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Oliver Polak und jüdischer Humor 07.02.2011

Das gute Gewissen des Publikums

Florian Bigge


Früher gab es Bengel auf dem Schulhof, die kannten Witze, die ganz schön verboten waren, so dass sie sie heimlich in der Tasche trugen und nur in besonderen Momenten auspackten, etwa wenn sie mit anderen Bengeln im Kreis standen. Dann kam es zu diesem knisternden Moment, wenn ein Tabu in der Luft liegt und sich schließlich jemand findet, der es verletzt.


Das konnte die Erzählung vom Entdecken von Vaters Erotikheften sein. Oder ein Juden-Witz. Juden-Witze schienen viele zu kennen, doch niemand erzählte sie ohne vorgehaltene Hand, schon gar nicht die Erwachsenen. Wenn die Bengel im Kreis standen, hörte man sie den Witz flüstern, bevor sie dumpf, abgebrochen lachten: Hohoho. So, als lachten die Bengel und verschluckten sich dabei. Ihnen steckte irgendetwas im Hals.


Dürfen wir jetzt, oder darf nur er, der Jude?

Im Berliner Kabarett-Theater »Die Wühlmäuse« ist dieses Lachen den ganzen heutigen Abend zu hören, auch ganz herzhafte Lacher oder Hihihi’s. Oliver Polak liest aus seinem Buch »Ich darf das, ich bin Jude«. Oliver Polak ist ein jüdischer Stand-up-Comedian, der aus Papenburg im Emsland stammt. In Papenburg gab es vor dem zweiten Weltkrieg zwanzig jüdische Familien, erzählt er, und hinterher nur noch die Polaks.


Früher wäre er mit seinen Eltern oft im Auto von Papenburg nach Osnabrück gefahren, eine für ihn endlos-langweilige Reise über Dörfer und durch Wälder, ausgerechnet dorthin habe Hitler keine Autobahnen gebaut, sagt er, aber wenigstens habe er dann in der Schule gewusst, was der Lehrer mit den Judendeportationen meinte. Zu seinen großen Pointen zählt der Schäferhund aus Pappe auf der Bühne, der einen Judenstern um den Hals und eine SS-Waffen-Mütze auf dem Kopf trägt. Das sitzt.


Er sagt dann, dass man nicht unbedingt lachen müsse, nur weil er Jude sei, und dass man ihn später auch anfassen könnte, ihn, den Juden. Dass wir, das Publikum, doch nur bezahlten, um mal einen Juden zu sehen. Sonst hätten wir doch alle ausgelöscht. Das sitzt. Hohoho. Noch prustet niemand. Niemand traut sich. Noch hat das Publikum eine gewisse Betroffenheit nicht abgelegt, noch steht die Frage: Dürfen wir jetzt, oder darf nur er, der Jude? 


»Wir Juden waren schon Ghetto, da gab es Rap-Musik noch gar nicht«

Und Polak weiß, dass sein Publikum in diesem Schlamassel sitzt. Er fahre immer gerne mit der Deutschen Bahn, aus alter Familientradition. Ob er das Publikum zu viel dutze? Hihi, nein! schallt es aus dem Publikum zurück. Er könne es auch mit Herrenrasse anreden. Hohoho. Das sitzt.


Polak amüsiert sich prächtig über die Verklemmtheit des Publikums. Er kitzelt sein Publikum. Und er hat recht damit. Wurdet ihr in der Schule über den Nationalsozialismus aufgeklärt? fragt er. Ja, ohne Ende! raunt es zurück. Wo seine Witze härter werden, politisch-unkorrekter, da nimmt das Prustern, das Heitere im Lachen zu. Er bringt diese Witze ohne Umstand, und so wie sich ein kleiner Bengel nach einem Streich freut, so freut auch er sich, wenn das Publikum erst mal stockt, bevor es lacht. Wir Juden waren schon Ghetto, da gab es Rap-Musik noch gar nicht, sagt er. Ob man als Jude in Deutschland eigentlich sagen dürfe, dass man »Burn-Out-Syndrom« habe, fragt er. Hohoho.


Er beherrscht Stand-up-Comedy, aber er hat ein Problem dabei: den Holocaust. Wenn man hier doch bloß über Juden lachen könnte, ohne dass der Holocaust zur Komik wird. Mehr lachen könnte man über seine dominante jüdische Mutter, mehr über seinen Vater, der mit Homer-Simpson-Hosenträgern und herrlicher Tollpatschigkeit den Sohn in die Verzweiflung treibt. Und mehr über Witze wie den über die jüdische Familie Finkelstein. Oder über den hier: »Warum sind jüdische Männer eigentlich beschnitten?« »Na, weil jüdische Frauen nichts anfassen, was nicht mindestens zwanzig Prozent reduziert ist.«



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