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Marcus Mohr
Die Errichtung einer Flugverbotszone, einer »No-fly zone«, über Libyen gewinnt international immer mehr an Zuspruch. Ein voraussichtlich hauptsächlich von der Nato durchgesetztes Flugverbot über Libyen ist politisch sicher leicht gefordert, die Umsetzung aber schwierig. Pentagon-Chef Robert Gates hat schon gesagt, man solle die Sache beim richtigen Namen nennen.
Ein Flugverbot lässt sich nicht ohne Kampfhandlungen, nicht ohne eine »Suppression of Enemy Air Defense« (SEAD) umsetzen. Bevor alliierte Kampfjets über Libyen patrouillieren können – wie in den 1990er Jahren über Jugoslawien und dem Irak –, müssen die gegnerische Luftwaffe und Flugabwehr kampfunfähig gemacht werden.
Eine solche Aufgabe würde durch einige Faktoren erleichtert: Technologische Überlegenheit des Westen und bessere Ausbildung der Nato-Piloten machen einen Erfolg, hat man sich einmal entschlossen, sehr wahrscheinlich. Erschwert wird eine Mission aber durch viele Unwägbarkeiten: Welche Leistungsfähigkeit besitzt das libysche Militär? Welche Verteidigungstaktik wird der Diktator Muammar al-Gaddafi im Falle eines Nato-Angriffes wählen? Wie lange dauern die westlichen Vorbereitungen für einen Angriff? Welche Partner sind politisch bereit, welche Fähigkeiten für den Einsatz zu stellen? Und nicht zuletzt: Wie entwickelt sich unterdessen die Lage am Boden?
Libyens Militär wurde über Jahrzehnte von Gaddafi an der kurzen Leine gehalten. Trotz verschwenderischer Aufrüstung der Truppen in den 1970er und 1980er Jahren wurde auf eine angemessene Ausbildung nie viel Wert gelegt. Gaddafi, so sind sich Nahostexperten einig, wollte bis heute vermeiden, dass in einem mächtigen Militär Rivalen aufsteigen könnten.
Der Diktator sitzt auf einem riesigen Arsenal an Waffen, für die seine Armee eigentlich viel zu klein und zu schlecht ausgebildet ist. Bis heute finden sich in den Streitkräften ausländische »Ausbilder« aus Syrien, Nordkorea, Pakistan und vor allem aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie Weißrussland. Gerade in der technisch anspruchsvolleren Luftwaffe fliegen diese oft selbst Kampfeinsätze.
Zudem konnte das in terroristische Aktivitäten verwickelte Libyen von 1992 bis 2003 auf legalem Weg keine neuen Waffen oder Waffenersatzteile importieren. Die Instandhaltung großer und komplexer Systeme, wie zum Beispiel der Luftverteidigung, musste so über Jahre vernachlässigt werden. Die in den 1970er und 1980er Jahren vor allem in der Sowjetunion gekauften Waffen sind heute, sieben Jahre nach dem Ende der internationalen Sanktionen gegen den Wüstenstaat, vollkommen veraltet und zu einem großen Anteil nicht mehr einsatzfähig.
»Das eigentliche Resultat von Libyens Aufrüstung war, das Land zum größten militärischen Parkplatz der Welt zu machen«, stellt Anthony H. Cordesman fest, »und es ist unwahrscheinlich, dass sich in der absehbaren Zukunft die militärischen Kapazitäten Libyens über diesen Abstell-Status hinaus entwickeln werden.«
Cordesman, gegenwärtig Inhaber des »Arleigh Burke Chair« am »Center for Strategic and International Studies«, ist seit vielen Jahren einer der erfahrensten Militärexperten für die gesamte Region Nahost. In einer Studie aus dem Jahr 2005 urteilt der Amerikaner über die Truppen Gaddafis nach den Jahrzehnten des gleichzeitigen Waffensammelns und Vernachlässigens: »Libya does not have modern military forces; it has a modern military farce.«
Diese erbärmlichen Zustände zeigen sich in der libyschen Luftwaffe. Umfasste sie am Ende des Kalten Krieges nominell 500 Kampfflugzeuge, waren ohne nennenswerten Nachschub und Wartung davon nach 2003 nur noch wenige flugbereit. So hatte Libyen in den 1970er Jahren bis zu sechzig französische Jagdbomber Mirage F1 erwerben können, kein einziger davon konnte aber Anfang der 2000er noch abheben.
Dank eines neuen Vertrags mit Frankreich konnten seit 2006 immerhin vier der Maschinen wieder flott gemacht werden. Zwei Piloten desertierten aber schon zu Beginn der Kämpfe mit den Anti-Gaddafi-Rebellen am 21. Februar mit ihren Jets nach Malta.
Insgesamt besitzt die Luftwaffe Gaddafis heute noch 390 Kampfflugzeuge – auf dem Papier. Das »Institute for National Security Studies« der Universität Tel Aviv hält nur noch 260 davon für einsatzbereit. Zum Vergleich: Italiens Luftwaffe besitzt 240 Kampfflugzeuge, darunter 75 Eurofighter, dem neuesten europäischen Kampfjet.
Kaum besser sind die Verhältnisse in der libyschen Flugabwehr. Ihr Rückgrat besteht aus einer Kette von ortsfesten SAM-Batterien (surface-to-air-missile) direkt am oder einige Kilometer hinter dem Mittelmeerstrand. Vier alte sowjetische Systeme vom Typ »SA-5« überlappen sich und decken fast den gesamten Küstenverlauf ab. Ihre Raketen können mit einer Reichweite von 300 Kilometern Ziele weit über der See erreichen – drei Viertel der Strecke von Tripolis nach Malta. Ihr größter Nachteil: Die SA-5-Raketen können keine Objekte unterhalb einer Flughöhe von 300 Metern ansteuern.
Weitere Systeme mit mittleren Reichweiten von bis zu 60 Kilometern sind um militärische Stützpunkte und wichtige Infrastruktureinrichtungen stationiert. Diese konzentrieren sich an der Küste und in den Küstenstädten. Von Ost nach West: Tobruk, Benghazi, Misratah und Tripolis; letzteres besitzt als Hauptstadt die größte Dichte von fixen Flugabwehrstellungen.
Auf dieser großen Strecke – circa 1.700 Kilometer Küstenlinie – bestehen etliche Lücken, die von keinen größeren Abwehrwaffen abgedeckt werden. Vor allem im Golf von Sirte klafft ein großes Loch in der Luftverteidigung, das nur durch mobile Systeme mit kleinerer Reichweite abgedeckt werden könnte.
Diese Waffen sind für die Planer einer SEAD-Mission die große Unbekannte. Die libysche Armee verfügt über 52 sowjetische mittlere Flugabwehrsysteme – Radare und Raketen auf leicht gepanzerten Kettenfahrzeugen wie die sowjetische »SA-6« – und 24 französische Starter vom Typ »Crotale«. Die Einsatzfähigkeit vor allem der letzteren ist stark zu bezweifeln, da auch sie noch aus den 1970er Jahren stammen und seit über zwanzig Jahren nicht mehr vom Hersteller Thomson-CSF gewartet wurden.
Dieses Luftabwehrsystem Libyens bestand schon in den 1980ern und wurde im April 1986 während des amerikanischen Angriffs auf Gaddafis Hauptquartier in Tripolis und Nebenziele schwer beschädigt. Die USA reagierten mit dieser Attacke, Operation »El Dorado Canyon« genannt, auf den Terroranschlag zwei Wochen zuvor auf die West-Berliner Diskothek »La Belle«, der vermutlich von Libyen ausgegangen war.
49 Jets starteten von Basen in England und drei Flugzeugträgern im Mittelmeer; ihr wohlkoordinierter Angriff selbst dauerte weniger als eine Viertelstunde. Die libysche Luftverteidigung wurde vollkommen überrascht und es gelang ihr lediglich, ein einziges Flugzeug abzuschießen. Von Gaddafis Luftwaffe wurden mehr als ein Dutzend Kampfjets am Boden zerstört.
Sollte die westliche Luftmacht nun in den nächsten Wochen ernsthaft über Libyen eingesetzt werden, würden die modernen »anti-radiation missiles« der Nato-Luftwaffen – Flugkörper, die elektromagnetisch strahlende Radare anvisieren – mit der ortsfesten libyschen Luftabwehr mit größter Wahrscheinlichkeit »kurzen Prozess machen«. Die einstmals teuren Geräte würden Muammar al-Gaddafi ebenso wenig nutzen wie seinerzeit Saddam Hussein oder Slobodan Milosevic. Die Luftabwehren 1990 im Irak und 1999 in Jugoslawien wurden von der US Air Force und ihren Verbündeten schnell und mit kaum eigenen Verlusten vollständig ausgeschaltet.
Die wenigen Möglichkeiten, die der libyschen Flugabwehr bleiben würden: die Systeme nur im äußersten Notfall aktiv zu schalten und auf Glückstreffer hoffen. Und zusätzlich könnte Gaddafi im absehbaren Krieg der Bilder auf den Propagandaeffekt von »Kollateralschäden« setzen, wenn die Radare und Raketen unter der Zivilbevölkerung versteckt werden. Bei den bekannten fest installierten Anlagen in Tripolis und in Misratah ist das schon der Fall: Einige Batterien stehen mitten in Siedlungsgebieten mit nur 300 Metern Abstand zu den nächsten Wohnhäusern.
Das Szenario, das Nato-Planer daher fürchten müssen, ist ein Katz- und Maus-Spiel mit den mobilen Einheiten der libyschen Flugabwehr. Das könnte sich ergebnislos über Wochen hinziehen, wie schon die Jagd der Golfkriegsalliierten auf die hoch beweglichen, irakischen »Scud«-Raketenstarter 1990 und 1991. Luftpatrouillen über Libyen müssten ständig auf der Hut sein und fortlaufend von spezialisierten Anti-Radar-Flugzeugen unterstützt werden.
Dennoch: Die Luftwaffe der »Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya« wäre vermutlich sehr schnell nicht mehr in der Lage, von ihren Flugplätzen abzuheben. Diese Schlacht wäre innerhalb weniger Stunden entschieden. Ob eine solche Hilfe den libyschen Rebellen nutzen würde, ist jedoch eine andere Frage. Denn bis die Nato und eventuelle Verbündete bereit wären, diesen umfangreichen und komplexen ersten Einsatz zu fliegen, würde nach den ersten Marschbefehlen in die Stationierungsräume noch einige Zeit vergehen.
Während der Kosovokrise 1999 nahm sich die Nato mehrere Wochen Zeit, um ihre Einheiten in Stellung zu bringen. Spätestens seit dem Massaker von Racak am 15. Januar baute die Allianz ihre Drohkulisse gegen Serbien auf, begann mit den ersten Luftangriffen auf Serbien aber erst am 24. März.
Der Vorteil damals: Entlang zweier Nord-Süd-Achsen in Italien und in der Adria konnten rund 1.000 Kampfflugzeuge auf Flugplätzen und Flugzeugträgern stationiert werden. Sie flogen von dort aus ihre Missionen aus Entfernungen von maximal 700 Kilometern über einer Fläche von rund 113.000 Quadratkilometern der »Bundesrepublik Jugoslawien«, heute Serbien, Kosovo und Montenegro.
Libyen hingegen ist mit knapp 1,8 Millionen Quadratkilometern um das 16-Fache größer. Für Attacken gegen die libysche Luftverteidigung liegen nur zwei Luftbasen in Italien und eine in Griechenland in ähnlich günstiger Reichweite zu ihren Zielen wie die Startbahnen der Nato während des Kosovokrieges: Sigonella auf Sizilien, Decimomannu auf Sardinien und Souda auf Kreta. Alle anderen möglichen Basen liegen über 1.000 Kilometer von der libyschen Küste entfernt.
Für einen ersten kombinierten Angriff auf Libyens Luftwaffe und Luftverteidigung müsste die Nato aber mehrere hundert Flugzeuge zusammenziehen, ähnlich wie im Kosovokrieg: Abfangjäger, Jagdbomber, Bomber, Tanker, Aufklärer, und Transportflugzeuge. Nicht zu vergessen Rettungshubschrauber, die unter Umständen gezwungen wären, Missionen bis tief in die Libysche Wüste zu fliegen.
Immerhin sind im Rahmen der Anti-Terror-Operation »Active Endeavour« der Nato schon lange britische AWACS (»airborne early warning and control«) E-3 »Sentry« auf Malta stationiert, dank eines Sonderabkommens, das den zivilen Flughafen der Insel für die Aufklärungs- und Führungsflugzeuge geöffnet hat. Kampfflugzeuge könnten hierhin, selbst wenn die maltesische Regierung zustimmen würde, kaum verlegt werden. Die nötige Infrastruktur ist gar nicht vorhanden.
Mangels ausreichender Basen an Land bliebe das Mittelmeer: Hier hätten gleich mehrere Flugzeugträger ausreichend Manövrierraum. So ist schon vor einigen Tagen die USS »Enterprise« durch den Suez-Kanal Richtung Neapel gedampft und in Toulon liegt nach einem monatelangen Einsatz im Indischen Ozean wieder die französische »Charles de Gaulle«. Mindestens ein weiterer Träger der 6. US-Flotte kann mit hinzu gerechnet werden. Alleine diese drei Schiffe verfügen zusammen über 180 Kampfflugzeuge.
Eine »Suppression of Enemy Air Defense«, wie sie eine Flugverbotszone erfordern würde, wäre für die modernen Nato-Luftstreitkräfte nach adäquater Vorbereitung von mindestens zwei bis drei Wochen eine leichte Übung. Auch wenn Glückstreffer libyscher Raketen oder Granaten dennoch nicht auszuschließen wären; die Erfahrung legt eine äußerst geringe Verlustrate nahe.
Entschließt sich das atlantische Bündnis zum Kampfeinsatz, kann die Kampagne gegen Serbien 1999 als Vorbild dienen: Angriffe aus großer Höhe, um das eigene Risiko gegen Flakgeschütze zu vermindern. Eine Reserve gegen verbleibende Boden-Luft-Raketen unterstützt jede Patrouille. Für die deutsche Luftwaffe könnte das bedeuten, dass wie damals die Spezialfähigkeiten ihrer ECR (»Electronic Combat/Reconnaissance«)-Tornados wieder gefragt wären.
Einem Nato-Einsatz könnte sich eventuell die ägyptische Luftwaffe anschließen. Selbst eine nur symbolische Beteiligung dieses arabischen Staates wäre für die Mission politisch wünschenswert, wie seinerzeit während des Golfkrieges 1991 gegen Saddam Husseins Irak. Vereinfacht wäre das, weil man sich bereits kennt: Seit 1985 üben ägyptische Piloten gemeinsam mit amerikanischen und weiteren Nato-Fliegern im Rahmen der inzwischen jährlich abgehaltenen »Operation Bright Star«.
Die ersten Schritte sind eingeleitet. Am 7. März hat die Nato die strategische Luftraumüberwachung über Libyen erweitert: Die AWACS-Aufklärer sollen jetzt, so sagte der amerikanische Botschafter bei der Nato Ivo Daalder, »rund um die Uhr« auf Station im internationalen Luftraum die Vorgänge am libyschen Himmel verfolgen. Vor einem eventuellen Einsatz verschafft sich die Allianz ein Lagebild, das angesichts der verworrenen Situation so dringend nötig ist.
Besonders über die Einrichtung des Flugverbots im Osten Libyens muss Klarheit herrschen. Sind die Flugabwehreinheiten in der Cyreneika auch zu den Rebellen übergelaufen? Wie steht es um die Militärflughäfen von Benghazi, Bombah und Tobruk? Können sie bei einer Angriffsplanung außer Acht gelassen werden?
Bis es zum Kampfeinsatz kommen könnte, werden vor allem Agenten und Aufklärer noch viel Arbeit leisten müssen. Gegenüber dem Boston Globe erklärte Cordesman jüngst, dass die Entscheidung über eine Flugverbotszone von präzisen nachrichtendienstlichen Informationen über Libyens Luftverteidigung abhängig sei. Internationale Experten sind im Moment aber überfragt, wenn es um die tatsächlichen militärischen Fähigkeiten geht, die Gaddafi zur Verfügung stehen. »Niemand von außen kann eine ehrliche Antwort geben«, gibt Cordesman zu.
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