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Marie-Christine Heinze
Die moderne Orientforschung hat ihr Augenmerk in den vergangenen Jahren meist auf den Nahen Osten, die Türkei und Iran gerichtet. Der Jemen spielte dabei keine große Rolle. Darüber hinaus ist die Sicherheitslage im Jemen unübersichtlich und erschwert das Forschen und Arbeiten im Land. Wissenschaftlern wie Stipendiengebern fällt es meistens schwer, sich für die Durchführung eines Forschungsprojektes im Jemen zu entscheiden. Und manch ein wissenschaftliches Vorhaben ist daran bedauerlicherweise in den vergangenen Jahren gescheitert.
Das bleibt nicht ohne Folgen für die Medien und die Qualität der journalistischen Berichterstattung. Die meisten Nahost-Experten in den Medien müssen beim Thema Jemen passen. Und Reporter müssen sich nun, da es im Jemen offenbar einen politischen Umbruch gibt, kurzfristig in die Politik des Landes einarbeiten. Gerade im Jemen tritt eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Akteure in immer wieder neuen Allianzen auf. Vermeintliche oder kurzfristige Verbündete streben oft nach völlig verschiedenen Zielen. Wer genau ist der Armeechef General Ali Muhsin al-Ahmar? Welche Rolle spielen die Stämme? Und was hat der Kampf gegen Al-Qaida damit zu tun?
Zunächst zu General Ali Muhsin al-Ahmar: Der Armeechef sorge für großes Aufsehen, als er in der zweiten Märzhälfte öffentlich dem angefochtenen Präsidenten des Jemen, Ali Abdullah Salih, seine Unterstützung entzog. In zahlreichen Medien, darunter anfänglich auch auf zenithonline.de, wurde dies als besonders starkes Signal gedeutet – denn es hieß, der General sei der Halbbruder des Präsidenten. Die beiden stammen aber lediglich aus demselben Dorf, aus Bayt al-Ahmar, und gehören demselben Stamm an, den Sanhan.
General Ali Muhsin war bis zu seinem Bruch mit Salih der Oberkommandierende der jemenitischen Streitkräfte im Nordwesten des Jemen – insgesamt ist das Land in vier solcher Militärbezirke unterteilt – und war damit einer der zentralen Akteure im seit 2004 immer wieder aufflammenden Krieg gegen die so genannten Huthi-Rebellen.
Lange Zeit galt Ali Muhsin als einer der wichtigsten Partner des Präsidenten, er soll sich jedoch jemenitischen Quellen zufolge in den letzten zwei Runden des Konflikts mehr und mehr zu seinem Rivalen entwickelt haben. Sein Seitenwechsel ist nun vor allem Überlebensstrategie: Wenn Salih fällt, möchte er nicht als Teil des Regimes, der er aber stets war, gelten und sich auf diese Weise Macht und Einfluss erhalten.
Die Stämme des Jemen werden oftmals als schwer berechenbar und aufgrund der weiten Verbreitung von Kleinwaffen als eher gewaltbereit dargestellt. Oftmals heißt es, sie scherten sich nicht um die Einheit des Landes und duldeten keine Einmischung in ihre Angelegenheiten durch die Zentralregierung. Aber die unterschiedlichen Stämme und ihre Scheichs nehmen auch durchaus unterschiedliche Positionen zur Regierung in Sanaa ein. Stammesgesellschaft hin oder her – die politischen Entscheidungen werden zudem nicht einfach von den Scheichs getroffen und von den »einfachen« Mitgliedern befolgt.
Salihs Strategie gegenüber den Stämmen sorgte sogar dafür, dass einige Scheichs sogar an Einfluss und Rückhalt bei ihren Leuten verloren, denn der Präsident stattete sie mit einträglichen Regierungsposten aus und bot ihnen einen Wohnsitz in der Hauptstadt, der sie auch räumlich von ihrem Stamm entfernte. Viele der auf dem »Platz des Wandels« in Sanaa campierenden Stammesmitglieder sind dort deshalb aus eigener Entscheidung und nicht aufgrund politischer Handlungsanweisungen ihrer Scheichs. Viele Scheichs haben sich in den vergangenen Wochen genau aus diesem Grund zurückgehalten. Eine klare Positionierung für Salih hätte einen offenen Bruch mit den eigenen Stammesmitgliedern bedeuten können.
Salih warnt vor einem Bürgerkrieg; und in westlichen Medien wurde dieses Szenario oft aufgegriffen. Es heißt, ein Sturz des Regimes werde den Zerfall des Landes in einen Somalia-ähnlichen Zustand zur Folge haben. Salih hat die Angst vor Chaos und Staatszerfall stets genutzt, um seine eigene Macht zu sichern. Was die nordjemenitischen Stämme betrifft, so sind sie jedoch an einer gewaltsamen Eskalation überhaupt nicht interessiert – die leidvollen Erfahrungen mit Bruder- und Bürgerkriegen möchten sie möglichst vermeiden.
Auf dem »Platz des Wandels« demonstrierende Stammesmitglieder gehen daher ausdrücklich ohne ihre Waffen dorthin, um auf diese Weise ihre friedliche Intention zum Ausdruck zu bringen und eine Eskalation von vorneherein zu vermeiden. Denn zwar ist das Tragen von Waffen in der Hauptstadt seit August 2007 verboten (und wird auch meist eingehalten), Handfeuerwaffen lassen sich jedoch auch gut versteckt unter dem Jackett transportieren – worauf die Demonstranten ausdrücklich verzichten. Inzwischen haben sie außerdem eigene Sicherheitskontrollen eingerichtet, um jegliches Eindringen von Schusswaffen in diese friedliche Protestzone zu verhindern. Dass die janbiyah, der traditionell von vielen Männern des Nordjemen getragene Dolch, dabei nicht als Waffe wahrgenommen wird, ist ein interessantes Phänomen, das vor allem auf seine kulturelle Bedeutung verweist.
Was die Angst vor einem wachsenden Einfluss von al-Qaida im Jemen betrifft, so ist klar: Präsident Ali Abdallah Salih hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich erfolgreich als Partner der USA im »Kampf gegen den Terrorismus« geriert – auch wenn er mehr als einmal ein eher unzuverlässiger Partner war und die westliche Angst vor einem Erstarken al-Qaidas nutzte, um sich die Unterstützung der USA zu sichern. In den derzeit laufenden Geheimverhandlungen zwischen dem Präsidenten, General Ali Muhsin und anderen zentralen Akteuren über einen Regimewandel scheinen die USA sich zwar inzwischen für einen Rücktritt ihres bisherigen Alliierten Salih auszusprechen.
Um die amerikanisch-jemenitische Kooperation im Kampf gegen al-Qaida aufrecht erhalten zu können, sucht die US-Regierung ihre Verbündeten jedoch scheinbar weiterhin in der Familie des Präsidenten: Sein Sohn Ahmed Ali Abdallah Salih, Kommandeur der Republikanischen Garde und der Spezialeinheiten, sowie seine Neffen Yahya bin Muhammad Salih, Stabschef der Inneren Sicherheit, Tariq bin Muhammad Salih, Chef einer Elitetruppe, und Ammar bin Muhammad Salih vom Inlandsgeheimdienst sollen auch nach einer Regierungsumbildung die bestehende Sicherheitskooperation gegen al-Qaida fortsetzen.
Dieser US-amerikanischen Politik liegt eine Fehleinschätzung zugrunde, die langfristige Auswirkungen im Jemen haben und das Gegenteil dessen bewirken könnte, was man mit dieser Politik verfolgt: Wer an den alten Akteuren festhält, die beispielsweise am vergangenen Montag in die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in al-Hudaydah mit 200 Verletzten und Taizz mit 12 Toten verwickelt waren, schafft nicht die Probleme aus der Welt, die al-Qaida stärker machen und zu welchen unter anderem auch das alte Regime zählt. Ein Festhalten an den alten Akteuren bedeutet aber auch den endgültigen Glaubwürdigkeitsverlust bei all denjenigen, die für mehr Freiheit und Mitspracherecht und eine bessere Zukunft des Landes kämpfen.
Der Wandel im Jemen wird sich nur langsam vollziehen und eine lupenreine Demokratie liegt nicht in greifbarer Nähe – dass die demokratischen Kräfte vom »Platz des Wandels« nicht in die aktuellen Verhandlungen mit einbezogen werden, spricht für sich. Wollen die USA und die Europäer jedoch auch in Zukunft eine positiv gestaltende Rolle im Lande spielen, dann müssen sie – und das gilt auch für die Bericht erstattenden Medien – aufhören, den Jemen allein durch das Prisma einer »Sicherheitspartnerschaft« im Kampf gegen den Terrorismus zu betrachten.
studierte Islamwissenschaften in Bonn sowie Friedens- und Sicherheitsforschung in Hamburg. Seit 2008 forscht sie als Doktorandin an der Universität Bielefeld zum Thema »Das gesellschaftliche Leben von Waffen im Jemen«.
Kontakt: marie.heinze(at)uni-bielefeld.de
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