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Tunesiens Elitekorps 21.01.2011

Das Monster erblasst

Daniel Gerlach


Die Proteste in Tunis gehen weiter, die Panik ist gewichen. Es bleiben Rätsel: Wer waren die schwarzen Garden, die diese Stadt tagelang in Angst versetzten? Bislang blieben nur Gerüchte – und die Erkenntnis, dass eine Revolution viele Narrative, aber wenige Wahrheiten hervorbringt

 

Ein sonniger Freitagnachmittag, eine Woche nach dem Sturz des Präsidenten. Einige Menschen sagen, dass das Wetter diese Revolution begünstigt habe – bei strömendem Regen hätte man nicht so begeistert demonstriert. Das Leben ist längst wieder da. Die Geschäfte sind geöffnet, obwohl noch heftig demonstriert wird. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren halbwegs pünktlich, auch wenn die Straßenbahn sich noch unter Glockengeläut ihren Weg durch Demonstranten bahnen muss. Auf den Panzern der Armee, die die Avenue Bourguiba bewachen, welken schon die Blumen. Passanten hatten sie als Zeichen ihrer Anerkennung und Verbrüderung mit der Armee dorthin gelegt.


Nie zuvor waren Soldaten in Tunesien so beliebt und hoch angesehen – man weiß wohl, was geschehen wäre, wenn die Armee es sich letzte Woche anders überlegt hätte und auf Seiten Ben Alis gegen die Demonstranten vorgegangen wäre. Sie sind die Guten in der Geschichte, die am 14. Januar 2011 ihren Höhepunkt fand. Aber was wurde aus den Bösen?


Eine Revolution braucht Helden: Menschen, die ihre Angst vor dem Regime und seinen Schergen überwinden. Die sich vor bewaffneten Polizisten aufbauten und sagten: »Du kannst mich mal, ich bleibe stehen.« Einen Piloten, der sich weigert, Mitglieder des Ben-Ali-Clans aus dem Land zu fliegen. 14-jährige Jungs, die mit Knüppeln nachts durch ihr Viertel patrouillieren, um ihre Familien vor Plünderern zu schützen. Aber was wären die Helden, wenn es nicht ungleich bösere und gemeinere Kerle gäbe, die alles dransetzen, um das Glück des tunesischen Volkes in Blut zu ertränken.


Je abscheulicher das Monster,
desto hehrer scheint der Held

Je abscheulicher das Monster, desto hehrer scheint der Held, der es besiegt. Die Monster im Narrativ dieser Revolution, das sind die Leibwächter des Präsidenten. Eine ominöse, skrupellose und fanatische Elitetruppe, die sich angeblich entschlossen hatte, das Land mit Terror zu überziehen, damit die Tunesier auf Knien flehen, Ben Ali möge zurückkehren und wieder Ordnung schaffen.


Wann immer in der zurückliegenden Woche das Wort »Sniper – Scharfschütze« gerufen wurde, erstarrten die Menschen, drängten sich an Hauswände oder rannten um ihr Leben. Bei einer Demonstration am Montag auf der Avenue Bourguiba brach plötzlich eine solche Panik aus. Obwohl ein Hubschrauber der Armee über den Gebäuden an dem Boulevard kreiste und die Fenster und Dächer in Schach hielt, genügte das Wort »Sniper«, um Stampeden auszulösen. Dann fielen die Tränengasgranaten der Polizisten, die die verbotenen Demonstration auflösten – angeblich schossen sie, um die Menge zu zerstreuen und dem Schützen auf dem Dach das Töten zu schwer zu machen. Gab es ihn tatsächlich, diesen Schützen? Oder hatte jemand das Gerücht verbreitet, um die Angst wach zu halten?


Tatsächlich wurden einige Dutzend Mitglieder der Präsidentengarde verhaftet und getötet. Eindeutig war der Fall bei der Belagerung des Palastes Ben Alis im Vorort Karthago: Augenzeugen und die Armee berichteten übereinstimmend, dass sich die Leibgarde auf dem Hügel verschanzt hatte und wild um sich schoss. Auch in der Innenstadt von Tunis kam es immer wieder zu Feuergefechten, bei denen die Armee auch Helikopter einsetzte.


In Revolutionstagen prägen
Gerüchte die Meinung der Menschen

Irgendwo in der Stadt schossen sie um sich – aus Angst um ihr eigenes Leben oder aus Freude am Massaker? Aus Wut über den Umsturz und den Verlust ihrer Privilegien? Oder aus purem Fanatismus, der, wie einige in der Stadt behaupten, das Ergebnis einer Jahrzehnte währenden Gehirnwäsche sei?


Für einige von ihnen fand die Bevölkerung den Ausdruck »Tigres noires – schwarze Tiger«, meistens bezeichnet man sie als »Miliz«. Diese Begriffe kamen allerdings erst nach dem Ausbruch der Gewalt auf. Ebenso der Name jenes Offiziers, der die Leibgarde befehligt hatte: Ali Seriati.


Seriati gilt derzeit als einziger hochrangiger Gardist, dessen man lebend habhaft werden konnte. Zuvor kannten auch ausländische Diplomaten seinen Namen nicht. Vor ein paar Tagen hieß es, Seriati werde bald im Fernsehen vorgeführt – »um das Volk zu beruhigen.«


Es ist überhaupt verwunderlich: Mehrere tausend Mitglieder einer Elite-Truppe, die über Jahrzehnte in bürgerlichen Vororten der Stadt Tunis leben und dort weder Familien noch jedwede Spuren eines zivilen Lebens hinterlassen? Niemand, so behaupten die Menschen auf der Straße, habe je einen Leibwächter Ben Alis und seines Clans gekannt. Ein Junge im kleinbürgerlichen Viertel Kram, der bei einer Demonstration zwei Kugeln in den Fuß bekam, sagt, er habe einen Nachbarn, der Eliteschütze sei. Aber dieser Mann habe am Tag vor dem Umsturz den Dienst quittiert.


In Revolutionstagen prägen Gerüchte die Meinung der Menschen – und die Nachrichten der Journalisten. Wer das Gesicht der konterrevolutionären Monsters, der Leibgarde Ben Alis, sehen möchte, findet auf Youtube einige davon: Handy-Videos zeigen blutüberströmte, halbtot oder tot geschlagene Männer, die Bürgerwehren in die Hände fielen. Angesichts dieser verängstigten Hunde kann man nur zwei Dinge hoffen: Dass die Menschen einen Funken Gnade walten ließen – und dass sie sich nicht versehentlich vergriffen haben, weil irgendjemand in Hysterie gerufen hatte: »Der ist von der Miliz!«


Die planlosen Janitscharen von Tunis

Wer also sind Ben Alis Monster? Wie zahlreich sind sie und was trieb sie an? Wurde ihre Macht überschätzt und hatten sie irgendwelche Befehle? Wenn sie tatsächlich, wie auf den Straßen oft behauptet wird, von der CIA ausgebildet wurden und die besten Waffen haben – warum konnten Soldaten, die in Tunesien nicht gerade als kampferfahren gelten, sie in zwei Tagen niederkämpfen?


Sich in einer solchen Lage irgendwo in Tunis zu verschanzen und wahllos Passanten niederzuschießen ist ein derart selbstmörderisches und nutzloses Unterfangen, dass selbst fanatische Al-Qaida-Terroristen höchst selten dazu kommen. Was trieb sie also, wenn die Gerüchte stimmen, in ihren Machenschaften an?


Ein weit verbreitetes Gerücht besagt, dass schon Ben Alis Vorgänger im Präsidentenamt, Habib Bourguiba,Waisen- und Heimkinder aufsammeln ließ, um sie von kleinauf zu kasernieren und zu Gardisten auszubilden: »Les enfants de Bourguiba«. Diese Jungs sollten nur einen Menschen haben, den sie lieben – ihren Präsidenten. Die Geschichte erinnert an die Knabenlese, die die osmanischen Sultane praktizierten, um ihre Elitekorps der Janitscharen aufzustellen – und an die Militärsklaven abbasidischer Kalifen. Sie klingt episch, aber ist sie wahr?


Niemand scheint je einem solchen Janitscharenkind begegnet zu sein. Auch unter Diplomaten, die mit den Kreisen des Präsidenten regelmäßig zu tun hatten, schüttelt man den Kopf – man wisse nicht das Geringste über Gestalt und Genese der Präsidentengarden. Andere Gerüchte besagen, die Mitglieder der Milizen seien Schergen der Einheitspartei RCD gewesen, die von ihren Bossen angewiesen wurden, die Revolution durch Terror zu verlangsamen. Die Leute sollten von den Straßen und Demonstrationen abgehalten werden – die Heckenschützen sollten dabei nicht töten, sondern vor allem Panik verbreiten.


Die Presse ist frei – aber ungeübt in sauberer Recherche

Wieder andere behaupten, dass die marodierenden Milizen nur aufs Plündern aus gewesen seien. Und die Auswahl der geplünderten Lager, Supermärkte oder Häuser, sei nicht zufällig gewesen: Den Mitgliedern der Präsidentenfamilie, vor allem dem Trabelsi-Clan der Ben-Ali-Gattin Leila, wird nachgesagt, dass sie Schmuggel und Schwarzhandel mit Alkohol und zahlreichen anderen Konsumprodukten kontrollierte. Einige Beobachter der Plünderungen meinen, dass die Handlanger der Trabelsis die Geschäfte und Warenlager in der Stadt gut kannten und im Moment des Umsturzes die Gelegenheit nutzen wollten, um noch einmal richtig zuzulangen. 


Die Lage hat sich nun beruhigt, die Gerüchte kursieren weiter. In Tunesien gibt es jetzt zwar eine freie Presse, aber so gut wie keine routinierten Journalisten, die ihre Quellen sauber prüfen und investigativ arbeiten, um herauszufinden, was in dieser Woche tatsächlich geschah. Ein Gerüchte besagt, dass der einzige Schurke des Ben-Ali-Clans, der in den Wirren des Aufstandes gestorben sein soll, nun doch noch am Leben ist: Imed Trabelsi, ein Mafioso erster Güteklasse, ist auf einem Youtube-Video zu sehen, das nur einige Tage alt sein soll. Viele Menschen, die gefordert hatten, dass man ihnen Trabelsis Leiche zeigen solle, fühlen sich in ihrem Argwohn nun bestätigt.


Bislang scheint es, als hätten sich die Gewaltausbrüche gegen die Schergen des Ancien Régime in Grenzen gehalten. Freude, aber auch Angst, überwogen das Bedürfnis nach blutiger Rache. Es mag auch daran liegen, dass zu viele Menschen in diesem Land sich fragen müssen, wie tief sie selbst in das System Ben Ali und seines Clans verstrickt waren.


»Wir waren alle Kollaborateure des Regimes«, sagt eine junge Frau, die im edlen Küstenvorort La Marsa wohnt – in der Nachbarschaft der Häuser des Präsidentenclans, der Matris, Shiboubs, Trabelsis und Ben Alis. Sie steht vor einem edlen Club-Café, das einem Schwiegersohn Ben Alis gehörte und nun aussieht, als habe es dort ein Bombenattentat gegeben.


Besonnenheit am Tag der Rache

Sie sagt, dass die Menschen, die in dieser Gegend die Besitztümer des Clans geplündert und dabei randaliert hätten, keine armen Jugendlichen oder Milizionäre gewesen seien, sondern »les Bourgeois« – also gut situierte Bürger. »Die Bourgeoisie hat eigentlich viel zu verlieren und hält sich politisch fein zurück«, erklärt die junge Frau. »Aber diesmal waren sie alle auf der Straße,  um zu demonstrieren. Und dann haben sie die Supermärkte ausgeräumt, die dem Präsidentenclan gehörten.«


Auf dem Flughafen von Tunis wartet ein Mann am Check-in. Eine Woche zuvor war er wie viele Auslands-Tunesier, die im Moment der Unruhen bei ihren Familien sein wollten, aus Italien angereist – allerdings aus einem anderen Grund. Er hatte sich eine Woche Urlaub genommen, um an der Revolution teilzunehmen und für die Unterdrückung der vergangenen 23 Jahre Diktatur einen Blutzoll einzufordern. »Ich will einen Ben-Ali-Schergen töten«, hatte er gesagt. Nun fliegt er wieder zurück. Er hat keinen Milizionär erwischen können, kein Monster erlegt.


Aber er hat gesehen, wie ein Volk seine Angst verlor – und sich am Tag der Abrechnung, in der Stunde der Rache, eher besonnen zeigte.



Telecom Tunisie wird nicht privatisiert

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