Quicknews

Dürre in Kenia 24.04.2011

Dem Wasser, dem Leben folgen

Paul Lindner


Die Hitze ist überall, vibriert unermüdlich und unbarmherzig in der ganzen Umgebung. Keine Vögel sind zu hören, nicht einmal ein leises Rascheln der ausgetrockneten Blätter an den wenigen Bäumen. In diesem Teil Kenias steht die Luft gewöhnlich, eine unsichtbare Barriere, die nicht sofort, jedoch konsequent einen Fußgänger erschöpft, ermattet, zerstört. Von Zeit zu Zeit ist lediglich ein dumpfer Laut vernehmbar, wenn der leere Plastikkanister gegen einen hervorstehenden Stein schlägt. Die 9-jährige Adila wird ihn noch gut einige zig Kilometer hinter sich herziehen, bevor sie mit ihrer Mutter am Ziel ankommen – am Wasser.

 

Die letzte Ziege fiel ihnen vor einer Woche tot um. Für Adila war das ein Festmahl. Sie haben ein Feuer gemacht, das dürftig gewürzte Fleisch gebraten, dazu eine Portion Hirsebrei verzehrt. Jetzt haben sie nur noch Reste davon, aber Adila weiß, dass sie sich dem Endpunkt ihrer Reise nähern, weil der Boden die Farbe gewechselt hat; ganz allmählich ging der gelbliche Sand in einen rötlich-vulkanischen Ton über.

 

Sie gingen von Elk-Wak aus, aber die Nordöstliche Provinz haben sie schon lange verlassen. Bis Marsabit ist es noch weit, doch sie haben noch genügend Wasser, etwas Fleisch und getrocknete Früchte. Adilas Mutter – Gasira – wickelte die von der Ziege gebliebene Schnur um ein paar Kanister und zwei Töpfe, die ihr ganzes Gut sind. So lässt es sich leichter tragen.

 

Anhand der Tiere haben die Kinder den Tod durch Verdursten kennengelernt – kein schöner Anblick

Die Entscheidung El-Wak zu verlassen haben sie zusammen gefällt. Es war nicht einfach. Gasira war Lehrerin in der dortigen Grundschule, ihr Mann ein Nomade und Dromedarzüchter – was in Mandera, einem Teil der Nordöstlichen Provinz, eine sehr verbreitete Beschäftigung ist, da lediglich 5 Prozent des Bodens landwirtschaftlich nutzbar ist.

 

Als die andauernde Trockenheit immer lästiger wurde, beschloss ihr Mann mit einer kleinen Gruppe nach Somalia zu gehen, um geeignetes Weideland für die Kamele zu finden. Er wusste, dass es gefährlich sein kann, man konnte leicht mit den Somalis in Konflikt geraten. Einige aus ihrem Volk, der Oromo, kehrten von solchen Abenteuern nicht mehr zurück – Gasiras Mann sollte auch nicht nach Hause kommen. Die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes schwand zusammen mit dem Bestand ihres Viehs. Ihre Bekannten und andere verließen allmählich den Ort auf der Suche nach Wasser.

 

In El-Wak muss man um Wasser zu holen manchmal bis zu 20 Kilometer zurücklegen. In Marsabit werden Gasira und Adila solche Probleme nicht haben, obwohl es auch dort Dürreperioden gibt. Adila hat gehört, dass der Onkel, zu dem sie gehen, in einer Stadt am Fuße eines großen Berges wohnt, und der Berg, wie die Stadt haben den gleichen Namen – Marsabit. Mama erzählte ihr, dass der Berg immer grün ist und Seen hat und einen Park. Alles wäre gut, wenn nur Papa zurückkommen würde.

 

Eigentlich beabsichtigte Gasira, noch zu warten, aber die Dürre in diesem Jahr war nicht mehr auszuhalten; die Regierung sprach von möglichen Millionen an Verlusten von Zuchttieren; bedroht waren 150.000 Dromedare und 16 Millionen Ziegen. Der Unterricht in vielen Schulen musste unterbrochen werden, da man Kinder zum Pflegen der kranken Tiere brauchte. Es hat nicht viel gebracht. Doch anhand der Tiere haben die Kinder den Tod durch Verdursten kennengelernt. Kein schöner Anblick.

 

Grüne Kathedrale inmitten sonnenverbrannter Erde

Gasira hat ihre Arbeit verloren. Die gnadenlose Dürre schien alles um sich herum zu verzehren. Nur zwei der Männer, die nach Somalia aufgebrochen sind, kehrten zurück, ohne Tiere. Sie erzählten, dass man sie überfallen hat, wahrscheinlich die Shabaab, eine Gruppe von militanten Islamisten, die Teile Südsomalias kontrollieren. Sie sind hinter der Karawane geblieben, um zu jagen, und als sie zurückkamen, waren die vier übrigen nicht mehr am Leben, darunter ihr Ehemann. Die Tiere waren weg. Sie haben die Verfolgung nicht aufgenommen, hatten Angst und kehrten um.

 

Am nächsten Tag haben die beiden Glück; mit einem alten Lieferwagen, der in dieselbe Richtung fährt, bewältigen sie den Rest der Strecke. In der Ferne kann man Marsabit bereits sehen, einen kegelartigen Berg, der scheinbar aus dem Nichts in 1700 Meter Höhe aufragt. Die grüne Kathedrale inmitten sonnenverbrannter Erde. Entlang der löchrigen Straße sieht man immer häufiger Akazien. Adila ist begeistert. Mama hat ihr gesagt, dass sie eine Nachricht für Papa hinterlassen hat, damit er sie findet, wenn er zurückkommt. Angeblich wohnt der Onkel gleich in der Nähe eines Brunnens. Und es gibt so viele Tiere in dem Park von Marsabit, auch Elefanten.

 

Gasira lächelt ihre Tochter an, hebt einen Kanister von der Ladefläche, in dem noch Wasser ist und schüttelt ihn kurz. Aber Adila möchte jetzt nicht trinken, ist zu sehr von der neuen Landschaft eingenommen. Die Frau folgt den Augen ihrer Tochter, aber Marsabit kann sie nicht begeistern. Die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Die lange Reise, die hinter ihnen liegt, macht sie träge, stumpft ab. Und das ist gut so, denn vorübergehend unterdrückt das die Leere, Trauer, Angst.



Syrien: "Karfreitagsmassaker" und die Folgen

zenithDebatte

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.

Kalender

zenith im Abo

Abonnieren Sie jetzt und wählen Sie zwischen zwei Abo-Prämien!

 

weiterlesen

zenith Edition

Reaching for the Sun?

The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East

 

click here for content & order details