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Bauwirtschaft in den VAE 11.10.2011

Durststrecke nach dem Kater

Martin Böll/GTaI


Westeuropa, so sagte unlängst ein Wirtschaftsvertreter in Abu Dhabi, gleicht einem Supertanker: Wer den Kurs ändern will, muss dies erst auf der Brücke mit vielen Kapitänen diskutieren. Bis man sich auf einen neuen Kurs einigen kann und Korrekturen greifen, scheint es eine Ewigkeit zu dauern. Die VAE sind da eher ein wendiges Schnellboot. Die Entscheidung, wer am Ruder sitzt, trifft derjenige, der den Treibstoff bezahlt. Kursänderungen werden nicht lange diskutiert.


Nachdem in Dubai die »jungen Wilden« mal ans Steuer durften und auch die Jugend von Abu Dhabi zeigen durfte, was sie drauf hat, sind es nun wieder die Älteren, die den Kurs und das Tempo bestimmen. Auf die Baupolitik übertragen heißt dies: Keine Experimente mehr, eine breit angelegte Beschwichtigungspolitik und ein restriktives Ausgabeverhalten.


Dubai besinnt sich wieder sehr erfolgreich seiner ursprünglichen Stärken in den Bereichen Logistik und Tourismus. Noch im Kalenderjahr 2011 werden die VAE, dank Dubai, mehr importieren als im Jahr des großen Booms 2008 (nominal in US-Dollar). Das an Öl sehr reiche Abu Dhabi verstärkt unterdessen seine Appeasement-Politik: Die kleine Minderheit der Staatsbürger soll vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings bei Laune gehalten werden. Schulen, Krankenhäuser, eine gesicherte Strom- und Wasserversorgung und andere soziale und strategische Investitionen haben Vorrang vor neuen Prestige-Bauten. Nachdem Dubai ohnehin seine baulichen Eskapaden stoppen musste, braucht sich nun auch Abu Dhabi nicht mehr zu beweisen und überlässt erst einmal Katar und Saudi-Arabien das Feld.


Abu Dhabi steigt auf die Bremse

Vor der Weltwirtschafts- und Finanzkrise summierten sich alleine in Dubai alle vorstellbaren Immobilienprojekte auf mehr als eine Billion US-Dollar. Im Boom-Jahr 2008 wurden in den VAE Bauaufträge mit einem Gesamtwert von 38 Milliarden US-Dollar vergeben. Nach Berechnungen der Fachzeitschrift MEED waren es ein Jahr später nur noch 19 Milliarden US-Dollar. Schon 2010 wurden wieder 25 Milliarden US-Dollar an Neuaufträgen erteilt – deutlich mehr als die 20 Milliarden US-Dollar, die 2007 vergeben worden waren.


Die Budgets aller Ende August 2011 aktiven Immobilienprojekte in den VAE summierten sich auf knapp 170 Milliarden US-Dollar. Der Bestand an stornierten oder gestoppten Immobilienprojekten  – Einzelvorhaben oder Pakete im Rahmen von städtebaulichen Mega-Projekten – belief sich dagegen auf beachtliche 600 Milliarden US-Dollar. Nach offiziellen Angaben sollen gestoppte Vorhaben eines Tages wieder in Angriff genommen werden. Ob und wann dies geschieht, bleibt allerdings abzuwarten. 2011 und 2012 ist damit wohl sicher nicht zu rechnen.


Der Zusammenbruch des Bausektors, der mit dem Immobilien-Crash in Dubai Ende 2008 zu befürchten war, blieb aus. Wer in Dubai keine Aufträge mehr hatte, zog weiter nach Abu Dhabi, nach Saudi-Arabien und Katar. Wer keine Häuser mehr baute, sattelte auf Straßenbau um. Abu Dhabi, das sich städtebaulich gegenüber Dubai weit im Hintertreffen sah, witterte seine Chance, nun preisgünstiger zum Zuge zu kommen, und vergab kräftig Aufträge für ambitionierte Standentwicklungsprojekte.


Diese Phase ist nun allerdings vorbei. Zwar plant Abu Dhabi weiterhin Investitionen in Immobilien-, Tourismus- und Infrastrukturvorhaben, jedoch deutlich langsamer. Hintergrund: Der Nicht-Öl-Sektor ist schwächer gewachsen als antizipiert, die Bevölkerung langsamer angestiegen als erhofft und in der Folge ist der Bedarf an neuen Infrastrukturen und Immobilien deutlich geringer als geplant.


Hinzu kommt der wachsende Schuldenberg, der so gar nicht zum Image des superreichen Emirates passt. Zuletzt erreichte dieser schätzungsweise 105 Milliarden US-Dollar, was in etwa 55 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Abu Dhabi entspricht. Im zweiten Quartal 2011 habe das Emirat deshalb nur noch Bauaufträge in einer Größenordnung von 843 Millionen US-Dollar vergeben, berichtet das Fachblatt MEED, 81 Prozent weniger als im ersten Quartal des gleichen Jahres. Wer Schulden macht, so die neue Erkenntnis mit Blick auf Europa, gibt etwas von seiner Souveränität auf, und das ist das Letzte, was die Machthaber am Golf wollen.


Zahlungsmoral im Keller

Für Baufirmen, die neue Aufträge brauchen, werde es nun plötzlich sehr eng, berichten Branchenkenner. Der Run auf die wenigen neuen Aufträge sei riesig, die Margen seien dagegen winzig. Einzelne Unternehmen seien so verzweifelt, dass sie sogar auf eine Marge verzichteten, heißt es: »Build for cost« lautet bei einigen mittlerweile die Devise – vor zwei Jahren noch unvorstellbar. Verstärkt wird das Problem durch Berge ausstehender Forderungen.


Die australische Leighton Holding, die mit 40 Prozent an der lokalen Al-Habtoor Engineering Enterprises beteiligt ist, musste zum Beispiel kräftig Kapital nachschießen, um die Zahlungsfähigkeit der Tochter zu erhalten. Die ausstehenden Forderungen der Al-Habtoor Leighton Group (HLG) beliefen sich auf über 1 Milliarde US-Dollar, berichtet MEED, »alles für längst erbrachte und abgeschlossene Leistungen«.


Waren die nationalen Zeitungen einst voll von neuen städtebaulichen Visionen, so können sie heute nur noch von abgeschlossenen Projekten berichten, wie der Mitte September 2011 eröffneten zweiten Metrolinie in Dubai und der in Kürze bevorstehenden Einweihung der Sowwah-Insel, Abu Dhabis neuem Finanz- und Business-Hub. Ob danach entsprechende Anschlussaufträge folgen, ist mehr als zweifelhaft.


In den nächsten Monaten des laufenden Jahres und auch 2012 wird die Baubranche wie gebannt auf jede Ausschreibung und jede Auftragsvergabe schauen, sagen Beobachter. Dabei knüpfen sich die Hoffnungen nahezu ausschließlich an die Regierung von Abu Dhabi beziehungsweise deren Staatsgesellschaften, von denen unter anderem Aufträge für den Flughafen in Abu Dhabi, Museen auf der Saadiyat-Insel, die Yas-Island-Shopping-Mall und die nationale Eisenbahn erwartet werden.


Ob diese Jobs aber in ein paar Monaten, in einem Jahr oder noch später kommen, weiß in der Baubranche wohl niemand. Und ob sich der Gewinner in diesen Tagen seines Auftrages freuen kann, wird auch bezweifelt. »Bei Großprojekten mit einer langen Liste von Bietern geht der Auftrag an den, der in seiner Kalkulation die größten Fehler gemacht hat«, zitiert MEED einen Bauunternehmer, der nicht genannt werden wollte.


Verzögerungstaktiken und fadenscheinige Spitzfindigkeiten

In den Zeiten des Booms, als Aufträge und Gelder nur so flossen, fiel es leicht, sich an Absprachen zu halten. Spätestens nach der Weltwirtschafts- und Finanzkrise und dem Desaster von Dubai aber sind »die guten alten Zeiten« vorbei. Dubai habe die Zahlungsmoral am Golf ruiniert, sagen Marktkenner.


Selbst im reichen Abu Dhabi haben längst Verzögerungstaktiken und fadenscheinige Spitzfindigkeiten Einzug gehalten. Lieferanten und Bauunternehmen im Immobiliensektor berichten neuerdings von Cash-Flow-Problemen in Abu Dhabi, wie man sie seit 2009 vor allem aus Dubai kannte. Die Sorge, man bleibe womöglich auf seinen Forderungen sitzen, mache die Runde, so das Fachmagazin MEED. Weil viele Auftraggeber nicht oder nur schlecht zahlten, könnten manche Baufirmen auch ihre Lieferanten nicht mehr bezahlen. Das Blatt berichtet von kleineren Baufirmen, die von heute auf morgen »verschwinden« und ihre Gläubiger vor leeren Büros zurücklassen.


Das in den VAE beliebte Instrument der Zahlungssicherung, der nachdatierte Scheck, komme immer weniger zum Einsatz, berichten Zulieferer, weil die Bauunternehmer das Risiko nicht mehr eingehen wollen. In den VAE gibt es noch den mittelalterlichen Schuldenturm: Wer einen Scheck platzen lässt, wird eingesperrt. Zwei Drittel der Gefängnisinsassen der VAE sind dem Vernehmen nach säumige Zahler. Die Elite des Landes werde von derlei Unbill selbstverständlich ausgenommen, berichten Anwälte. Statt der Schecks gibt es nun Zahlungspläne mit Firmenstempel, die juristisch aber nicht bindend sind.


Als einer der großen Übeltäter gilt, nach Informationen von MEED, ganz aktuell die öffentliche Tourism Development & Investment Company (TDIC), einer der traditionell aktivsten Auftraggeber in Abu Dhabi. Das Unternehmen will Ende des Jahres eine Reihe von Großprojekten in Abu Dhabi City, in Saadiyat Island und den westlichen Regionen fertigstellen. Mit der Übergabe werden dann aber auch sehr hohe Zahlungsbeträge fällig, mit denen die TDIC offensichtlich Probleme hat. »So schlimm wie in Dubai werde es aber wohl nicht«, zitiert MEED einen Unternehmer. Während Beobachter mit anhaltenden Zahlungsproblemen in allen Baubereichen rechnen, nehmen sie einen Sektor explizit aus: Im Öl- und Gasgeschäft werde weiterhin pünktlich bezahlt.



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