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Nils Metzger
Von jungen Jahren an machte sich Nemat Shafik, die alle nur mit ihrem Spitznamen Minouche ansprechen, wirtschaftspolitisches Denken zu eigen. Sie wuchs in der Nasser-Zeit Ägyptens auf, erlebte wie ihre Eltern enteignet wurden und die Familie das Land gen Großbritannien und USA verlassen musste.
Auch in den kommenden Jahrzehnten ließ sie das ökonomische Schicksal ihrer Heimat nicht mehr los – es folgten eine Dissertation über den ägyptischen Privatsektor und der berufliche Einstieg bei der Weltbank, wo sie mit 36 Jahren zur jüngsten Vize-Präsidentin in deren Geschichte aufstieg.
»Es hat mich immer mehr interessiert, das gesamte System zu verändern, anstatt das Schicksal einzelner Individuen«, beschrieb sie in einem Interview ihre Motivation. 2004 wechselte sie in das 7,5 Milliarden Euro schwere britische Entwicklungshilfeministerium DfID, deren Tagesgeschäft sie von 2008 an als Geschäftsführerin leitete.
Dass ihr Wechsel zum Internationalen Währungsfonds ausgerechnet jetzt erfolgte – beschlossen wurde er bereits im Februar – sorgte nicht nur für positive Reaktionen: »Griechen zittern vor Strauss-Kahn-Vertreterin« titelte die Financial Times Deutschland. Ausgerechnet die profilierte Entwicklungsökonomin Shafik muss sich nach Bekanntwerden der Hotelzimmer-Affäre um IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn nun in das politische Minenfeld der Griechenland- und Euro-Rettung begeben. Viele, insbesondere die griechische Presse, trauen ihr diese Aufgabe schlicht nicht zu. Zu groß sind die Ängste vor einem Umschwenken des IWF, schließlich fand die aktuelle Reformpolitik der griechischen Regierung in Strauss-Kahn einen erklärten Unterstützer.
Es wird schwer für die 48-jährige Ägypterin, die in Gesprächen und Vorträgen den Eindruck einer überlegten und sich um die Entwicklungsländer sorgenden Mutter hinterlässt, sich von der Rolle der DSK-Vertreterin zu lösen. Zumal sie sich bereits 2008 gegenüber der britischen Tageszeitung The Times kritisch mit der Rolle weltweit agierender Entwicklungsorganisationen auseinandersetzte: »Es gibt Zeiten, in denen Bürokratie, Budgetprobleme und politische Schwierigkeiten einen vergessen machen, weshalb man überhaupt arbeitet.«
Nur wird der IWF hier keine Ausnahme darstellen. Die negative Presse dieser Tage könnte erst der Auftakt sein: Im schlimmsten Fall wird ihr ein Eskalieren der EU-Finanzkrise angelastet – im besten wird die beherzte Entwicklungshelferin den Schritt auf die politische Weltbühne geschafft haben.
Sie sei keine Fatalistin, sagt sie über sich selbst. »Jedes Land besitzt die wirtschaftliche Kraft, seine eigene Zukunft zu schaffen – wenn man sie richtig einsetzt.«
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