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Aufstand in Syrien 11.05.2011

Die Hauptstadt fällt zuletzt

Simon Scheuner


Damaskus ist nicht nur die Hauptstadt, sie ist wichtige Basis und Drehscheibe für internationale Organisationen. Die Damaszener Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe; Damaskus ist Geschichte, in Damaskus liegt das Geld. Und jetzt sind da auch Demonstranten, die gegen ihren Präsidenten demonstrieren? Die Hauptstadt würde das Regime nie Preis gegeben, denn dies würde den größtmöglichen Gesichtsverlust bedeuten. Doch seit Ende März müssen die Sichtweisen revidiert werden.


Am 27. März gingen nach dem Freitagsgebet auch erstmals in der Hauptstadt Leute auf die Strasse. Selbst wenn sie »Gott, Syrien, Beschar und sonst nichts« anstatt »Das Volk will den Sturz des Systems« skandierten, die Damaszener waren ob derartiger Freizügigkeit zuerst einmal verwundert. Es war dann aber offensichtlich, dass diese Kundgebungen von der Regierung inszeniert wurden, da es weder zu polizeilichem Einschreiten, noch zu Verhaftungen kam.


Auch der Zeitpunkt war wohl überlegt: wo in anderen Orten wie Homs oder Daraa Freitags nach ein Uhr die Leute gegen die Regierung auf die Straße gingen, fuhren zu gleicher Zeit hupende Autos durch die Hauptstadt. Mit Präsidenten-Portraits verziert und von Jugendlichen gelenkt, erweckte diese Autokolonne eher den Eindruck einer fröhlichen Fussballparty.


Das ging weitere zwei Wochen so. Dazwischen hielt der syrische Staatschef Baschar al-Assad am 30. März seine langersehnte Rede ans Volk. Er sprach von Veränderungen im System, er sprach von der Taubheit der Regierung und der Unschuld der Demonstranten in Daraa. Und er sprach von der »radikalen Bekämpfung der Vetternwirtschaft«. Bis heute ist von seinen Versprechungen noch keine erfüllt worden.


Am 15. April machten sich dann zum ersten Mal Demonstranten aus dem Vorort Duma in Richtung Abbasyin-Platz auf, welcher auf der Peripherie der Damaszener Innenstadt liegt. Da staunte man abermals. »Es kommt näher, ich reise ab!«, oder: »Nächsten Freitag sind sie in der Altstadt, es ist Zeit zu gehen!« – nicht-syrische Freunde wollten ahnen, was passiert, und haben Damaskus schon Mitte April verlassen.


»Jetzt wird erst einmal geschwiegen«

Der Organisator des eigenwilligen und sehr erfolgreichen Poesie-Veranstaltungsreihe »Bayt al-Qasid«, Lukman Derky, sagte Mitte April alle kommenden Veranstaltungen ab. Bis dahin traf man sich jeweils wöchentlich, um Hafez Ibrahim, Adonis oder Nizar Qabbani zu rezitieren. Deren Werke ecken politisch an. Und die Angst der Veranstalter, dass ein Gast nach der Rezitation eines solchen Gedichtes plötzlich »Freiheit« ruft, war zu groß. Das Ganze hätte in einer spontanen Anti-Regierungsdemonstration münden und in einem Fiasko für Lukman Derky enden können. »Bayt al-Qasid« soll weitergeführt werden, sagt er. »Aber jetzt wird erst einmal geschwiegen.«


Am 21. April wurde das Notstandsgesetz aufgehoben, was den Demonstranten hätte erlauben sollen, unbescholten durch die Straßen zu marschieren. Fünf Tage später fuhren Panzer in Daraa ein und schossen auf Demonstranten. Die Regierung betitelte die Aufständischen als »extremistische Terroristen«. Auf Biegen und Brechen wurde ab diesem Tag versucht, die bisweilen nicht mehr nur »beruhigenden«  sondern längst militärischen Maßnahmen unter dem Deckmantel der Staatssicherheit laufen zu lassen.


Das syrische Staatsfernsehen übte sich fortan in moralischer Landesverteidigung; jeder gefallene syrische Soldat wurde zu einem Märtyrer für das Vaterland hochstilisiert, und jeder Demonstrant zum »Gegner des religiösen Friedens und der politischen Einheit« degradiert. Die Beerdigung eines jeden Soldaten wurde in der Wiederholungsschleife gezeigt. Die Panzer fanden keine Beachtung.


»Das alles geschieht im Süden, hier in der Hauptstadt ist nichts los. Al-Jazeera, BBC Arabic, France 24 – sie alle lügen. Die Medien, der Westen, sie wollen Syriens Einheit zerstören und ihren Einfluss in der Region stärken.« Also ist alles gelogen? All die Panzer, all die Toten, alles nur erfunden? »Nicht so, wie die Medien berichten. Die Zahl der Toten ist zu hoch. Und Soldaten sterben auch. Aber hier in Damaskus ist es ruhig.«


Keine Touristen, keine Kunden, keine Arbeit

Und es war ruhig in Damaskus. Natürlich ist es schwierig zu sagen, wo die Grenze zwischen dem »Gesehenen« und dem »gewollten Sehen« liegt. Doch wenn einem auch Syrer bestätigen, dass »da irgendwas in der Luft liegt«, oder dass weniger Menschen die Straßen frequentieren, wirkt das unheimlich. »Die Leute bleiben zu Hause, weil sie Angst haben«, sagen die Einen. Die Anderen sehen das pragmatischer: »Die Leute bleiben zu Hause, weil sie sich über die Maßnahmen der Regierung informieren wollen. Bald ist alles wieder gut.«


Die »Gerade Strasse« in der Altstadt ist ein Ort, wo sich sonst Touristen auf die Füße treten. Seit Ende April sind eben jene selten, und das spüren nicht nur die klassischen Tourismusbranchen. Ein syrischer Freund arbeitet als »room locator« und vermittelt Zimmer an Ausländer. Vor sechs Wochen hat er das letzte Mal einem Arabisch-Studenten aus Italien ein Zimmer gezeigt. Dima ist Privatlehrerin für Arabisch und beklagt sich über fehlende Studenten. Ahmed arbeitet in einem der schicken Altstadt-Restaurants und sagt, dass die Hälfte der Belegschaft »bis auf weiteres« freigestellt wurde.


S. K. besitzt eine Kunstgalerie in der Altstadt. Er harrt aus, liest aus Unmut über die »trügerische Berichterstattung« keine Zeitungen mehr und hofft, dass bald wieder Kunden kommen. Doch weiß auch er genau, dass die Nachwirkungen der anhaltenden »Umstände«, wie es die Syrer nennen, noch lange nachhallen werden. »Selbst Libanesen, sonst gute Käufer in meinem Laden, trauen sich nicht mehr nach Syrien.«


Das sind alles Leute, die Kontakt mit Touristen haben. Die ganze Versorgerkette hinter ihnen wird ebenfalls leiden – mit Sicherheit noch mehr. Daneben ziehen viele Syrer ihr ganzes Vermögen von den Banken ab, die ohnehin ein Vertrauensproblem mit der syrischen Bevölkerung haben. »Das Geld ist zu Hause sicherer. Banken verspielen unser Geld zu leicht«, sagt etwa Dima, die neben Schmuck und Pass nun noch mehrere Zehntausend Lira in ihrem Tresor bunkert. Wenn Geld von Banken abgezogen wird, ist das einer ökonomischen Entwicklung kaum dienlich. Die Syrer werden vermutlich noch länger an den Folgen der »Umstände« – wie diese auch immer ausgehen werden – leiden.


Am 26. April ziehen die USA Staatsangehörige aus Syrien ab. Ein logistischer Kraftakt, der nicht nur aufwendig ist, sondern auch ein überdeutliches politisches Echo auslöst. Verschiedenste Botschaften empfehlen zur Ausreise, falls sich der jeweilige Lebensmittelpunkt nicht in Syrien befindet. Das machte Eindruck. Selbst wenn ich mich nie um Leib oder Leben bedroht gefühlt habe, selbst wenn ich nie Demonstrationen gegen die Regierung oder Verhaftungen von Oppositionellen gesehen habe, die Zeit zur Ausreise rückte näher.


Der obligatorische Gang zur Behörde, um ein Ausreisevisum zu bekommen, gestaltete sich  angesichts der Umstände jedoch nicht leichter. Noch einmal durfte ich syrische Bürokratie miterleben, aber irgendwie eine menschlichere. Die Beamten hatten sichtlich Spaß, mit ein paar der noch wenig verbliebenen Ausländern zu scherzen. »Warum reist du ab? Hier in Damaskus ist doch alles ruhig! Und die Hotelpreise sind nun auch günstiger!« Bis Damaskus fällt, wird es also noch eine Weile gehen. Zum Abschluss wird mir ein frohes Wiedersehen gewünscht – ich wünsche es mir.


Simon Scheuner (Pseudonym)


lebte und arbeitete von August 2010 bis Mai 2011 in Damaskus. Auf Grund der unberechenbaren Lage kehrte er Anfang Mai in die Schweiz zurück.



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