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Mohamed Amjahid
Nennen wir sie Emil und Erik. Die beiden sansculotten-ähnlich verkleideten Männer stützen sich auf ihre massiven Fahnenstangen. Beide tragen eine quietschtürkise Tracht mit Hütchen und lassen sich in ihrer Vorfreude von nichts ablenken: »Wir sind treue Ehemalige der Studentenverbindung Bavaria. Gott segne Euch!«, verkündet Erik stolz.
Doch die beiden Institutionskatholiken, die die ganze Messe über unermüdlich auf dem Spielfeld ihre Fahnen schwenken werden, reißt plötzlich Savannenmusik aus ihrer spirituellen Meditation. Vor dem Eingang 40-41 zeigt eine kamerunische Tanz- und Musikgruppe aus Berlin-Wedding, was sie kann: Rasseln, Ratschen, Rambazamba. Die Katholiken freut es, sie staunen, schießen Fotos und essen Bratwurst dazu. Dann stellen sie sich eine bunte Tüte Naschwerk zusammen und nehmen auf ihren Plastikstühlen Platz.
Wir – das sind Yulia, Julian und ich – haben uns mittlerweile auch eingefunden. Eine Dame, die sich mit »ich komme aus Nigeria« vorstellt, wird uns regelmäßig ihr Mobiltelefon reichen, um für sie Fotos von diesem historischen Tag zu machen: »Speichern nicht vergessen, speichern, mein Sohn.«
Warum wir hier sind? Keine Ahnung. Auf jeden Fall, fallen wir ein bisschen auf. Wir kommentieren unsere Beobachtungen live und thematisieren als einzige im Olympiastadion Kondome, Homosexualität, Ökumene und Dialog. Dies ist aber ein Gottesdienst und keine Generaldebatte um »unsere Werte« und wie sehr sie jüdisch-christlich geprägt sind oder sein sollen. Deswegen lauern wir dann doch nur als Möchtegernethnologen auf Ritus und Ikonen.
»Wir haben niemandem den Platz weggenommen«, stelle ich erleichtert beim Anblick der leer gebliebenen Reihen fest. Und eins wird mir ebenfalls klar: Die Inszenierung ist mitnichten von oben diktiert, es möchte zwar in uns Dreien keine so wirkliche Stadionstimmung aufkommen aber wir – als apathische Atheisten – können uns die Spiritualität in den Seelen der Gläubigen gut vorstellen. Vor allem in dem Augenblick, als der Papst ins Stadion einfährt, klischeehaft im Papamobil made by Mercedes-Benz.
Der Papst spricht und alle hören zu. Diszipliniert sind sie, die Katholiken. Zum Anfang betreibt er ein bisschen Bibelexegese und bringt damit immerhin den unbekannten Moderator des Vorprogramms zum Schweigen. Von guten und schlechten Reben, Trauben, die man reinigen und anderen, die man abschneiden muss, spricht er in seiner Predigt. Das Gleichnis der Weinfrucht überträgt er auf seinen Heiligen Stuhl: »In Christus bleiben heißt in der Kirche bleiben und die Kirche ist das größte Geschenk Gottes.«
»Ist die Choreographie einstudiert oder ist es eher Gruppendynamik?«, fragt Julian fasziniert vom Geräusch der Klappstühle, wenn das Olympiastadion aufsteht um zu beten. Nur ein Sabotageakt stört kurz die Konzentration der Masse. Eine nicht identifizierte Person startet mehrmals eine Sirene, bekommt nach einigen Versuchen aber doch Bedenken und lässt es mit der Provokation. Die Katholiken legen daraufhin ihr Rachegefühl bei. Der Papst ist wieder im Mittelpunkt.
Yulia ist hauptsächlich hier, um ein bisschen zu demonstrieren, ein wenig zu opponieren, indem sie demonstrativ sitzen bleibt. »Du gehst doch auch nicht mit Schuhen in die Moschee!«, versucht sie Julian vom nötigen Respekt vor dem Forschungsfeld zu überzeugen. »Das stimmt«, ist ihre Antwort. Sie bleibt sitzen.
Immerhin, Julian und ich stehen und setzen uns mehrmals wieder hin und lauschen dem Papstgesang, von »Halleluja« bis zu den unverständlichen lateinischen Versen. Als wieder deutsch gesprochen wird, treten nacheinander verschiedenfarbige Menschen ans Rednerpult zur Fürbitte: Gott segne den Papst, Europa und das Christentum heißt es in dieser Reihenfolge und dann ein trockenes Amen. »Was? Das war alles?«, diese päpstlichen Friedenswünsche irritieren uns dann doch beträchtlich.
Die Hostien werden verteilt. Clevere Katholiken schnappen sich ein Stück Leib Christi und verschwinden schnell – sich mit 70.000 Glaubensgeschwistern in die S-Bahn zu zwängen hat nämlich nichts Heiliges an sich. Draußen reißen die Polizisten noch ein paar Katholikenwitze, ein Sicherheitsmann berlinert uns nach: »Ick hoffe für euch, ihr habt Gott gesehen!«
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