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Harald Moritz Bock
»Mourir pour Danzig? – für Danzig sterben?«, so provozierend fragte 1939 der französische Faschist Marcel Deat im Kampfblatt l'OEuvre – und war sich dabei der erwünschten Ablehnung einer militärischen Strafaktion gegen Hitler und seine Landsleute sicher.
In Libyen stellt sich jetzt eine ähnliche Situation ein: Die Arabische Liga hat sich überraschend einmütig für ein Flugverbot über dem Territorium des Mitgliedslandes Libyen ausgesprochen – obwohl sie zuvor schon über die Ablehnung der so genannten Weltgemeinschaft Bescheid wusste.
Modernste arabische Waffensysteme, mit vielen Milliarden Petrodollars von Washington gekauft, stünden dafür am Golf bereit. Saudische und emiratische Kampfpiloten wären sicherlich selbst in der Lage, das Flugverbot durchzusetzen. Die Vernichtung der veralteten libyschen Luftwaffe wäre eine für sie problemlose Aktion gewesen – und hätte ihr sogar panarabischen Ruhm gebracht.
Nichts aber geschah. Hielt die Piloten etwa die Angst ihrer Regierungen vor dem bacillus libertatis am Boden? Warum hat die Nato die Liga nicht beim Wort genommen, mit deren eigenem Argument, dass innerarabische Angelegenheiten auch arabisch zu lösen seien. Sie schwieg.
Die deutsche Ablehnung einer Flugverbotszone ist daher folgerichtig, denn sie müsste ja auch die Bereitschaft implizieren, sich an der militärischen Durchsetzung zu beteiligen. Doch davor drücken sich alle, denn keiner weiß, wie der libysche Bürgerkrieg noch enden wird. Da ist man lieber vorsichtig, auch des Öls wegen. Warum also sollten sich die europäischen Staaten schon so früh festlegen und sich auch noch politisch-militärisch verzetteln? Särge verstören erst dann, wenn die eigenen Soldaten Europas drin liegen.
Kein westlicher Unterstützer der arabischen Freiheitsbewegung fand sich bereit, dem »Irren von Tripolis« auch militärisch die Leviten zu lesen. Anfangs hätte eine Demonstration militärischer Entschlossenheit noch Eindruck gemacht. Eine Blitzaktion der »légion étrangère« hätte Sarkozys ramponiertes Image wiederhergestellt. Nun, da Muammar, der libysche »Bruder-Führer«, seine Gegner landesweit niedermetzelt, ist die Chance vertan, dessen Tyrannei mit einer kraftvoll geführten Operation über Tripolis und Sirte ein Ende zu bereiten.
Unsere TV-und Printmedien und die meisten ihrer »Nahostexperten« waren wie blind gegenüber der politischen Raffinesse des libyschen Diktators, der schon über 40 Jahre lang sein Volk beherrscht. Das schafft nur jemand, der über ein extremes Machtbewusstsein verfügt.
Jemanden »verrückt« zu nennen, dem es gelingt, als Angehöriger eines kleinen Stammes, die großen libyschen Stämme derart intrigant gegeneinander auszuspielen, beweist das Fehlen kritischer Analyse. Das »Schmuddelkind«, der »Herrscher eines Schurkenstaats« schaffte es virtuos, mit amerikanischem Segen zum Vorsitzenden des UN-Menschrechtsausschusses zu avancieren. Die Welt nahm es achselzuckend hin.
Aber was wissen wir eigentlich von der libyschen Freiheitsbewegung? Von ihren angeblichen Führern? Gewiss haben die libyschen Aufständischen ihre Impulse aus Tunesien und Ägypten erhalten. Doch macht das Gaddafis einstigen Kampfgefährten Abdul Fattah Younis Ubeidi wirklich schon zu einem Freiheitshelden, der Werte einfordert wie die bürgerlichen Revolutionäre der arabischen Nachbarländer? Die eingeflogenen Berichterstatter, die meist ohne seriöse Kenntnis den Aufstand schon zum »Freiheitskampf« hochjubelten, handeln verantwortungslos. Ihre Einschätzung leitet auch politische Weichenstellungen fehl.
Arabische Verschwörungsideologen fantasieren schon, ausgerechnet Europa habe die arabische Freiheitsbewegung verraten. Richtig ist: Die meisten Europäer wollen bis heute nicht wahrhaben, was die Menschen in Tunis, Kairo und anderswo tatsächlich bewegte. Sie hatten sich so sehr an den bequemen Umgang mit ausländischen Diktatoren gewöhnt. Sie ignorieren, dass in Tunis und Kairo eine wahrhaftige Revolution begann, die Feuer hat wie einst die Französische Revolution.
Wenn sich die herrschenden arabischen Eliten nicht darauf einstellen, wenn ihnen Einsicht und Wille und Kraft zum echten Wandel fehlen – dann wird diese Entwicklung über sie hinweggehen.
Ägypten hat bewiesen, dass der Wunsch nach Freiheit viel stärker ist als von Despoten gekaufte Söldner und Soldaten. Arabien hat die Luft der Freiheit geatmet. Das wirkt ansteckend, und dieser Virus kann auch von Gaddafi nicht mehr totgetreten werden. Höchstens nur noch verzögert, auf Kosten seines Volkes.
Jurist und Ministerialrat a.D., ist Mitgründer und Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft.
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