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Bandenkriege im Libanon 17.10.2011

Eine schrecklich nette Familie

Björn Zimprich


Der gewaltsame Tod zweier Menschen am vergangenen Donnerstag wirft ein Schlaglicht auf die Bandenkämpfe zwischen rivalisierenden Familienclans im Bekaa-Tal. Bei einer Schießerei zwischen Angehörigen des Jaafar- und des Rifai-Clans wurde unter anderem ein zehn Jahre altes Kind von einem Querschläger tödlich getroffen.


Auslöser der Auseinandersetzung soll laut der staatlichen Nachrichtenagentur NNA ein Entführungsversuch eines Mitglieds der Rifai durch Angehörige der Jaafar gewesen sein. Libanesische Sicherheitskräfte drangen daraufhin in das Gebiet vor und unterbanden weitere Kämpfe. Das getötete Kind stammt aus dem nahegelegenen palästinensischen Flüchtlingslager al-Jalil. Camp-Bewohner protestierten daraufhin gegen die Tötung und zündeten Autoreifen an.


In Sharawine liefern sich konkurrierende Clans regelmäßig bewaffnete Auseinandersetzungen - namentlich die Familien Jaafar, Rifai und Zoaiter. Der Ort Sharawine selbst ist eine lose Anhäufung von alleinstehenden Häusern, durchzogen von Wadis und Senken. Die genannten rivalisierenden Großfamilien leben getrennt voneinander, in klar abgegrenzten Gebieten, deren Fläche allerdings so gering ist, dass es keine 100 Meter bis zum Einflussgebiet der nächsten Familie sind.


Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Jaafar den Drogenhandel in dem Gebiet kontrollieren. Die wirtschaftliche Basis dieser Clans basiert nahezu ausschließlich auf illegalen Geschäften. Andere Perspektiven und Einkommensquellen gibt es nicht. Die Kämpfe um Macht und Einfluss werden auch mit Waffengewalt ausgetragen.


Entsprechend stark ist die Präsenz der libanesischen Armee in dem Gebiet. Die Checkpoints  zwischen Sharawine und dem Stadtzentrum von Baalbek sind dementsprechend besonders stark befestigt. Mit Sand gefüllte, weiß-rot bemalte Ölfässer stehen in Halbkreisen, Sandsäcke dienen als zusätzliche Verstärkung und Tarnnetze liefern Sichtschutz. Betonblöcke begrenzen die Zufahrtsstraßen um Sharawine. An manchen Stellen kann immer nur ein Auto in eine Richtung fahren.


Keiner der Soldaten, die hier Dienst tun, gönnt sich einen Mittagsschlaf. Zu schnell kann die gespannte Ruhe von Gefechten abrupt durchbrochen werden. Im April 2010 wurden 10 Menschen bei Kämpfen verletzt, darunter 5 Soldaten. Mitglieder des Jaafar-Clans hatten mit Maschinengewehrfeuer auf eine Razzia der libanesischen Armee geantwortet.


Keine politische Gewalt

Am 10. August 2010 bekämpften sich die Clans der Zoaiter und Jaafar über eine Stunde lang. Zwei Panzerfäuste wurden auf Häuser der Zoaiter abgeschossen. Insgesamt wurden zehn Häuser beschädigt. Es entstand nur Sachschaden. Im Mai 2011 sollen der libanesischen Nachrichtenagentur NNA zufolge 20 Panzerfaust-Granaten bei Gefechten zwischen den Zoaiter und Jaafar abgeschossen worden sein. Verletzt wurde niemand. 


Die Kämpfe finden allerdings nicht immer zwischen den großen Clans statt, sondern auch zwischen Mitgliedern der einzelnen Familien. So ereignete sich am 7. Juli 2011 ein folgenschwerer Schusswechsel zwischen Hamdan und Mohammad Jaafar - aus nicht bekannten Gründen. Er zog eine längere Schießerei unter Beteiligung von Unterstützern beider Parteien nach sich. 


Die Jaafar sollen lose mit der in Baalbek herrschenden Hizbullah affiliiert sein. Sie sind damit Teil des »libanesischen Widerstandes«, was ihnen erlaubt, Waffen zu besitzen. Dennoch handelt es sich hier wohl eher um ein Arrangement, das sicherstellt, dass sich Jaafar und Hizbullah nicht in die Quere kommen. 


Die Zusammenstöße selbst haben keinerlei politische Hintergründe. Vielmehr weisen sie Ähnlichkeiten zu Bandenkriegen auf, wie sie aus Südamerika bekannt sind. Für den Touristenort Baalbek sind Schlagzeilen über Tote und Verletzte jedoch Gift -  egal ob die Motive krimineller oder vermeintlich politischer Natur sind.


Denn Sharawine liegt an einer Ausfallstraße nordöstlich der für seine antiken Ruinen bekannten Stadt Baalbek. Touristen müssen sich jedoch keine Sorgen wegen möglicher Zusammenstöße machen. Die weltbekannten Tempelanlagen mit dem Bacchus- und Jupiter-Tempel liegen im Süden der Stadt. Nur wer Baalbek in Richtung Norden verlässt, muss durch Sharawine. Allerdings gilt für die Bekaa-Ebene, nördlich von Baalbek ohnehin eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Libanon-Touristen laufen also normalerweise keine Gefahr, zwischen die Fronten der verfeindeten Familien zu geraten.



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