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Somalischer Shabaab-Führer Abu Hanifa im Interview 22.07.2010

»Das ist alles Propaganda!«

Felix Kühn


Scheich Muhammad Abu Hanifa, einer der Anführer der militant-islamischen Shabaab in Somalia, lastet die Verantwortung für Kriegsverbrechen einzig der Regierung und ihren Verbündeten an und schließt eine Versöhnung kategorisch aus. Ziel sei die Einführung der Scharia – in Somalia und darüber hinaus.


zenith: Wofür stehen die Shabaab?


Abu Hanifa: Die Shabaab sind eine islamische Organisation, deren Ziel es ist, Somalia mittels der Scharia zu regieren. Wenn wir die Scharia erst einmal hier eingesetzt haben, werden wir auch in andere Länder der Region vordringen – und, so Gott will, darüber hinaus.


In einigen Gegenden des Landes demonstrierten die Menschen gegen die Herrschaft der Shabaab. Wie groß ist ihre Unterstützung in der Bevölkerung noch?


Man kann nicht von Demonstrationen gegen uns sprechen. Die Aktionen wurden von abweichlerischen Elementen und ein paar Kollaborateuren des Regimes von Scharif Scheich Ahmad organisiert.


Immer wieder wird über interne Machtkämpfe innerhalb der Shabaab berichtet. Wie gespalten ist ihre Organisation?


Nein, nein. Das ist alles Propaganda! Es gibt keine Splittergruppen unter den Shabaab, keine einzige. Diese Propaganda wurde von den Ungläubigen und den Unterstützern der apostatischen Regierung verbreitet. Ich kann Ihnen versichern, dass es keine Gewalt zwischen Shabaab-Kämpfern gibt.


In der Stadt Kismayo geraten die Shabaab aber immer wieder mit ihren Verbündeten von Hizb ul-Islam aneinander…


Das waren keine Hizb ul-Islam-Leute, die uns dort angegriffen haben! Das war ein kleiner Haufen von Anhängern des Scharif-Ahmad-Regimes, unterstützt von der kenianischen Regierung.


»Brüder aus Afghanistan sind keine Ausländer«

Immer wieder wird berichtet, dass sich auch viele ausländische Kämpfer in den Reihen der Shabaab befinden.


Wir bezeichnen sie nicht als »Ausländer«. Warum? Weil alle Muslime auf der Welt Brüder sind. Wenn jemand aus Afghanistan kommt, um seinen somalischen Brüdern zu helfen, bezeichnen wir ihn also nicht als Ausländer. Sie haben ein Recht, hierher zukommen und zu helfen.


Gut, dann kommen also »Brüder« aus anderen Ländern, um in Somalia zu kämpfen?


Das ist doch ganz normal. Sie kommen aus vielen Ländern, genauso wie wir in Länder gehen, in denen der Dschihad geführt wird. Das ist nicht ungewöhnlich, denn wir Muslime sind Brüder und helfen einander.


Somalische Religionsgelehrte haben mehrfach erklärt, dass Ihr Krieg in Somalia kein Dschihad sei…


Das waren doch keine Religionsgelehrten! Zumindest würde ich sie nicht als islamische Religionsgelehrte sehen, weil sie Ideen der Ungläubigen aufgenommen haben. Wenn sie Kleriker sind und sagen, dass wir in Somalia keinen Dschihad führen, warum haben sie dann nicht die Scharia hier eingeführt? Wenn sie behaupten, Religionsgelehrte zu sein, können sie gerne hierher kommen und uns helfen. Ansonsten sollen sie mit ihren unislamischen Ideen da bleiben, wo sie sind und sich nicht in die Angelegenheiten des Landes einmischen.


Der Krieg in Somalia kostet viele Menschenleben. Wie wichtig ist ihnen der Schutz der Zivilbevölkerung, immerhin setzen sie ja auch Selbstmordattentäter ein…


Die Verantwortung für zivile Opfer liegt bei Scharif und seinen Leuten, sowie bei den Soldaten der AMISOM (African Union Mission in Somalia), die ganze Wohngegenden unter Beschuss nehmen und damit Zivilisten töten. Was die Selbstmordanschläge angeht: Wenn ein Zivilist wegen eines Selbstmordattentäters ums Leben kommt, wird er in den Himmel kommen, weil er ein unschuldiges Opfer ist. Die restliche Verantwortung liegt voll und ganz bei den ungläubigen Regierungen.


»Mit Gottes Hilfe den Feind ausmerzen«

Für Journalisten ist kaum möglich, frei und ungezwungen aus Mogadischu zu berichten. Wie stehen die Shabaab zu den Medien?


Wir üben keinen Druck auf die unabhängigen Medien in Somalia aus. Sie können sich in den Gegenden unter unserer Kontrolle frei bewegen. Aber einige hiesige Journalisten wurden von AMISOM und den Scharif-Leuten getötet. Die haben es dann so aussehen lassen, als hätten wir sie umgebracht. Ich sage es noch einmal: Wir üben keinen Druck auf die Medien aus und befürworten sogar unabhängige Medien!


Die Regierung hat verkünden lassen, bald eine große Offensive gegen die Shabaab zu starten. Was halten Sie davon?


Das ist leichter gesagt als getan! Jeden Tag sagen sie, dass sie eine große Offensive starten und tun es dann doch nicht. In den letzten Wochen gab es entlang der Frontlinien einige Kämpfe. Wir haben sogar Gebiete erobert, die die Regierung vorher kontrolliert hatte! Daran sehen sie: Die Regierung hat keinerlei Macht, uns zurückzudrängen – und schon gar nicht, einen großen Krieg gegen uns zu führen.


Kommt für die Shabaab überhaupt eine Aussöhnung mit der Regierung grundsätzlich in Frage?


Wir werden uns niemals mit denjenigen versöhnen, die die Ideen der USA, Israels und der AMISOM teilen. Wir müssen sie aus dem Land vertreiben, sie ausmerzen – und mit Gottes Hilfe werden wir das auch schaffen.

Die Shabaab


gingen aus der »Union islamischer Gerichte« hervor, und kämpfen seitdem gegen die Zentralregierung und die Truppen der »African Union Mission in Somalia«. Sie kontrollieren weite Teile Südsomalias und der Hauptstadt Mogadischu. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staates und die Beteiligung an einem weltweiten Dschihad.



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