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Imam-Ausbildung an Hochschulen 28.09.2010

Deutschland sucht den Super-Imam

Sven Hirschler


 

 

Brückenbauer zwischen Religion und Gesellschaft sollen sie sein: Imame, die bald an deutschen Hochschulen ausgebildet werden. Bis es soweit ist, gibt es noch jede Menge offener Fragen zu klären.


In Malaysia ist man schon ein Stück weiter als in Deutschland. Mit überwältigendem Erfolg wird dort derzeit per Castingshow der »Imam Muda«, der »junge Imam«, gekürt. Die männlichen Kandidaten zwischen 19 und 27 Jahren müssen vor den Augen von Millionen Zuschauern lernen, wie man Leichen wäscht und richtig betet. Dem Gewinner winkt ein Job als Vorbeter an einer Moschee in der Hauptstadt Kuala Lumpur – die Verlierer bekommen immerhin ein Apple-Laptop.Ein Imam für Berlin-Neukölln, gewählt in einer TV-Show? So weit ist Deutschland noch lange nicht. Schon die Empfehlungen des Wissenschaftsrats, der Bund und Länder in Fragen zu Wissenschaft und Forschung berät, versetzte Anfang dieses Jahres die heimische Hochschulwelt in Aufregung: Zwei bis drei staatliche Universitäten sollen Zentren für »Islamische Studien« einrichten, um Lehrer für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht und Imame auszubilden.



Finanziert werden die neuen Zentren voraussichtlich von Bund und Ländern. Es geht um Lehrstühle und Fördermittel, Millionen liegen in der Luft. Knapp ein Dutzend Universitäten haben bereits Interesse angemeldet; die Universität Osnabrück will den »Bachelor Imam« spätestens ab dem Jahr 2012 anbieten.
Bedarf ist da. Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Rauf Ceylan geht davon aus, dass nur knapp zehn Prozent der Imame hierzulande die deutsche Sprache einigermaßen beherrschen. Angesichts von über vier Millionen Muslimen in Deutschland sind sie eine Minderheit innerhalb der Minderheit. Zugleich verfügt die »Person, die vorne steht« – so die Übersetzung des arabischen imam – über viel Einfluss. Knapp 600.000 Muslime gehen in Deutschland jeden Freitag zum Gemeinschaftsgebet, bei dem auch politisch gepredigt wird.


Schiller statt Dschihad

Doch der Imam ist viel mehr als nur Vorbeter. Er wird auch gerufen, um Eheprobleme zu schlichten, bei Behördengängen zu helfen, und oft ist er auch für Erziehungsfragen zuständig. Ein Sozialarbeiter im religiösen Gewand.
Die Vorschläge der Deutschen Islamkonferenz (DIK), die die Anregungen des Wissenschaftsrats umsetzen soll, werden in den islamischen Gemeinden einiges ändern: Geplant sind eine Ausbildung auf Deutsch, eine Unterweisung in deutschem Recht und eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Religion. Hinter den Plänen schwingt die Idee mit, dass die Imame als Moralverstärker der deutschen Gesellschaft helfen können. Ein klassisches deutsches Ideal: Bildung gegen Extremismus – Schiller statt Dschihad.


Doch die Idee des »Imam made in Germany« stößt nicht nur auf Gegenliebe: Da wäre zum Beispiel die DITIB, der größte Einzelverband der Muslime in Deutschland, der Geld und Imame von der türkischen Religionsbehörde Diyanet spendiert bekommt. Ihre Funktionäre beäugen die Bemühungen deutscher Universitäten skeptisch. Schließlich werden bislang knapp drei Viertel der in Deutschland tätigen Imame aus der Türkei »importiert«, viel Einfluss steht auf dem Spiel. Ob es gelingen wird, die »Fernsteuerung« aus Ankara langfristig zu unterbinden?


Der Bamberger Islamwissenschaftler Patrick Franke glaubt, diese Frage sei noch nicht entschieden. Er stellt zugleich die Frage nach den Berufsaussichten der Absolventen: »Es ist noch gar nicht geklärt, ob die Absolventen des neuen Faches von den Gemeinden und Moschee-Vereinen auch wirklich akzeptiert und als Imame eingestellt werden.« Dabei soll den islamischen Gemeinden ein Mitspracherecht bei der Imam-Ausbildung eingeräumt werden. Es wird entsprechende Beiräte geben, in denen die islamischen Verbände sowie muslimische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Theologen aus dem Ausland vertreten sein sollen.


Die Basis hüllt sich in Schweigen

Doch die Basis hüllt sich bislang in Schweigen. Keine Diskussionen dringen aus den Moscheen, keine Muslime schreiben erregte Leserbriefe an Zeitungen. Verschiedene Imame, die um eine Stellungnahme gebeten wurden, wollten sich gegenüber zenith nicht äußern. Diejenigen Muslime, die sich bislang in der Öffentlichkeit zum Thema geäußert haben, begrüßen zwar die Vorschläge des Wissenschaftsrats. Doch präzise Vorschläge zur inhaltlichen Ausrichtung der Studiengänge scheint es von ihnen vorerst offenbar nicht geben.


Dabei sind selbst grundlegende Fragen noch ungeklärt: Wie werden die neuen Imame mit der sunnitischen und der schiitischen Richtung des Islams umgehen? Ist die Toleranz der deutschen Gesellschaft beispielsweise gegenüber Homosexuellen mit der konservativen Ausrichtung vieler Gemeinden vereinbar? Man darf gespannt sein, wer sich als erstes zu solchen heiklen Fragen äußern wird.


Fest steht nur, die ersten neuen Imame werden öffentliche Personen sein. Wie bei »Deutschland sucht den Superstar« werden die Medien ihr Verhalten beobachten und kommentieren. Und es ist entscheidend, dass sich die Gemeindemitglieder in die Diskussion einmischen. Nur wenn die Bedürfnisse und Wünsche der Basis gehört werden, kann der Bachelor-Imam ein Erfolg werden. Sonst predigt der Super-Imam in leeren Moscheen.



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