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Justizaffäre in Ägypten und Israel 09.06.2010

Die Akte Tarabin

Nils Metzger


Im Juli wird Ouda Tarabin 29 – zum zehnten Mal in Folge begeht er auch diesen Geburtstag hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt des berüchtigten Tura-Gefängnisses im Süden Kairos sitzen keine gewöhnlichen Kriminellen ein: Zu Oudas Zellennachbarn zählen verurteilte Mörder wie der Millionär Hisham Talaat Mustafa, der einen Auftragskiller auf seine Ex-Freundin ansetzte und nun auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet. Ouda aber hat nie vor einem Richter gestanden. Sein einziges nachgewiesenes Vergehen ist ein illegaler Grenzübertritt zwischen Israel und Ägypten im Jahr 2000.


Seitdem gilt Ouda in Ägypten als Mossad-Spion. Besuch bekommt er selten – in der vergangenen Woche durfte er für zwei Stunden mit dem israelischen Rechtsanwalt Izhak Melzer sprechen. Da die ägyptischen Behörden einen Israeli aber nicht als Rechtsbeistand anerkennen, konnte Melzer nur als gewöhnlicher Besucher auftreten. Das Einzige, was er derzeit für Ouda tun könne, sei, dafür zu sorgen, dass sein Fall nicht in Vergessenheit gerate, sagt der Jurist nach seiner Rückkehr aus Kairo gegenüber zenith.


Nur die Begnadigung kann helfen

Melzer, der im südisraelischen Beer-Sheva eine Kanzlei betreibt und sich in Vergangenheit oft für die Belange von Beduinen eingesetzt hat, schwankt zwischen Frust und Kampfesmut. Für ihn ist klar: Vor der ägyptischen Militärgerichtsbarkeit müssen alle juristischen Versuche scheitern, um Oudas Freilassung zu erwirken. »Die einzige Chance ist ein Gnadenersuch«, sagt der Anwalt.


Melzer schickte Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, der sich im März in einer Heidelberger Klinik behandeln ließ, ein solches Bittschreiben ans Krankenbett. Kein Vorwurf gegen die ägyptischen Behörden taucht darin auf, nur die Bitte um Begnadigung aus »humanitären Gründen«.


Melzer sucht überall auf der Welt Fürsprecher, aber derzeit kann er sich nicht einmal sicher sein, ob seine eigene Regierung wirklich ein Interesse an Oudas Freilassung hat. Der Umstand, dass Ouda kein israelischer Jude, sondern Beduine ist, mag dabei eine Rolle spielen. Womöglich bezahlt Ouda auch den Preis für eine Affäre, an der er keinerlei Schuld trägt.


Ouda stammt aus einer Beduinenfamilie des Sinai. Sein Vater Suliman Tarabin unterstützte während des Sechstagekriegs 1967 die israelische Seite und wurde so zu einem berühmten Spion: Im israelischen Generalstab war er bekannt als »der großzügige Beduine«, der die ägyptischen Stellungen auf der Halbinsel auskundschaftete. Erst 1990, als Suliman Tarabins Aktivitäten in Ägypten bekannt wurden, floh die Familie aus dem Sinai, zog in die Negev-Wüste und nahm die israelische Staatsbürgerschaft an. Ouda war damals neun Jahre alt.


In Haft an Vaters Statt

In den nächsten Jahren reiste der Junge mehrfach illegal in den Sinai, um zurückgebliebene Verwandte zu besuchen. 2000 schließlich verhaftete ihn die ägyptische Militärpolizei in der Wohnung seiner Schwester. Laut Angaben eines Cousins habe Ouda versucht, diesen für den israelischen Geheimdienst anzuwerben. Auf Nachfrage erfuhr Ouda von den Soldaten, dass ihn ein Militärgericht in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft im Tura-Gefängnis nahe Kairo verurteilt habe. Oudas israelische Familie (siehe Foto oben) sagt aus, dass sie erst vier Jahre nach Oudas Verschwinden von dessen Inhaftierung erfuhr.


»Die Ägypter haben den Vater nicht bekommen, also nehmen sie den Sohn«, klagt Anwalt Melzer. Oudas Verurteilung sei von Beginn an eine Farce gewesen. Melzer selbst erhält keine Akteneinsicht und kennt die Verantwortlichen an den Militärgerichten nicht. Seine Treffen mit Ouda sind nicht vertraulich, sondern finden immer in Gegenwart von Gefängnispersonal statt. Seine Versuche, einen in Ägypten zugelassenen Anwalt zu gewinnen, sich wie er unentgeltlich in einer derart aussichtslosen Sache zu engagieren, sind gescheitert.


Politische Hilfe erhält Melzer nicht: »Die israelische Regierung übt in der Sache kaum Druck aus.« Einen prominenten Unterstützer in der Knesset konnte er allerdings mit dem Likud-Abgeordneten Ayoob Kara gewinnen. Als Druse kümmert sich Kara auch um die Belange von Minderheiten. Kara gehört der Regierungspartei Likud an, kritisiert aber auch als stellvertretender Minister für die Entwicklung Galiläas und des Negev das Verhalten des eigenen Kabinetts: »Das ägyptische Regime hat den Jungen für nichts ins Gefängnis geworfen, und Israel möchte die Beziehungen zu Mubarak nicht belasten«, sagt Kara im Gespräch mit zenith. »Ouda kommt eben aus einem Umfeld, das hier niemandem etwas bedeutet. Aber er ist genauso Israeli wie wir alle!«


Desinteresse am Schicksal eines Beduinen

Weder die ägyptische Botschaft in Israel, noch das Außenministerium in Kairo waren bereit, sich gegenüber zenith zu dem Fall zu äußern. Auf israelischer Seite gab der Sprecher des Vize-Außenministers Danny Ayalon zu, die Umstände zu kennen, aber keine Informationen herausgeben zu dürfen. Ayalon, so berichtet Melzer, habe mit dem ägyptischen Geheimdienstchef Omar Suleiman über Ouda gesprochen – und Suleiman habe sich erstaunt gezeigt, dass der Beduine noch immer inhaftiert sei. »Israel hat bereits in der Vergangenheit große Geduld bei der Befreiung seiner Staatsbürger aufbringen müssen«, sagt lakonisch ein Sprecher der israelischen Botschaft in Berlin.


Dass es auch anders geht, zeigt ein Fall der jüngsten Vergangenheit: Der israelische Journalist Yotam Feldman, Sohn des berühmten Völkerrechtlers Avigdor Feldman, wurde im März dieses Jahren beim illegalen Grenzübertritt von Ägypten nach Israel verhaftet. Er gab an, für eine Reportage über Schmuggler und Menschenhändler auf dem Sinai zu recherchieren. Innerhalb weniger Tage wurde Feldman nach Intervention des israelischen Innenministers Eli Yishai in Kairo wieder freigelassen.



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