Quicknews

Gewalt zwischen Kopten und Muslimen 11.03.2011

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück

Christian Meier


Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück: In etwa so lässt sich die gegenwärtige Dynamik der interreligiösen Beziehungen in Ägypten zusammenfassen. Auf einen Zwischenfall folgen aufrichtige Beileidsbekundungen und ostentative Solidaritätsadressen – bis die nächste Gewalttat wieder deutlich macht: Die Spannungen zwischen Muslimen und Christen sind alles andere als verschwunden. Sie wurden von der revolutionären Euphorie lediglich eine Zeitlang übertüncht.


Der jüngste Akt in diesem seit Jahren nicht endenden Drama spielte sich am Dienstagabend in Kairo ab. Mindestens zehn Tote und 140 Verwundete waren zu verzeichnen, nachdem mehrere tausend Kopten und Muslime sich stundenlange Straßenschlachten geliefert hatten. Der Armee gelang es schließlich, die blutigen Ausschreitungen zu beenden. Vorausgegangen war eine Straßenblockade durch koptische Demonstranten im Süden der Hauptstadt. Sie wollten damit gegen die Zerstörung einer Kirche in dem Dorf Sol, etwa 90 Kilometer südlich von Kairo im Gouvernorat Helwan, protestieren.


Dort war am vergangenen Wochenende die »Kirche der beiden Märtyrer« von einem aufgebrachtem Mob niedergebrannt worden. Wie so oft in Ägypten hatte sich auch diese Entladung religiöser Spannungen an einer lokalen Auseinandersetzung entzündet: Ein Familienstreit über eine Liebesbeziehung zwischen einem Christen und einer Muslimin war offenbar zu einer Fehde eskaliert, in deren Verlauf die beiden Familienoberhäupter zu Tode kamen. Nach der Beerdigung des muslimischen Vaters am Sonnabend zog eine erregte Menge zur Kirche des Dorfs und setzte sie in Brand. Und so führte ein Schritt zum nächsten.


Das Trauma der Silvesternacht schien gerade überwunden

Während in Kairo zahlreiche Kopten zu Wochenbeginn auf die Straße gingen und den Rücktritt des Gouverneurs von Helwan forderten, war die Armee sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten. Am Montag verkündete der Oberste Militärrat, der nach Hosni Mubaraks Rücktritt die Macht übernommen hat, die Kirche solle am gegenwärtigen Ort wiederaufgebaut werden. Angesichts der rechtlichen Hürden, die den Bau oder die Reparatur von Kirchen in Ägypten normalerweise praktisch unmöglich machen, ist dieses Versprechen von symbolischer Bedeutung über Sol hinaus. Die Eskalation am folgenden Tag konnte es jedoch nicht verhindern.


Die blutigen Krawalle vom Dienstag treffen die Nation um so stärker, als sie sich zuletzt in dem Glauben gewähnt hat, die immer wieder aufflammenden Konflikte zwischen den Religionsgruppen gehörten endlich der Vergangenheit an. Das Trauma der Silvesternacht, als bei einem Selbstmordattentat auf eine koptische Kirche in Alexandria 23 Menschen starben, schien gerade erst überwunden. Zahlreiche Christen und Muslime verbrüderten sich nach dem Bombenanschlag öffentlich und forderten einen besseren Schutz der christlichen Minderheit, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht.


Auch während der Revolutionstage auf dem Kairoer Tahrir-Platz übten sich die Ägypter in demonstrativer interreligiöser Solidarität: Muslime hielten während der Gebete von Kopten Wache und umgekehrt, Priester im schwarzen Ornat zeigten sich mit muslimischen Demonstranten, und das Symbol der antibritischen Revolution aus dem Jahr 1919 erlebte eine Renaissance: Kreuz und Halbmond auf grünem Grund.


Hat das Regime selbst Anschläge in Auftrag gegeben?

Haben die Ägypter in diesen Wochen lediglich einen schönen Traum geträumt? Noch vor den jüngsten Ausschreitungen sagte ein koptischer Bibliothekar zur ägyptischen Tageszeitung Al-Masry al-Youm, er sei skeptisch, wie lange die Einheit zwischen Christen und Muslimen halte: »Im Moment kämpfen die Menschen gemeinsam, weil sie ein gemeinsames Problem haben. Aber sobald sich die Situation beruhigt, fürchte ich, wird die alte Zwietracht wieder auftauchen.«


Tatsächlich scheint es nun, als seien Misstrauen und Gewalt nur für einen Augenblick von anderen Fragen in den Hintergrund gedrängt worden. Der Sturz Hosni Mubaraks stellte ein Ägypter aller Schichten und Konfessionen einendes Ziel dar. Im Überschwang über den in greifbare Nähe gerückten politischen Neuanfang schienen die gesellschaftlichen und religiösen Probleme des Landes nicht mehr zu existieren. Um so größer ist nun die Ernüchterung.


Am Tag nach den Straßenschlachten versammelten sich denn auch mehr als tausend Demonstranten in der Innenstadt, um erneut Solidarität zu üben. Hauptsächlich Christen, aber auch Muslime äußerten ihren Unmut über den ihrer Meinung nach mangelhaften Schutz durch die Armee.


Dass der Staat und die Sicherheitskräfte zu wenig unternehmen, um Übergriffe – zumeist von Muslimen auf Christen – zu unterbinden, ist ein seit Jahren wiederkehrender Vorwurf. Inzwischen heißt es sogar, das Regime Mubarak habe selbst Anschläge auf Kopten in Auftrag gegeben. Der religiöse Zwist war zweifellos Teil einer Teile-und-herrsche-Politik, überdies dienten die Gewalttaten dazu, die hohe Präsenz von Sicherheitskräften zu rechtfertigen.


Das Land schwelgte in einer trügerischen Hochstimmung

Zugleich wirkt es so, als seien die Ägypter erschrocken über die Gewaltbereitschaft des eigenen Volkes. Insbesondere im vergangenen Jahr waren die Beziehungen zwischen den Religionsgruppen von einer zunehmend aufgeheizten Atmosphäre gekennzeichnet. Diese war jedoch nicht nur ein Medienphänomen, sondern hat ganz konkrete


Gründe: Die Kopten leiden unter vielfältiger Diskriminierung, und die vom Staat fahrlässig tolerierte Islamisierung der Gesellschaft hat dieses Problem noch verschärft. Im Gegenzug haben sich auch immer mehr Kopten in erster Linie über ihren Glauben definiert und so unwillentlich zur Spaltung Ägyptens anhand konfessioneller Linien beigetragen.


Sollte sich diese Spaltung in die Politik hinein fortsetzen, wäre das ein Nährboden für neue Unruhen. Die politische Landschaft ist gegenwärtig dabei, sich zu reorganisieren. Während die islamistischen Muslimbrüder schon seit Wochen an der Gründung einer Partei arbeiten, haben nun auch Kopten angekündigt, eine – wenngleich offiziell säkulare und konfessionell nicht gebundene – politische Vertretung zu schaffen.


Eine wichtige Forderung der Christen betrifft die Abschaffung von Artikel 2 der Verfassung, der die Scharia zur Quelle der Gesetzgebung macht. Zugleich darf man gespannt sein, ob auch das kommende Wahlprogramm der Muslimbrüder Frauen und Christen vom Posten des Präsidenten ausschließen wird.


In der gegenwärtigen Situation liegt die Chance, eine neue Basis für das gesellschaftliche Zusammenleben zu schaffen – eine Basis, die auf säkularen Rechten und Pflichten beruht und für alle Ägypter gleichermaßen gilt. Soll diese Chance nicht nur ein schöner Traum bleiben, ist jedoch mehr erforderlich als eine trügerische nationalistische Hochstimmung.


Religiösen Parteien darf nicht das Feld überlassen werden, und die handfesten Probleme der Kopten – etwa ihre Unterrepräsentation in staatlichen Institutionen oder die mangelnde Gleichberechtigung in Fragen der Religionsausübung – müssen angepackt werden. Dass dem zehnköpfigen Gremium, das die Armee zur Vorbereitung von Verfassungsänderungen eingesetzt hat, kein einziger Kopte angehört – und übrigens auch keine Frau –, ist nicht unbedingt der beste Anfang.



Libyen: Paris erkennt Nationalrat an

zenithDebatte

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.

Kalender

zenith im Abo

Abonnieren Sie jetzt 6 Ausgaben zenith für 45 EUR im Jahr (36 EUR für Studenten)

 

weiterlesen

zenith Edition

Reaching for the Sun?

The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East

 

click here for content & order details