Mazar-e Sharif überrascht – die Metropole im Norden hatte wegen der relativ stabilen Sicherheitslage für die wenigen Positivschlagzeilen aus Afghanistan gesorgt. Kandahar, in das sich kaum ein westlicher Ausländer wagt, scheint dagegen seit Jahren als brodelnder Herd von Gewalt und Terrorismus abgeschrieben zu sein. Doch die Einheimischen nehmen die jüngsten Ausschreitungen durchaus als Gewalteskalation von neuer Qualität wahr.
Der Demonstrationszug in Kandahar bewegte sich nach den ersten Schüssen von der Innenstadt in Richtung Westen, wo die Vereinten Nationen ihr Quartier haben. Innerhalb einer Stunde breitete sich die Gewalt in der Stadt aus. Die Demonstranten zerstörten viele Läden, steckten Autoreifen in Brand und lieferten sich Straßenschlachten mit afghanischen Sicherheitskräften. Ein mehrstöckiger Markt, der Videofilme verkauft, ist ausgebrannt.
Um 11 Uhr, kaum anderthalb Stunden nach Beginn der Demonstration, drohte Kandahar im Kugelhagel zu versinken. Schwarze Rauchwolken stiegen an mehreren Orten auf. Die Demonstranten stürmten die Mädchenschule Zaragoonah Ana Highschool, zerstörten Bänke und Stühle und zündeten einen Schulbus an. Stundenlang hallte das Feuer der Maschinengewehre durch die Stadt. »Meine Schwester war dort. Sie war sehr verängstigt, als die Demonstranten in die Schule eingedrungen sind. Aber ihr ist nichts passiert«, schildert Ashraf, der in der Nähe der Schule in einer Baufirma arbeitet.
Eine solche Gewalteskalation nach seiner Demonstration hat es in den vergangenen zehn Jahren in Kandahar nicht gegeben. Für gewöhnlich werden Kundgebungen von prominenten und mächtigen Persönlichkeiten inszeniert. Die Demonstrationen am ersten Aprilwochenende liefen aber anders ab.
Tags darauf treffen die ersten Berichte über neuerliche Demonstrationen schon um neun Uhr morgens ein. »Ich war auf dem Weg nach Panjwayi«, ein Bezirk westlich von Kandahar-Stadt, »aber ich musste umdrehen. Im Bezirkszentrum fand eine Kundgebung statt: Die Demonstranten kämpften gegen afghanische Sicherheitskräfte«, berichtet ein Arbeiter, der sich auf dem Weg zu einer Baustelle befand. Ein Weiterer schilderte, wie die Demonstranten Backziegel auf die lokale Polizei warfen.
Zum gleichen Zeitpunkt, als die Nachrichten über die Demonstrationen im Panjwayi-Bezirk eintrafen – seit Jahren eines der am stärksten umkämpften Gebiete der Region – versammelten sich auch in Kandahar selbst wieder Protestzüge.
Die Demonstration zog wiederum in Richtung des Quartiers der Vereinte Nationen und verlief anfangs noch friedlich. Gegen elf Uhr fielen die ersten Schüsse, vereinzelt waren Gewehrsalven zu vernehmen. Schwarzer Rauch stieg nahe der UN-Gebäude auf. Die lokale Regierung gab später bei einer Pressekonferenz zu Protokoll, dass Demonstranten ein Wachhaus angezündet hätten, was zur Explosion einer Gasflasche geführt habe, bei der mehrere Personen verletzt wurden. Die Demonstrationen am Sonntag kosteten weitere zwei Menschenleben, 40 Personen wurden verletzt.
»Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals in Kandahar gesehen zu haben«, sagt Mohammed, 21-jähriger Student, der in der Stadt groß geworden ist. »In Amerika verbrennt ein Verrückter einen Koran und hier verbrennen die Demonstranten Dutzende in den Läden und Häusern, die sie anzünden. Viele der Demonstranten sind jung, die wissen gar nicht, warum sie demonstrieren.«
Die neuerlichen Demonstrationen in Afghanistan und insbesondere in Kandahar spiegeln die Stimmung innerhalb der Bevölkerung des Landes wider. Kandahar, Ursprung der Taliban-Bewegung, steht im Mittelpunkt der militärischen Strategie von NATO und ISAF-Schutztruppen. Seit mehr als einem Jahr findet ein Großteil aller Gefechte und militärischen Operationen in der Gegend um Kandahar statt. Unzählige Zivilisten sind in dieser Zeit den Angriffen der Taliban wie den Operationen der ausländischen Truppen zum Opfer gefallen sind.
Die vom Spiegel und dem Rolling Stone Magazine veröffentlichten Aufnahmen der US-amerikanischen »Kill Teams«, auf denen grinsende amerikanische Soldaten mit dem leblosen Körper eines jungen afghanischen Zivilisten zu sehen sind, die Provokationen des amerikanischen Pastors Jones und der massive Druck, der auf der Bevölkerung lastet, die sich oft genug zwischen Taliban, Regierung und ausländischen Truppen findet, erzeugt eine explosive Mischung, die sich in den Ereignissen vom Wochenende gewaltsam entladen hat.
Im fernen Florida erklärt Terry Jones in einem Interview mit dem TV-Sender ABC, das er sich nicht verantwortlich fühle für die Toten und die Gewalt in Afghanistan, die sein infames Schauspiel verursacht hat. Laut ABC sieht er in den aktuellen Ereignissen vielmehr »einen weiteren Beweis für die radikalen Elemente des Islam«. Ob Jones plant, noch weitere Korane zu verbrennen, ist nicht klar. Den Sunday Telegraph ließ er jedoch wissen, dass er in Erwägung ziehe, den Propheten Muhammad vor Gericht zu stellen.
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