Quicknews

Afghanen im Iran 06.06.2012

Diskriminierung mit System

Farhad Payar


Atomphysik, Nuklear- und Chemietechnik oder Militärwissenschaften: Die iranische Regierung hat eine Liste mit Studiengängen verfasst, von denen im Iran lebende afghanische Staatsangehörige künftig ausgeschlossen sein sollen. Darunter fallen Studiengänge, mit denen eine Anstellungsverpflichtung für die Islamische Republik einhergehen würde. Die Liste wurde Anfang Juni von der halbamtlichen Nachrichtenagentur Mehr veröffentlicht.


Afghanen sollen sich zudem künftig nur an Universitäten bewerben dürfen, die außerhalb der für afghanische Staatsangehörige verbotenen Wohnbereiche liegen. Laut Mehr umfassen diese Wohnbereiche Dutzende Provinzen und mehrere Städte in unterschiedlichen Landesteilen.


Die neuen Restriktionen für afghanische Staatsangehörige im Iran haben zahlreiche Iraner verärgert und zu Protesten in sozialen Netzwerken geführt.


Protest der Filmemacher

Anfang Mai wurden iranische Offizielle mit Aussagen zitiert, denen zufolge im Iran lebende Afghanen der beliebten iranischen Ferienprovinz Mazandaran fernbleiben sollten. Iranischen Nachrichtenwebsites zufolge wurden afghanische Bewohner der Provinz aufgefordert, Mazandaran bis zum 20. Juni zu verlassen.

Die Redaktion von Transparency for Iran bietet weiterführende Hintergrundinformationen, die in deutschen Medien aufgrund der Nachrichtenlage nicht genug Beachtung finden. Durch dichte Beschreibungen des vielschichtigen Iran-Puzzles ermöglichen die persisch-sprachigen Autoren und Journalisten ein ganzheitliches Bild der gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Meinungsbildungsprozesse im Iran. Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

www.transparency-for-iran.org


Der iranische Regisseur Asghar Farhadi kündigte daraufhin an, seinen oskarprämierten Film »Nader und Simin« in Mazandaran vor afghanischen Flüchtlingen zeigen zu wollen. »So ein unangemessenes Verhalten gegenüber Immigranten im Iran – einem Land mit einer der höchsten Flüchtlingszahlen der Welt – ist bitter«, zitiert die Tageszeitung Shargh den Regisseur. Einige andere Filmemacher haben ebenfalls Solidaritätsaktionen angekündigt.


Doch die Diskriminierung der afghanischen Minderheit ist nicht auf bestimmte Provinzen begrenzt.  Am 1. April wurde in Isfahan Afghanen der Eintritt in den Sofeh-Park untersagt, wo Feierlichkeiten zum nationalen »Tag der Natur« stattfanden. Die offizielle Begründung: Die Maßnahme diene dem »Schutz der Familien vor Afghanen«, so der örtliche Polizeikommandant Ahmad Reza Shafiee. Angeblich würden Familien die Anwesenheit der Afghanen als Störung empfinden.


Nachdem die Nachricht von der Diskriminierung der Afghanen in Isfahan veröffentlicht wurde, gab es Protestaktionen seitens junger IranerInnen in der ganzen Welt. In Isfahan protestierten junge Männer mit Plakaten gegen Rassismus im Sofeh-Park. Auf einem der Plakate stand: »Ich bin auch ein Afghane.« Ein Foto davon wurde in den sozialen Netzwerken verbreitet und fand schnell die Unterstützung vieler Netzaktivisten.


Gängige Vorurteile

In den vergangenen Jahren häuften sich auch Berichte über schlechte Behandlung der afghanischen Minderheit – vor allem der illegalen Einwanderer — durch die Bevölkerung. Manche Iraner beschuldigen die Afghanen, für die Zunahme von Kriminalität und die Verbreitung von Drogen verantwortlich zu sein. Andere werfen ihnen vor, Iranern in Zeiten rasch steigender Arbeitslosenzahlen die Arbeitsplätze streitig zu machen.


Ein Video, das auf Youtube die Runde macht, zeigt die Misshandlung von Afghanen durch iranische Soldaten. Sie werden gezwungen, sich auf den Kopf zu schlagen, Sit-ups zu machen und zu beteuern, dass sie »nie wieder in den Iran kommen werden«.


Iranische Offizielle verweisen Kritiker solcher Diskriminierung gerne auf ihre Gastfreundschaft: Sie hätten in den vergangenen 20 Jahren mehr als 2 Millionen Afghanen ohne Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft Zuflucht gewährt. Im Iran leben mehr als eine Million afghanische Flüchtlinge und tausende illegale afghanische Migranten. Viele von ihnen emigrierten aufgrund der sowjetischen Besatzung Afghanistans und des Bürgerkriegs nach dem sowjetischen Abzug. Andere suchten nach der Machtübernahme der Taliban Zuflucht im Iran.



Iran: Ali Laridschani als Parlamentssprecher wiedergewählt

zenithDebatte

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.

Kalender

zenith im Abo

Abonnieren Sie jetzt und wählen Sie zwischen zwei Abo-Prämien!

 

weiterlesen

zenith Edition

Reaching for the Sun?

The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East

 

click here for content & order details