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Wissenschaft und Arabischer Frühling 03.11.2011

Das wusste ich doch alles schon!

Philipp Meier


Dass die Wissenschaft der Aktualität hinterherläuft, ist ein Gemeinplatz. Die wissenschaftlichen Disziplinen widmen sich längerfristig einem bestimmten Thema, um überhaupt fundierte Aussagen zu generieren und keine Schnellschüsse zu produzieren. Die Aktualität gehört den Journalisten. Die beliefern den Wissenskonsumenten mit Informationen und Hintergrundberichten aus allen Teilen der Welt – manchmal mehr, manchmal weniger seriös aufbereitet.


Wie verhält es sich nun mit der Analyse der momentanen Vorgänge in der arabisch-islamischen Welt – ist die Trennung von Aktualität und längerfristigen Forschung auch hier so klar? Und bei wem liegen die »Wettbewerbsvorteile«?


Die Medien berichten jeden Tag über den Arabischen Frühling. Mit sorgfältigen, teilweise hochkarätigen Artikeln, verschiedenen Ansätzen und ebenso unterschiedlichen Analysen wird jedem Leser klar, dass diese Ereignisse einen historischen Wendepunkt markieren. Die Beiträge von Demonstranten auf Facebook und Twitter tun ihr Übriges. Das ist gut, zumindest für den Konsumenten. Das ist schlecht für die Wissenschaft. Denn wo kann diese andocken, wo kann sie erhört werden, wenn viele schon sehr vieles wissen? 1:0 für die Medien.


Vorträge vs. Beiträge

Die meisten Universitäten haben einen Lehrstuhl, der sich in irgendeiner Weise mit dem Phänomen »Umbruch in Nahost« auseinandersetzt. Das müssen nicht zwingend nur die Islamwissenschafter, die Arabisten oder die Nahost-Historiker sein; die Umbrüche im Nahen Osten betreffen jede sozialwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Disziplin. Die einen organisieren nun Vortragsreihen, bieten Seminare zum Thema an oder organisieren ganze Konferenzen. Der wohl einzige Weg, diesen vielschichtigen Ereignissen gerecht zu werden.


Der Autor besuchte kürzlich zwei Veranstaltungen zum Thema, wie das postrevolutionäre Syrien aussehen könnte. Zwei Veranstaltungen, während derer Wissenschafter über ihre Fachgebiete (»Syrien unter der Assad-Dynastie« und »Die Entpolitisierung der syrischen Gesellschaft und der Assad-Ära«) referierten. Das Fazit danach war ernüchternd – neue Erkenntnisse gab es praktisch keine. Alles schon gelesen, alles schon gehört, alles schon gewusst. Das spricht für die Medien, die momentan der beste Kompass durch die »Arabischen Revolten« sind. Der Schluss liegt nahe, dass es für einzelne Disziplinen der Wissenschaft mit ihren ihr inhärenten Arbeitsweisen noch zu früh ist, den Arabischen Frühling erklären zu wollen – wenn sie denn den Anspruch besitzt, eine Prognose zu wagen. 2:0 für die Medien.


Mein Hauptfach? New Arab World Order!

Die Stärken der Wissenschaft liegen, wie eingangs erwähnt, in der längerfristigen Beschäftigung mit einem spezifischen Thema. Doch wie behandeln nun die »klassischen« Disziplinen, wie die Islamwissenschaft, die Arabistik oder die Orientalistik dieses weite, neue Themenfeld, das ohne Referenzen sowie ohne historische Kontinuität da steht? Alle genannten Disziplinen konstituierten sich in der jüngeren Vergangenheit – und in der längeren, speziell seit Edward Saids »Orientalism« – neu und agieren interdisziplinärer. Daraus lassen sich in Zukunft umfangreiche Schlüsse ziehen, was momentan nur den wenigsten Medien gelingt. Diese frisierten akademischen Disziplinen mit ihren jeweiligen Spezifikationen und Ausrichtungen werden es nun mit dem Sachverhalt aufnehmen. Weil der Arabische Frühling in jeglicher Hinsicht aber ein so immenses Ausmaß aufweist, stoßen die einzelnen Disziplinen an ihre Grenzen. Und das ist ihre große Chance.


Es tut sich nun die Möglichkeit auf, die Forschungslandschaft zu erweitern. Eine neue Disziplin kann geschaffen werden, die sich mit der »New Arab World Order« beschäftigt und Sozialwissenschaften wie Geisteswissenschaften jeglicher Couleur vereinigt. Das braucht aber Zeit. Und die steht momentan zu Gunsten der Medien und nicht der Wissenschaft. Die Grundannahme, dass die Wissenschaft der Aktualität hinterherhinkt, bestätigt sich in den genannten Beispielen einmal mehr. Soll sie doch: denn ihr Beitrag wird ein nachhaltiger sein, welcher breit und tief in die Geschichtslehrbücher eingehen wird. Anschlusstreffer für die Wissenschaft, 1:2.


Bis dahin ist es, zugegeben, noch ein langer, zeitaufwendiger Weg, den die Medien vorteilhafter überbrücken können. Die momentanen Wettbewerbsvorteile liegen bei Zeitung, Internet und Co. Ein Sieg nach Punkten für die Medien.



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