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Nils Metzger
Schon aus der Ferne hört man Lärm. Schreie, Pfeifen, dutzende Füße, die über den warmen Asphalt hechten. Das einzige Ereignis, das die Menschen im Lager die Zeit des Wartens in diesen Tagen vergessen macht, ist ein Fußballturnier. Etwa 200 Menschen, meist Jugendliche, stehen eng gedrängt im Oval um ein provisorisches Spielfeld, dass zu beiden Seiten von den aus grünen Eisenstangen hergerichteten Torpfosten abgeschlossen wird. Der Arena gegenüber steht das im überdimensionierten Sowjet-Schick dahin rottende Einreiseterminal der ägyptischen Behörden. Ein Pfiff beendet das Treiben auf dem Vorplatz, die Jungen bersten auseinander, in den Gängen der Zeltstadt, die sich im Hintergrund erhebt, verliert man sie aus den Augen. Ein Teppich wird ausgerollt, die Alten senken die Körper zum Gebet.
»1300 Menschen leben hier«, erzählt Amou Moussa, den man uns zur Seite stellt und der sich durch die im Wochentakt anrückenden Kamerateams aus Katar, Frankreich und den USA inzwischen zum Medienexperten entwickelt zu haben scheint. Vertriebene und Flüchtlinge seien sie in zweierlei Hinsicht – die meisten Familien stammen aus Darfur oder Tschad. Lange Jahre hätten sie in Libyen eine sichere Heimat gefunden, nicht wenige der Kinder seien dort geboren, doch die Revolution habe alles verändert.
»Wir hatten alle Arbeit, lebten über das ganze Land verstreut, aber als die afrikanischen Staaten Gaddafi während der letzten Monate den Rücken stärkten, manche sogar Söldner nach Benghazi und Misrata entsandten, schlug der latente Rassismus vieler Libyer in offene Gewalt um«, so Moussa. Insbesondere während der ersten Tage des Krieges, als noch keine NATO-Flugzeuge die rebellierenden Städte schützten, rächten sich viele Einwohner Benghazis und Misratas unbarmherzig an den ausländischen Kämpfern, die zuvor mordend und vergewaltigend durch ihre Straßen gezogen waren.
Während die Kommentatoren der neugegründeten Propagandasender und Radiostationen für einen Ausstieg Libyens aus der Afrikanischen Union werben, manche sogar »am liebsten eine Mauer zwischen sich und Afrika« errichten würden, wie es auf Libya al-Hurra hieß, zerstörte die Furcht vor Gaddafi-Loyalisten das Vertrauensverhältnis zwischen den Menschen, die in Libyen Schutz vor Krieg und Hunger suchten und der Mehrheit der Bevölkerung dauerhaft. »Wir wurden als Agenten unserer Heimatländer beschimpft – wir seien die Handlanger des Diktators«, erzählt Moussa.
Ganze Familien machten sich in Kleinbussen und Pkw auf den Weg, ließen ihre Häuser und Habseligkeiten zurück. »Die Nachricht von Übergriffen hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Verwandte im Osten des Landes riefen an und rieten uns, so schnell wie möglich auszureisen – entweder nach Tunesien oder nach Ägypten.«
Das war vor fast einem halben Jahr. »Die ersten Flüchtlinge konnten noch ohne Probleme nach Ägypten weiterreisen«, berichtet Hamid Gaffer, der früher Generalsekretär des Verbandes der Sudanesen in Ostlibyen war. Seine Familie sei bis nach Kairo durchgekommen, gesehen hat er sie zuletzt am 27. Februar, danach saß er im lange umkämpften Ort Brega fest und erreichte das Hochplateau von Salloum erst, als die Ägypter die Grenze für Flüchtlinge bereits geschlossen hatten.
Gaffer blickt müde und abgekämpft zu Boden, während er seine Geschichte erzählt. Seinen Lebensabend hat er sich anders vorgestellt. Nicht länger ist er respektiertes Mitglied einer Gesellschaft, die den schwelenden Rassismus mit einem staatsraisonartigem Panafrikanismus übertüncht. »In diesem Krieg gibt es keine Helden«, seufzt Gaffar, während neben ihm Männer mit geschickten Handbewegungen kleine Bällchen aus dem melonengroßen Klumpen Kartoffelteig in ihrer Mitte formen.
Beim gemeinsamen Fastenbrechen kommen die Männer zusammen, tauschen sich über alte Erlebnisse und neue Gerüchte aus. Seine libyschen Arbeitskollegen hätten ihm dabei geholfen, das Land zu verlassen. Hoffnungen, jemals wieder nach Benghazi zurückzukehren, hat Gaffar keine. »Gaddafi hat sich nur um sich selbst gekümmert, wir Flüchtlinge waren ihm egal. Deshalb konnten wir dort auch in Ruhe leben, aber jetzt ist Libyen nicht mehr länger meine Heimat.«
Wie hunderte weitere Geflohene lebt er in einem der von Plastikplanen und Metallstäben unförmig zusammengehaltenen Notzelte, die von der Internationalen Flüchtlingsorganisation UNHCR nach wenigen Tagen bereit gestellt wurden. Einen Schlafplatz und Schutz gegen die Witterung; mehr geben diese uniformen grauen Höhlen nicht her. Für Familien gibt es inzwischen auch drei geräumige Großraumzelte, die ägyptischen Behörden haben die Erste-Hilfe-Station am Grenzposten zu einer kleinen Klinik ausgebaut. Vielleicht ist es deshalb auch aufrichtig, wenn Amou Moussa die Arbeit der Vereinten Nationen ausdrücklich lobt. »Wir haben hier genug zu Essen und zu Trinken, alles Wichtige ist vorhanden.«
Vielleicht möchte es sich der 32-jährige Tschader aber auch nicht mit den UNHCR-Verantwortlichen in Salloum verderben, denn sie entscheiden darüber, wer das Lager wann verlassen darf. Es ist diese Hoffnung, nach Europa oder Amerika zu gelangen, die die Menschen seit sechs Monaten antreibt. Wie verzweifelt diese Perspektive ist, zeigen die Zahlen der angenommenen Asylanträge. Schweden nahm 75, die USA rund ein Dutzend Flüchtlinge von hier auf – und erst vergangene Woche trafen drei Busse des Roten Kreuzes mit neuen Menschen aus Tripoli ein.
»Als klar wurde, dass die Hauptstadt in die Hand der Rebellen fallen würde, machten wir uns mit Booten in Richtung Benghazi auf den Weg«, berichtet einer der Neuankömmlinge. Die Revolution, die dem Diktator mühsam die Herrschaft abgerungen hat und der Millionen ihre Freiheit verdanken, erfüllt diese Menschen mit Panik. »Sicherheit, alles was ich brauche ist Sicherheit. In Libyen ist kein Platz mehr für Afrikaner!«
Dass auch im Flüchtlingslager nicht alles zum Besten steht, beklagt Sherif Niomi, Chefarzt der Notfallklinik. In einem kleinen Raum, von wenigen grellen Neonröhren ungleichmäßig ausgeleuchtet, hat er sich mit vier Kollegen eingerichtet. Drei Arbeitsplätze mit Computer, zwei durch Sichtschutz abgetrennte Behandlungsabteile mit Liegen, deren abblätternder Lack das zweckmäßige Sechziger Jahre-Design noch unterstreicht – hier behandeln die Ärzte täglich 120 Patienten. Ob die Ausstattung dafür reiche? »Gerade so.« Niomi macht eine Handbewegung, die das Gegenteil seiner Worte andeutet. Fieber und Erkältungen könne man immer behandeln, nur gebe es in dieser Gegend viele Insekten.
»In vielen Fällen können wir gegen Allergien, Bisse und Hautreizungen nichts machen.« Vier Tage à zwölf Stunden dauert eine Schicht in Salloum, kommt es dabei einmal zu einer schweren Verletzung, fährt einer der Männer den Krankenwagen in die nahe Grenzstadt herunter.
Den Betrieb der Klinik trägt das Gesundheitsministerium in Kairo gemeinsam mit der UN, wie auch die ägyptischen Behörden die Flüchtlinge auf dem Gelände gewähren lassen, ihnen sogar den Betrieb kleiner Marktstände erlaubten, an denen sie ihre letzten Ersparnisse gegen Zigaretten und ein paar Gebrauchsgegenstände eintauschen können, die sie von vorbeifahrenden Lkw-Fahrern beziehen. Mehr als herabfallende Brotkrümel sind es nicht – während in der entgegengesetzten Richtung dutzende Transporter mit dem grünen Logo der Arabischen Liga, vollgeladen mit internationalen Hilfsgütern, im Stau stehen, fahren nur vereinzelt Autos in Richtung Ägypten.
In diesen Monaten gilt der Grenzübergang unter Libyern als gefährlich. Mehrfach mussten Sicherheitskräfte eingreifen, als es zu Konflikten zwischen libyschen Reisenden und den Vertriebenen kam. »Vor ein paar Tagen hat die ägyptische Polizei das ganze Lager abriegeln müssen. Immer wieder wurden wir aus Autos heraus mit Gegenständen beworfen, eine Person wurde durch einen Schuss von der libyschen Seite der Grenze verletzt«, beschreibt Amou Moussa die angespannte Lage. Dass er sich dabei in der Rolle des Opfers sehr wohl fühlt und gerne auch Details vernachlässigt, mag er kaum verbergen: »Natürlich fällt vorher das ein oder andere Wort, wenn man sich mit einem der Libyer anlegen möchte.«
Sie versuchen ein Ventil für ihre Wut zu finden. Denn es fällt schwer, als einziger Verlierer aus einer Revolution hervorzugehen, in die die Welt solch große Hoffnungen steckt. »Wir sind hier gefangen«, meint Mohammed, einer der Jugendlichen, die vorhin noch beim Fußballspiel mit gefiebert hatten und der jetzt mit seiner schief sitzenden Hip-Hop-Kappe und ausgetretenen Sportschuhen am Straßenrand sitzt. »Eine Schule gibt es nicht. Hier kann man nicht viel mehr machen, als essen und schlafen.« Geboren wurde er in Misrata, ein anderes Land als Libyen hat er nie kennen gelernt.
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