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Interview: Florian Bigge
zenith: Vor ein paar Tagen wollte ich mir Nachrichtenvideos aus Somalia anschauen, dabei hing sich mein Computer auf und spielte alle Videos gleichzeitig ab. Das war ein akustisches Allerlei des Horrors: Gewehrsalven, Kindergeschrei und dutzende Wortschwalben: »Krieg und Dürre«, »zu Tausenden«, »unterernährt«, »wir beten«. Es war bizarr, weil die Videos alle aus dem letzten Jahr waren.
Andreas Needham: Ja, im Grunde befindet sich Somalia seit zwanzig Jahren in dieser Situation. Somalia durchlebt eine lange Periode andauernder Konflikte und Schwierigkeiten. Und das immer ohne eine funktionierende Regierung. Aber seit dem vergangenen Jahr und verstärkt seit einigen Wochen spüren die Menschen hier die Folgen der schweren Dürre, die auf die ganze Region wirkt. Die Zahl der Binnenvertriebenen in Somalia steigt drastisch. Der Regen bleibt aus. Menschen, deren Leben vom Vieh abhängt oder von der Ernte, trifft es am schwersten. Viele sind innerhalb Somalias auf der Flucht oder strömen in großen Zahlen über die Landesgrenzen nach Kenia und Äthiopien. Und viele unter ihnen sind mangelernährt – vor allem Kinder.
Aber der Grund für die derzeitige extreme Misere am Horn von Afrika ist nicht allein das Wetter. Dazu kommen der blutige Konflikt, die hohen weltweiten Nahrungsmittelpreise, die Armut...
Ja, wenn sie diese Faktoren zusammen nehmen, dann bekommen wir als Endergebnis das, was wir hier gerade so bitter erleben. Es ist eben auch die schlimmste Dürre in dieser Region seit fast 60 Jahren.
Aber dann war die Situation vorhersehbar? Die politischen Umstände in Somalia sind doch bekannt, und auch die Wetterextreme sind keine Überraschung in einer Region, die sehr anfällig für die Folgen des weltweiten Klimawandels ist.
Wenn Sie mich so persönlich fragen, dann rennen sie offene Türen ein. Ich denke, wir waren gewarnt. Denn statistisch ist es unbestreitbar, dass sich die Wetterlage verändert – mit der Folge, dass die bestehenden Probleme verschärft werden. Man hat das in den letzten Jahren bemerkt und dokumentiert. Lassen Sie es mich so sagen: Das, was hier gerade passiert, ist eigentlich wie ein perfekter Sturm. So eine derart schwere Trockenheit hat es in dieser Region und speziell in Somalia seit langer, langer Zeit nicht mehr gegeben.
ist Sprecher des UNHCR-Hilfsprogramms für Somalia mit Sitz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.
Trotzdem hat die internationale Staatengemeinschaft doch einer Katastrophe zugesehen, die in Zeitlupe ablief. Müsste die Existenz der Menschen nicht lange vor einer solchen Krise gesichert werden, bevor man diese grauenhaften Nachrichten und Bilder erlebt?
Ich denke, für unsere Arbeit, ist es nicht angemessen, uns in dieses weite politische Feld einzubringen. Da ist das UNHCR nicht involviert. Aber die internationale Gemeinschaft, die UN, die vielen UN-Vertretungen und NGOs waren in Somalia in den letzten Jahren sehr aktiv und haben getan, was sie tun konnten – alles auf eine möglichst risikoarme Art und Weise. Die Sicherheitslage ist natürlich ein großes Problem. Zu vielen Gebieten hat man entweder keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang.
Sie meinen die Provinzen, die von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz kontrolliert werden. Die Al-Shabaab schicken ja unterschiedliche Botschaften aus: Dürre ja, Hungersnot nein; für kurze Zeit erlauben sie ausländische Lieferungen in ihre Gebiete, dann verbieten sie sie wieder.
Ja, es gab diese unterschiedlichen Signale, und alle UN-Vertretungen, die in Somalia arbeiten, versuchen immer noch herauszufinden, was das eigentlich genau für ihre Arbeit vor Ort bedeutet. Einige UN-Vertretungen haben Zugang zu diesen Gebieten und können Hilfslieferungen verteilen, viele haben keinen Zugang, andere wiederum konnten in den zurückliegenden Tagen Gebiete betreten, die sonst nicht zugänglich waren. Aber das ist alles keine Lösung Wir müssen sehen, wie wir hier voran kommen können.
Wie ist die derzeitige Lage in den Flüchtlingslagern in Dadaab an der kenianischen Grenze zu Somalia?
Der Komplex in Dadaab wurde für 90.000 Menschen geplant. Heute leben dort vier Mal so viele Flüchtlinge. Die Camps sind voll. Sie sind drastisch überbevölkert. Seit August 2008 können wir den Menschen, die neu ankommen, kein geeignetes Stück Land mehr geben; Land, wo sie eine Unterkunft aufbauen könnten, um mit ihrer Familie dort zu leben. Sie sind gezwungen, Unterschlupf bei denen zu suchen, die hier schon leben: bei Familien, Freunden oder Clanmitgliedern. Und rund 60.000 Menschen leben technisch gesehen nicht innerhalb der Grenzen Dadaabs. Sie haben sich spontan an den Außenrändern der Camps angesiedelt. Aus Not suchen sie regelrecht Schutz im Freien. Sie sind sehr weit weg, es dauert Wochen, bis man sie versorgen kann. Noch dazu gibt es einen Grund, warum diese Gebiete eigentlich außerhalb der Camps liegen: Es sind Hochwassergebiete! Wenn der Regen kommt – und der kommt sicher – werden diese Gebiete innerhalb weniger Stunden fußhoch überflutet.
Wie viele Flüchtlinge erreichen Dadaab tagtäglich?
In den letzten Wochen registrieren wir täglich 1.500 neu ankommende Flüchtlinge. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben wir mehr neu ankommende Flüchtlinge registriert als im gesamten Jahr 2008, 2009 oder 2010. Unfassbar.
Auf ihrer Flucht werden die Menschen vom durch den blutigen Konflikt oft eingeholt. Können sie die Berichte über Vergewaltigungen, Mord und Raubüberfälle bestätigen?
Ja, meine kenianischen Kollegen können diese Berichte bestätigen. Es ist eine verdammt beschwerliche und lange Reise. Man flieht zu Fuß, vielleicht findet man eine Mitfahrgelegenheit in einem Bus oder auf einem Truck. Man flieht, wie immer man kann. Dabei ist man auf die Gunst von Familien- und Clanmitgliedern angewiesen. Und die Dürre macht die Flucht noch strapaziöser. Frauen verlieren auf dem Weg nach Dadaab ihre Kinder und begraben sie eigenhändig am Wegesrand. Kinder sterben buchstäblich beim Erreichen der Camps. Aus Erschöpfung. Oft erreichen sie die Camps in einem so miserablen Zustand, dass unsere medizinische Versorgung nicht mehr ausreicht, um ihr Leben zu retten. Diese Berichte sind gut dokumentiert.
Was passiert, wenn die Menschen Dadaab erreichen? Wie schaffen sie eine Versorgung dieser Massen an Flüchtlingen?
Normalerweise werden die Flüchtlinge bei der Ankunft vom UNHCR registriert und dann werden die Daten von der kenianischen Regierung erfasst. Ihnen sei bewusst, dass wir bei diesen riesigen, noch nie da gewesenen Zahlen von Flüchtlingen mit der Erfassung der Neuankömmlinge nicht mehr nachkommen. Es kommen zu viele Flüchtlinge in einem zu kurzen Zeitraum an. Nun muss die Versorgung sofort geschehen. Viele sind so unterernährt, vor allem Kinder, dass wir unverzüglich intervenieren müssen: Sie erhalten dann speziell abgestimmte »high energy biscuits«, die ihnen nach den langen Fußmärschen Vitamine, Proteine und Nährstoffe zuführen. Unsere Prozesse und Abläufe haben sich in den letzten Wochen vollends geändert. Wir haben einen Notstand. Alles muss nun so schnell wie möglich passieren.
Wissen Sie, was innerhalb Somalias vor sich geht, vor allem in dem berüchtigten »Afgooye-Korridor«?
Das ist schwer zu sagen. Der »Afgooye-Korridor« ist ja eine etwa 40 Kilometer lange Straße, die aus Mogadischu herausführt und entlang derer schätzungsweise 400.000 Binnenvertriebene in notdürftigen Unterkünften leben, in verlassenen Häusern und Regierungsgebäuden. Die Sicherheitslage ist so schlecht, die Region so unzugänglich, dass wir unsere Schätzungen aus Satellitenbildern ziehen.
Was berichten ihre Kollegen aus der somalischen Hauptstadt?
Auch Mogadischu ist seit einigen Wochen von der Dürre betroffen. Die Menschen flüchten aus ihren Heimatgebieten nach Mogadischu, in der berechtigten Annahme, dort besseren Zugang zu Hilfsgütern zu bekommen. In den letzten Wochen sind viele neue Flüchtlingssiedlungen rund um Mogadischu entstanden. Wir bemühen uns, Zugang zu diesen Bereichen zu erhalten.
Es regnet gerade sehr heftig in Mogadischu.
Eigenartigerweise redet jeder über die Dürre. Aber zurzeit kommt es zu heftigen Regenfällen in Mogadischu. Menschen, bereits stark strapaziert, weil der Regen in ihrer Heimatregion ausbleibt, kommen nach langen Fußmärschen endlich in Mogadischu an und erleben dann diese heftigen Regenfälle. Dazu kommen die sehr niedrigen Temperaturen. Diese Kälte fordert Todesopfer, weil der Wechsel von einer Klimaextreme zur anderen für die Erschöpften wie ein Schock ist.
Wie reagiert man eigentlich in Kenia auf diesen massiven Zustrom von Flüchtlingen?
Die Bevölkerung und die Regierung waren in den letzten zwanzig Jahren überaus großzügig und gastfreundlich in Bezug auf den Flüchtlingszustrom. Die Flüchtlinge vom Horn von Afrika sind hier willkommen. Das haben der Ministerpräsident Raila Odinga und andere kenianische Politiker betont. Man sprach sogar davon, dass in dieser Krise alle Brüder und Schwestern wären. Auf der anderen Seite gibt es aber – verständlicherweise – arge Sicherheitsbedenken, Besorgnis und Angst. Offiziell ist die Grenze zu Somalia seit 2007 geschlossen, aber sie ist durchlässig wie ein Schwamm. Die somalische Al-Shabaab-Miliz wird als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen. Ihre Kämpfer können ungehindert nach Kenia eindringen und sie haben auch schon mehrfach angekündigt, Anschläge in Kenia zu verüben. Aber es hält sich die Balance zwischen der großen Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen in Kenia und den Sicherheitsbedenken. In der letzten Woche gab es eine Art Leserumfrage in einer großen kenianischen Zeitung über diese Flüchtlingsproblematik und die Krise in Somalia. Ich habe dort nicht eine negative Zeile gelesen.
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