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Interview: Arzu Eti
zenith: Herr Bereket, wie realistisch ist es, dass die Türkei unilateral in Syrien eingreifen könnte?
Mithat Bereket: Ich glaube, inzwischen hat man in Ankara eingesehen, dass es keine gute Idee wäre, allein in Syrien aktiv zu werden. Als am 10. April auf der türkischen Seite der Grenze mehrere Menschen durch die syrische Armee verletzt wurden, hatten ja sowohl Ministerpräsident Erdogan, als auch Außenminister Davutoglu zunächst scharfe und waghalsige Äußerungen von sich gegeben. In den darauffolgenden Tagen ist ihr Ton aber milder geworden. Syrien ist ein kleines Land, ein Kinderspiel für die türkische Armee. Aber hinter ihm steht der Iran, die Hizbullah, Hamas. Ich glaube nicht, dass die Türkei es sich mit dem Iran verderben will. Jedoch ist Syrien schon lange kein rein regionales Problem mehr – es ist Bühne für ein Machtspiel der USA und der Russen. Nach und nach möchten die Amerikaner alle Helfer des Irans ausschalten, während Russland nach Einfluss in der Region strebt.
Klingt diese Einschätzung nicht zu sehr nach überholtem Kalten Krieg-Denken?
Tatsächlich stehen sich beide Seiten – die USA und Russland – erstmals seit dem Kalten Krieg in Syrien wieder gegenüber. Daher hat auch die Türkei eingesehen, dass sie in diesem Konflikt nicht allein handeln kann. Die Türkei stand immer auf der Seite Syriens, doch heute weht der Wind aus einer anderen Richtung. Die USA haben grünes Licht bekommen, in Malatya im südostanatolischen Bergland Raketen zu stationieren. Ob die NATO in den Konflikt eingreift, ist mir nicht ersichtlich, da die Richtlinien hierfür nicht deutlich genug formuliert sind. Liegt eine Grenzverletzung vor, müsste sie aktiv werden. Es ist aber nicht festgelegt, in welcher Form das geschehen muss.
wurde 1966 in Ankara geboren. Seine eigene TV-Sendung »Pusula« auf TRT, dessen Produzent und Moderator er ist, wird seit über 15 Jahren gesendet. Als Reporter hat Bereket unter anderen den 2. Golfkrieg, den Bürgerkrieg sowie die Kriege in Bosnien, Tschetschenien, Berg-Karabach und im Kosovo begleitet. Daneben führte er u.a. Interviews mit Nelson Mandela, Muammar al-Gaddafi, Yassir Arafat, Benjamin Netanjahu und Bill Clinton.
Was lehrt uns der Blick auf die syrisch-türkischen Beziehungen in der Vergangenheit?
Syrien ist der Türkei immer sehr nah gewesen. Subhi Barakat, der erste syrische Präsident nach der Trennung Syriens vom Osmanischen Reich, war mein Großvater. Als Erdogan erkannt, hat, dass hier ein Spiel zwischen USA, Russland und China hinter den Kulissen abläuft, hat er sich besonnen. »Alles solle so kommen, wie das syrische Volk entscheidet«, sagt er nun.
Wie handelt Baschar al-Assad und inwiefern unterscheidet er sich von seinem Vater, der einer der maechtigsten Figuren im Nahen Osten war?
Baschar al-Assad ist eigentlich vom Beruf aus Augenarzt. Als sein Bruder Bassil bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, wurde er zum Nachfolger seines Vaters. Normalerweise war sein Bruder dafür vorausgesehen. All die Männer, die er heutzutage immer noch um sich hat, unter denen sich Politiker, Soldaten und Geheimdienstagenten befinden, sind alte Helfer seines Vaters. Alles »ausgekochte Schlitzohren« sozusagen. Sie dirigieren Assad, leiten ihn – mit Erfolg. Denn Assad ist immer noch auf der Bühne, er ist standhaft geblieben bis heute.
Ist die Öffnung eines humanitären Korridors auf türkischer oder libanesischer Seite eine Option?
10.000 Menschen sind von Syrien in den Libanon geflüchtet, in der Türkei sind es mehr als 25.000. Man kann nicht voraussehen, wie das ausgeht. Hier müsste der UN-Sicherheitsrat einen gemeinsamen Entschluss fassen, doch dafür müsste Graviererendes passieren, die Flüchtlingszahlen deutlich höher liegen. Die Berichte der UN-Beobachter sind von großer Wichtigkeit, es ist jedoch auch nicht ausgeschlossen, dass ihnen der Blick systematisch versperrt wird. Die Geheimdieste sind in Syrien praktisch überall, selbst die schiitischen Moscheen sind eine Art Polizeiwache. Als mir einmal mein Handy gestohlen wurde, bin ich einfach zum Imam der nächstbesten Moschee gegangen. Innerhalb von drei Stunden war mein Handy gefunden. Da ist es sehr einfach, auch Dinge zu verdecken.
Welche Perspektiven bleiben da noch in diesem Konflikt?
Zwar ist der Druck auf Assad immens, gehen wird er aber nicht. Eine demokratische Wahl Ende des Jahres wäre ein Ausweg, vorausgesetzt Assad akzeptiert das Ergebnis und internationale Beobachter. Der Wille des Volkes soll geschehen, auch wenn Assad dann seinen Posten aufgeben muss.
Am 19. April haben sich in Paris die »Freunde Syriens« versammelt. Wie bewerten Sie diese Konferenz?
Ob es sich bei ihnen um »Freunde Syriens« handelt, mag ich bezweifeln. Neben den NATO-Staaten war auch General Mustafa Ahmad Al-Shaikh anwesend, der sich dem oppositionellen Syrischen Nationalrat angeschlossen hat. Er verlangte eine Bombadierung seines Landes durch die NATO. Man darf sich nie ganz sicher sein, wer nun Freund oder Feind ist. Betrachtet man die Lage in Syrien, darf man den Iran nie außer Acht lassen. Wird Assad in diesem Machtspiel bestehen, wird es ihn stärken, die Rolle der Türkei in der Region jedoch schwächen. Letztendlich ist es ein Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten.
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