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Deutsch-kasachische Wirtschaftsbeziehungen 23.05.2011

»Die EU ist unser wichtigster Handelspartner«

Interview: Alexander von Hahn


zenith: Welche Richtung wird die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach der Wiederwahl von Präsident Nursultan Nasarbajew am 3. April nehmen?


Nurlan Onzhanov: Nach dem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen hat Präsident Nasarbajew angekündigt, den Kurs des Landes in Richtung Modernisierung und demokratischer Reform weiterzuführen. Die Republik Kasachstan feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Im historischen Maßstab ist das nicht viel, dennoch haben wir in dieser Zeit Beachtliches geschafft. Aber wir ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus und wollen den Weg weitergehen. Das Hauptziel der Regierung besteht darin das Leben der Menschen zu verbessern.


Welche Zielmarken hat sich Kasachstan dafür gesetzt?


Wir haben uns das Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren in die Gruppe der Länder mit hohem Einkommen aufzusteigen: Bis 2016 streben wir ein Pro-Kopf-Einkommen von 15.000 US-Dollar an, dafür benötigen wir ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 7 Prozent. Zum Vergleich: 1994 betrug das Pro-Kopf-Einkommen in Kasachstan 700 US-Dollar – Anfang 2011 war es fast 12-mal höher und übersteigt bereits 9.000 US-Dollar.

Nurlan Onzhanov


wurde 1960 geboren und hat u.a. an der Humboldt-Universität Philologie studiert. 2002 bis 2003 war Onzhanov kasachischer Generalkonsul in Frankfurt/Main, von 2004 bis 2007 bekleidete er das Amt des Vize-Außenministers. Seit März 2008 ist Onzhanov Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland.


Das klingt ambitioniert. Kann der Gas- und Ölsektor, der die kasachische Wirtschaft maßgeblich prägt, so viel Wachstum generieren?


Die kasachische Führung setzt auf wirtschaftliche Diversifizierung. Wachstum soll durch die intensive Entwicklung von nicht auf Öl basierten und exportorientierten Industrien sowie klein- und mittelständische Unternehmungsgründungen erreicht werden. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, hat die Regierung ein Programm zur forcierten industriellen und innovativen Entwicklung Kasachstan für 2010 bis 2014 aufgelegt. Wir können bereits erste konkrete Ergebnisse der Umsetzung beobachten: Die beauftragten 150 Unternehmen haben im ganzen Land 24.000 Arbeitsplätze in 800 verschieden Produktionszweigen geschaffen. Außerdem haben wir Innovation zur nationalen Priorität erklärt, unseren Weg in die Zukunft.  Wir werden weiterhin junge Kasachen im Rahmen des Programms »Bolaschak« (kasachisch für »Zukunft«) zum Studium ins Ausland schicken. Außerdem fördern wir den Tourismus. Auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse (ITB) wurde der kasachische Stand als der beste ausgezeichnet.


»Gütertransport nach China wird in Zukunft nur zehn Tage dauern«

Wie entwickeln sich die Beziehungen Kasachstans zur EU?


Die EU und Kasachstan sind nicht nur wichtige politische, sondern auch Wirtschaftspartner. Im vierten Jahr nacheinander ist die EU unser wichtigster Handelspartner – vor Russland und China. 2010 machte die EU 47 Prozent des kasachischen Außenhandelsumsatzes aus – insgesamt 38 Milliarden US-Dollar. Nach Russland und Norwegen ist Kasachstan von den Nicht-OPEC-Ländern der drittwichtigste Energielieferant für Europa.


Und außerhalb des Energiesektors?


Wir kooperieren mit der EU aktiv beim Ausbau des paneuropäischen Verkehrsnetzes. Wir arbeiten beispielsweise daran, den internationalen Transitkorridor »Westeuropa – Westchina« wiederzuerrichten. Die Gesamtlänge dieses Korridors, genannt die »Seidenstraße des 21. Jahrhunderts«, beträgt 8.500 Kilometer, davon durchqueren 2.500 Kilometer kasachisches Gebiet. Der Gütertransport von den EU-Außengrenzen nach China wird so nur zehn Tage dauern – über den Suez-Kanal braucht es bisher 45, über die Trans-Sibirische Eisenbahn 14 Tage. Außerdem wirkt sich die Zollunion zwischen Russland und Weißrussland positiv auf die Beziehungen zwischen Kasachstan und den EU-Staaten aus.


Wie gestalten sich die Beziehungen zu Deutschland?


Im Allgemeinen wollen wir unsere aktive Kooperation mit Deutschland fortführen und die deutsch-kasachischen Beziehungen zum Wohle beider Länder vertiefen. Die bilaterale Handelsbilanz zwischen Deutschland und Kasachstan belief sich 2010 auf 5,22 Milliarden Euro – ein Plus von 44 Prozent zum Vorjahr, als der Wert 3,7 Milliarden Euro betrug. Kasachstans macht 90 Prozent des Gesamtvolumens des deutschen Zentralasienhandels aus, 75 Prozent der deutschen Exporte in die Region gehen nach Kasachstan. Mitte April besuchte eine deutsche Regierungsdelegation Kasachstan, um über eine Technologie- und Rohstoffpartnerschaft zu verhandeln. Dort wurde unter anderem auch eine deutsche Beteiligung am erwähnten Wirtschaftsförderungsprogramm der kasachischen Regierung diskutiert.



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