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Unternehmer Mehmet Daimagüler 02.11.2011

»Deutschland schafft sich ab«

Interview: Ramon Schack


zenith: Herr Daimagüler, wenn Sie heute ein junger, ehrgeiziger Türke fragen würde, in welches Land er einwandern sollte, welchen Rat würden Sie ihm geben?


Mehmet Gürcan Daimagüler: Wahrscheinlich würde ich ihm nicht Deutschland empfehlen, eher Kanada. In Deutschland würden ihm doch Probleme begegnen, die eine gelungene Integration erschweren, die es in Kanada so nicht gibt. Wobei eine erfolgreiche Einwanderung niemals und nirgendwo ein Zuckerschlecken ist.


Wobei sich Ihre berufliche Biografie, von der Hauptschule nach Harvard, doch als beispiellose Erfolgsgeschichte interpretieren lässt. Sie arbeiten als Anwalt, waren Mitglied des Bundesvorstandes der FDP.


Ja, und als Kind wäre ich beinahe auf der Sonderschule gelandet. Nur durch einige glückliche Umstände kommt man in Deutschland aus diesem Teufelskreis wieder heraus. In meinem Fall war es unsere Nachbarin, Oma Philippine, so nannten wir die Dame, die sich für mich eingesetzt hat. Man kann nur darüber spekulieren, wie viele junge Migranten weit unter ihren Möglichkeiten bleiben und dadurch niemals ihr Potential entfalten werden. Übrigens, nicht nur zum Nachteil dieser jungen Menschen, sondern auch zum Nachteil für Deutschland. So schafft Deutschland sich wirklich ab.

Mehmet Gürcan Daimagüler, 43,


studierte Jura, VWL und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und Yale. Er war Berater der Boston Consulting Group und ist als Rechtsanwalt und Strategieberater in Berlin tätig. Als Mitglied im Bundesvorstand der FDP war er der erste Türkischstämmige, der in das oberste Beschlussgremium einer deutschen Partei gewählt wurde, noch vor dem Grünen-Politiker Cem Özdemir, seinem ehemaligen WG-Partner. 


Ist Ihr neues Buch »Kein schönes Land in dieser Zeit: Das Märchen von der gescheiterten Integration« auch als Antwort auf Thilo Sarrazins Buch zu verstehen?


Mit dem Schreiben meines Buches habe ich schon begonnen, bevor Sarrazins Buch herauskam. Allerdings haben Sarrazin und ich den gleichen Grafiker fürs Cover, wie man erkennen kann. Das gleiche Rot – die weiße und schwarze Schrift. Bei seinem und meinem Verlag handelt es sich um Schwesterverlage. So kann man dort Geld machen mit beiden Thesen, was ich dem Verlag auch im Scherz vorgeworfen habe.


Beide Bücher, sowohl Sarrazins wie auch Ihres, sind von einem gewissen Pessimismus geprägt, was die Zukunft Deutschlands angeht.


Nun, eigentlich war das Buch nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sondern meiner Mutter gewidmet, zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens, welcher neulich gefeiert wurde. Auch für meinen einjährigen Neffen, verbunden mit der Hoffnung, dass der Junge, wenn er erwachsen ist, eine so merkwürdige Integrationsdebatte nicht mehr erleben muss. Alles was ich habe, verdanke ich meiner Familie und Deutschland. Deshalb sind wir Einwanderer auch dankbar, weil wir uns hier eine Zukunft aufbauen können. Was nun Sarrazins Thesen betrifft, so bin auch ich der Überzeugung: Deutschland schafft sich ab. Allerdings unterscheidet sich meine Argumentation fundamental von der Sarrazins. Wenn es uns nicht gelingt, auch angesichts der sich verändernden Weltlage, das Potential von Einwanderern zu nutzen, Diversität nicht als Standortvorteil begreifen, schaden wir uns nur selbst. In diesem Zusammenhang sei doch die Frage erlaubt, weshalb die globalen Eliten nur sehr selten nach Deutschland kommen. Die Sarrazin-Debatte war diesbezüglich nicht von Vorteil.


»Deutschland muss sich den veränderten Umständen anpassen – das nennt man Integration«

In Ihrem Buch schreiben Sie: »Wir dürfen uns nicht irre machen lassen von den Schreihälsen links und rechts. Ganz im Gegenteil: Wir sollten uns bewusst machen, dass wir heute wahrscheinlich in einer Zeit der relativen Ruhe leben. Es werden schlechtere Zeiten kommen.« Nach dem 11. September 2001 erlebten wir einen Anstieg der Islamfeindlichkeit in der westlichen Welt. Glauben Sie, dieses Phänomen hat seinen Höhepunkt schon überschritten, oder steht uns in Deutschland auch noch ein Geert Wilders bevor, wie in den Niederlanden?


Das lässt sich schwer voraussagen. Zumindest hat nach dem Massaker von Norwegen ein Umdenken stattgefunden, bezüglich der Gefahren, die von dieser Islamfeindlichkeit für unsere Gesellschaften ausgehen können. Allerdings bin ich mir nicht sicher, was passiert, wenn es in Deutschland zu einem islamistischen Anschlag kommen sollte. Wie ich in meinem Buch schreibe, es gibt genug Menschen, die ihr Heil in der Zerstörung suchen. Wir müssen jetzt an uns arbeiten, damit wir gewappnet sind


Das Thema Islam wird in Ihrem Buch nur sehr kurz erwähnt. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben?


Ich bin mit Sicherheit kein Islamexperte, habe dies auch nie behauptet, obwohl es ja heute von selbsternannten Islamexperten nur so wimmelt. Ich bin Muslim. Religion ist für mich Privatsache, spielt in meinem Leben keine allzu große Rolle. Ich lasse mir auch nicht gerne vorschreiben, wie ich mich als Muslim zu verhalten habe, weder von Muslimen noch von Andersgläubigen.
Integration wird nicht durch Sonntagsreden gelingen, sondern durch Taten. Nicht nur Einwanderer müssen sich integrieren. Auch Deutschland muss sich den veränderten Umständen anpassen – das nennt man Integration.

Kein schönes Land in dieser Zeit


Das Märchen von der gescheiterten Integration

Mehmet Gürcan Daimagüler

Gütersloher Verlagshaus, 2011

239 Seiten, 19,99 Euro



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