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»Ruß« von Feridun Zaimoglu 03.10.2011

Der Budenmann, ein Mordfall und die S-Debatte

Mohamed Amjahid


Vor wenigen Tagen erst schrieb Feridun Zaimoglu seinen Roman über eine »magere Berlinerin« fertig: »Dafür habe ich mehr als zehn Kilo abgenommen«, sagt der Autor stolz und erklärt, dass er erst richtig schreiben kann, wenn er wirklich hungern muss und dabei Kette raucht. Zaimoglu hält nichts von den »Kollegen mit den Pausbäckchen«, die sich erstmal ans Berliner Maibachufer setzen, Kaffee, Croissant und O-Saft zu sich zu nehmen, bevor sie ein paar Sätze schreiben, um dann an den Mittagstisch zurückzukehren«.


Bei seiner Lesung im Auswärtigen Amt geht es aber noch nicht um das magere Mädchen aus Berlin, sondern um den nervösen Jungen aus dem Ruhrpott. Die Lesung von Zaimoglus neuestem Werk »Ruß« findet in einer literarischen Veranstaltungsreihe des Auswärtigen Amts mit dem Titel »Kulturen im Dialog« statt, hier sollen »Brücken gebaut werden« – und so weiter.


Renz watet erst einmal durch Blut

»Ruß« handelt von Renz, der eigentlich Lorenz heißt und aus Duisburg-Ruhrort kommt. Dort, am Neumarkt, steht nämlich eine Bude – das ist Ruhrpottdeutsch für Kiosk – und dort verbringt Renz viel Zeit. Der Roman beginnt da, wo viele Romane beginnen: bei der Kindheit des Protagonisten. »Die eigentliche Geschichte fängt aber an, als Renz durch das Blut seiner Frau robbt«, sagt Zaimoglu.  


Der in der Türkei geborene Schriftsteller Zaimoglu ist im Jahr 2006 nach seinem Roman »Leyla« von den Dynamiken des deutschen Feuilletons in die Hall of Fame der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehoben worden. In »Leyla« erzählt Zaimoglu die Liebesgeschichte einer türkischen Einwanderin der ersten Stunde. 


Der Durchbruch auf dem Buchmarkt kam aber schon mit seinem ersten Werk »Kanak Sprak«, in dem Zaimoglu die Sprache aus dem »Rand der Gesellschaft« aufschrieb. Dazu wird auf der Lesung ein tatsächlich unterhaltsames Video vorgeschlagen, es zeigt eine Auseinandersetzung in einer Talkshow aus den 1990ern, in der der Kieler Zaimoglu auf die damalige, von »Kanak Sprak« geschockte schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis trifft.


Wer hat Angst vor S.?

Als die Frage zu Thilo Sarrazins Thesen kommt, fühlt sich Zaimoglu in seinem Element. Er dekonstruiert genüsslich, nennt den Ex-Finanzsenator der Hauptstadt mehrmals einen »Knilch«. Das vorwiegend türkisch-kurdische Publikum lacht laut. Trotzdem nimmt weder der Moderator noch Zaimoglu, noch das Publikum bewusst den Namen Sarrazin in den Mund, es wird immer nur vom »S-Wort« gesprochen und Zaimoglu, der eigentlich »nicht gerne über Integration und so redet«, tut genau dies.


Die wichtigen Punkte der Analyse deutscher Einwanderungsgeschichte sind demnach klar: Es sind die Jungs und nicht die Mädchen, die Probleme machen, die Elite schottet sich mindestens genau so ab wie die Armen der Gesellschaft. Soziale Probleme werden immer auf die Ethnie geschoben und keiner würdigt die Verdienste der ersten Generation türkisch-kurdischer Einwanderer. »Gnadenlosigkeit sollte man mit Härte begegnen«, so die Kampfansage an Mister S.


Am Ende kommt der Autor aber doch wieder auf seinen Roman zurück und verspricht in »Ruß« die Jagd des Budenmannes Renz aus Duisburg nach dem Mörder seiner großen Liebe. Trotzdem wird dieses Buch weniger als Krimi denn als Liebesroman beworben. Wer jedenfalls auf derbe Sprüche aus dem Alltagsleben Zaimoglus, die mehrfache Wiederholung des Wortes »Rattenkacke« und außerordentliche Sprünge in der Erzählung steht, sollte sich unbedingt »Ruß« besorgen.

Ruß


Feridun Zaimoglu

Kiwi-Verlag, 2011

 272 Seiten, Euro 18,99



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