Quicknews
Sebastian Schlüter
Der 30. April soll die Wende bringen. Für diesen Samstag hat die Opposition in Burkina Faso zur »großen Mobilisierung« aufgerufen. Es sei endlich Zeit, dem Regime den Rücktritt nahezulegen, so der Oppositionsführer Benewendé Sankara.
Bislang haben die Menschen im Sahelstaat Burkina Faso nicht mit letzter Vehemenz gegen ihren autokratischen Herrscher Blaise Compaoré protestiert. Doch es gärt seit Monaten: Im Februar stirbt der Schüler Justin Zongo nach einer Demonstration in der Stadt Koudougou in Polizeigewahrsam. Das ist der Beginn einer Reihe von Unruhen, die den Präsidenten schließlich in die bisher größte Staatskrise ziehen sollen. Schüler und Studenten gehen auf die Straße, um gegen die Willkür und mangelnde Verantwortung im Polizeiapparat zu demonstrieren. Sechs weitere Menschen sterben bei den Demonstrationen. Blaise Compaoré lässt die Schulferien früher beginnen. Mit Erfolg, die Proteste der Schüler versiegen. Nicht aber die seit 2008 regelmäßig stattfindenden Demonstrationen gegen die explodierenden Preise für Lebensmittel. Neu sind hier nun die lauter werdenden Rufe nach einem Rücktritt des Staatspräsidenten.
In Burkina Faso sehen viele, vor allem die intellektuelle Elite aus der Opposition, bereits Parallelen zum historischen Umbruch in den arabischen Staaten. Bereichert sich doch auch ihr Präsident seit mehr als zwanzig Jahren an den Ressourcen des Landes, unterdrückt Oppositionelle und beseitigt Journalisten wie den unbequemen Norbert Zongo im Jahr 1998. Blaise Compaoré erbaut sich nicht nur ein Denkmal, sondern gleich einen ganzen Stadtteil Namens Ouaga 2000 und versuchst sich ansonsten gemeinsam mit seiner Frau Chantal in der Imitation eines bourgeoisen Lebensstils. Von landesweiten Protesten oder Revolutionsstimmung ist im Februar jedoch noch keine Spur.
Rückblende: Als am 15. Oktober 1987 Schüsse im Präsidentenpalast fallen, liegt die eigentliche Revolution schon Jahre zurück. Thomas Sankara hatte gemeinsam mit seinem Freund und Bruder im Geiste Blaise Compaoré die Revolution angeführt – 1983 wurde Sankara zum Staatspräsidenten in Uniform.
Sankara wollte ernst machen mit der 1960 erlangten Unabhängigkeit seines Landes. Inspiriert von der Lektüre Frantz Fanons will er in Burkina Faso, damals noch Obervolta, einen Staat nach sozialistischem Vorbild errichten. Priorität haben die Förderung von Bildung und Gesundheit. Familienplanung und die Gleichstellung von Frauen sind ihm wichtige Anliegen. Die Hälfte seiner Regierung besetzt er mit Frauen. Die großen Staatskarossen werden unter Sankara durch kleine Renault R5 ersetzt. Den neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds erteilt er eine Absage. Er verweigert vor der UN-Versammlung in New York die Zahlung der Schulden seines Landes und konfrontiert die versammelten Staatsvertreter mit seinen Plänen. Sein Credo: Nur aus sich selbst heraus kann sich der westafrikanische Staat aus der Armutsfalle befreien.
Blaise Compaoré hat unter Sankara verschiedene Ministerposten inne, zuletzt ist er Justizminister. Der in Marokko ausgebildete Fallschirmjäger gilt als zurückhaltender Generalist, nicht als Ideologe. Der eingeschlagene Weg beschert Sankara große Popularität im Volk. Doch Compaoré sieht die Ideale der Revolution in Gefahr. Ihm ist die Konsequenz, mit der Sankara das Land regiert, nicht geheuer. Er habe den Sankarismus vor Sankara bewahren müssen, soll er Jahre später einmal gesagt haben. Als Sankara zusammen mit anderen Mitgliedern des Nationalen Revolutionsrates 1987 erschossen wird, meldet sich Blaise Compaoré krank und verkündet die Korrekturr der Revolution. Anschließend wird er Staatspräsident von Burkina Faso. Er ist es bis heute.
Ende März 2011 aber begehren nicht mehr nur Schüler und Intellektuelle gegen Compaoré auf: Im Militär wird Unmut laut. Zunächst gegen die Justiz des Landes. Einige Kameraden wurden wegen Übergriffen auf die Bevölkerung verurteilt. Von Vergewaltigung und Mord ist die Rede. In einigen Stadtteilen der Hauptstadt Ouagadougou und auch in anderen Städten des Landes schießen die Kompanien nächtelang in die Luft: Sie wollen ihre Stärke demonstrieren und Angst verbreiten. Eine kleine Einheit macht sich auf den Weg zum Bürgermeister von Ouagadougou. Er wird zusammengeschlagen und sein Haus geplündert. Die Gerichte lassen die Verurteilten frei.
Die Angehörigen des Militärapparates fühlen sich bestärkt durch diesen erfolgreichen Kampf gegen die Justiz. Wie aus oppositionellen Kreisen in Ouagadougou zu erfahren ist, werden die Militärs aus dem Nachbarland unterstützt, vom zunehmend allein dastehenden Möchtegern-Präsidenten der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo. Der ist kein Freund Blaise Compaorés, schließlich hat sich dieser auf die Seite seines Gegners Alassane Ouattara geschlagen. Angeblich wurden jahrelang Waffen aus Burkina Faso an die Ouattara nahe stehenden Rebellen im Norden der Elfenbeinküste geliefert. Das Kalkül von Gbagbo: Er hoffte, dass die burkinischen Militärs Compaoré aus dem Amt putschen und damit indirekt seine, also Gbagbos, Macht in der Elfenbeinküste stärken würden. Aufgegangen ist der Plan bekanntlich nicht.
Aber auch die Festnahme Ggagbos am 11. April mindert nicht den Druck auf den Präsidenten von Burkina Faso. Nur drei Tage später beginnt die Meuterei im Palast von Blaise Compaoré. Zuvor waren versprochene Unterhaltszahlungen an das Militär ausgeblieben. Compaoré flüchtet im Unterhemd zunächst in seine alte Residenz in der Innenstadt. Die massive Präsenz von Soldaten zwingt ihn schließlich zur weiteren Flucht in sein Heimatdorf Ziniaré außerhalb von Ouagadougou.
In der Hauptstadt stehen alle Zeichen auf Putsch: Soldaten verwüsten die Innenstadt, plündern Boutiquen, große Supermärkte und errichten Straßensperren. In anderen Teilen des Landes werden die Insignien der Regierung angegriffen. Polizeistationen, Gerichtsgebäude und Rathäuser werden niedergebrannt. Geschäfte werden geplündert, die Bevölkerung angegriffen. Das Ende des Despoten scheint kurz bevor zu stehen.
Auch in der Bevölkerung regt sich Unmut. Eingeschüchtert von den Taten des Militärs, die nicht nur Zerstörung hinterlassen haben, sondern auch dutzende Menschen das Leben gekostet haben sollen, protestieren sie nun gegen die Regierung, die diesem Treiben ein Ende setzen soll. Sie brennen die Zentrale der CDP, der Partei Compaorés nieder. Der, ganz politisches Stehaufmännchen, denkt nicht daran seine Macht abzugeben: Compaoré ist mittlerweile in die Hauptstadt zurückgekehrt und versucht, Frieden zu schaffen, in dem er die Geistlichen des Landes, die Obersten der Justiz und des Militärs anhört. Er leistet die ausgebliebenen Zahlungen an die Armee und entlässt nach den Beratungen zunächst seinen Premierminister und den Militärchef. Compaoré verschafft sich Handlungsraum, er erklärt die Krise für beendet.
In Ouagadougou kommt es, Berichten zufolge, weiter zu Plünderungen und Vergewaltigungen durch Soldaten. Der Präsident verhängt eine Ausgangssperre und beruft Mitte April eine neue, 29-köpfige, Regierung ins Amt. Ministerpräsident ist der relativ unbekannte Luc Adolphe Tiao, zuvor Botschafter in Paris. Dass sich Blaise Compaoré selbst zum Verteidigungsminister in der neuen Regierung ernannt hat, dürfte dabei nicht gerade ein Zeichen seiner Unbesorgtheit sein. Die Opposition hofft weiterhin auf die große Wende. Vielleicht beginnt sie bereits an diesem Samstag.
Das zenith-Jahresheft

zenith-Jahresheft: Das Nahost-Album 2011
Gewinner und Verlierer, Israelis und Palästinenser, Gesichter des Arabischen Frühlings und Menschen, von denen wir noch hören werden. Sowie zum letzten Mal: Gaddafi.
Für Abonnenten und im Shop!
Gefunden im Netz
Exodus aus dem Heiligen Land
Die Sendung »60 Minutes« auf CBS darüber, warum immer mehr palästinensische Christen Jerusalem und Bethlehem verlassen.
Stellenausschreibung

Kalender
Die zenith-Satireseite
Die wahrhaft innovative Piratenpartei wird konsequenterweise am Horn von Afrika aus der Taufe gehoben, meint der Diwan.