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Rollenspiel »Mount&Blade« aus der Türkei 02.06.2011

Erna, die Kosaken kommen!

Nils Metzger


TaleWorlds ist eine kleine Erfolgsgeschichte in einem Markt, der Jahr für Jahr mehr von den Riesen der Unterhaltungsbranche dominiert wird. Seit 2005 programmiert die Firma aus der türkischen Hauptstadt Ankara sogenannte Indie-Titel, also Spiele, die von unabhängigen Publishern verlegt, aber oft nur eine kleine Nische im Milliardenmarkt der Spielesoftware besetzen können. Anfangs beschäftigten die Unternehmensgründer und Eheleute Armagan und Ipek Yavuz lediglich ein halbes Dutzend Angestellte – inzwischen hat sich die Zahl verdoppelt und weitere Stellenanzeigen sind online ausgeschrieben. TaleWorlds hat es geschafft.


Dass Anfang Mai 2011 ihr drittes Kreativwerk »Mount&Blade: With Fire and Sword« in die Läden kam, ist sowohl Beleg für die steigende Bedeutung der Türkei als IT-Standort als auch für das Erwachsenwerden einer Unterhaltungsform, die oft entweder als Gewalt verherrlichend oder als Kinderkram abgetan wird. »Dabei entwickelt sich gerade jetzt eine ganz neue Generation an Spielern, die mit dieser Technologie aufgewachsen sind und in der Lage sind, kleine Gesellschaften um die Spiele herum zu bilden«, so Armagan Yavuz gegenüber dem Portal Rock, Paper, Shotgun. Dieses Mittendrin-Gefühl ist das Kapital von Rollenspielen wie »World of Warcraft« und auch »Mount&Blade« möchte dem Spieler ein möglichst umfassendes Erlebnis bieten.


Dabei machen es die Türken dem deutschen Durchschnittsgamer nicht einfach: Waren beide vorherigen Serienteile im zentraleuropäischen Mittelalter angesiedelt, umfasst die Geschichte von »With Fire and Sword« den Chmelnyzkyj-Aufstand, der im 17. Jahrhundert Zündfunke für den ukrainischen Unabhängigkeitskampf von Polen-Litauen war. »Uns ging es immer darum, eine möglichst realistische und freie Spielwelt zu erschaffen«, erzählt Yavuz. Egal, ob es sich dabei um das physikalisch korrekte Kämpfen vom Rücken eines Pferdes, oder um die Architektur eines tatarischen Dorfes handelt. Das aus deutscher Sicht weitgehend unbekannte Szenario nimmt man dafür in Kauf.


Ein historischer Komplexitätsbrocken

Der Spieler erlebt Osteuropa zweigeteilt: Aus der Vogelperspektive schaut man auf seinen Charakter, reitet von Stadt zu Stadt, begegnet Händlern, Banditen und Söldnern. Die Landkarte der Region ist zweckmäßig-hässlich in Braun- und Grautönen gehalten – Grafikfetischisten sollten einen weiten Bogen um dieses Stück Software machen.


Sobald sein Alter Ego, der im Laufe der Geschichte Kampfgeschick und Fähigkeiten entwickelt, auf einen computergesteuerten Mitspieler trifft, wechselt das Spiel in die Third-Person-Ansicht. Seinem Charakter über die Schulter blickend, kann man durch Städte schlendern, bei Fürsten vorsprechen, Handel betreiben oder sich mit dutzenden KI-Gefährten in Belagerungs- und Feldschlachten stürzen. Stets authentisch in die mongolisch, slawisch und sogar osmanisch geprägten Lederkluften der damaligen Zeit gekleidet, entfaltet »With Fire and Sword« hier einen ähnlichen Charme wie die historischen Komplexitätsbrocken der britischen »Total War«-Serie, die in diesem Jahr eine Neuauflage ihres Japan-Titels »Shogun« auf den Markt gebracht haben.


Im Gegensatz zu früheren Serienteilen, existiert nun ein roter Erzählfaden, der sich durch das Spiel zieht – basierend auf dem 1884 erschienenen Historienroman des Polen Henryk Sienkiewicz, dem das Spiel auch seinen Namen verdankt. Für die Erzählweise werden die türkischen Entwickler aber keine Preise gewinnen; es war auch nicht ihr Ziel. Worin Rollenspiel- und Geschichtsbegeisterte sich verlieren werden, ist die Handlungsfreiheit: Werde ich Händler, Wegelagerer oder Königsmacher? Brenne ich Dörfer nieder oder schließe ich mich einer der zahlreichen Fraktionen an?


Im großen Unterschied zu Hochglanzprodukten aus Häusern wie EA und Ubisoft, betont TaleWorlds die enge Bindung an die Fangemeinde. Man versuche Hobby-Entwickler, die das Programm in ihrer Freizeit weiterentwickeln, über Foren und Netzwerke an sich zu binden. »Die Mod-Community von ›Mount&Blade‹ gehört zum Besten, was das Genre der PC-Spiele zu bieten hat. Das ist eine wunderbare Sache«, erklärt Yavuz stolz. Diese kostenlosen Erweiterungen umfassen etwa neue Kleidung, Grafikeffekte und Städte.


In der Fachpresse stieß die aktuelle Episode aber auf gemischte Reaktionen. Verglichen mit dem Vorgänger »Warband« ist der Umfang der Neuerungen in »With Fire and Sword« zu gering ausgefallen, um den erneuten Kauf zu rechtfertigen. Auch hat die Einführung von Schusswaffen enorme Auswirkungen auf die Spielmechanik – insbesondere gegen menschliche Mitspieler via Internet. Hier muss TaleWorlds noch an der Balance arbeiten; zu schnell sind Schusswunden tödlich. Das trübt den Spielspaß. Einsteiger, denen das ausgefallene und selten adaptierte Szenario nicht allzu wichtig ist, sollten daher auf »Warband« zurückgreifen.

Mount&Blade: With Fire and Sword


im Handel für rund 30 Euro erhältlich


www.talewords.com



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