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Florian Bigge
Am Ende des Jahres noch mal abrechnen, wo es ohnehin die Zeit der Resümees ist und sogar Thilo Sarrazin zu Weihnachten Platz in der FAZ bekam, um einen Selbstlobrekord aufzustellen und seine Kritiker in Größenwahn und Verzweiflung, aber immerhin in Großmut abzustrafen. Hier soll das kurz und vor allem ganz gemächlich geschehen. Vom Schlimmsten in der Musik des Jahres 2010 zum vielleicht Besten.
Es muss genug Betrunkene in schwerer Pubertät geben, oder Leute, die sonst nur auf Bauklötze starren, anders ist das gar nicht möglich, dass der aktuelle Song der amerikanischen Band Black Eyed Peas in den Charts ganz oben steht und auf den Tanzflächen der Hit ist. Man mag es nicht schreiben wollen, aber »The Time (Dirty Bit)« ist eine Cover-Version von »Time of my life« aus dem Film »Dirty Dancing«. Da würde Thilo S. sagen: »Das ist dumm und als Rezept untauglich.« Er würde brüllen: »Musik schafft sich ab!« Und weiter: »Zornig war ich nur kurze Zeit. Stattdessen machte sich Verachtung in mir breit.«
Durch Verachtung gewinnt man gerade so viel Abstand, um milder zu sprechen und beim Nase rümpfen noch etwas Gutes zu finden. Nun gut, danke Black Eyed Peas! Danke dafür, dass ihr wenigstens das Alte wieder in die moderne Popmusik hereinzieht, danke für dieses Wagnis, die älteren, rüstigeren Tanzflächentänzer in die Erinnerungen zu flöten und dabei die Jüngeren nicht zu verschrecken, denen wegen ihres Alters doch jede Erinnerung an »Dirty Dancing« fehlt. Alle tanzen zum neuen Alten, das ist doch gut. Und »endlos die Zahl der erbetenen Autogramme«, sagt Thilo S.
Das amerikanische Produzentenduo Duck Sauce machte es besser in diesem Jahr, viel besser. Sie coverten, aber sie coverten musikalischer als Black Eyed Peas, weil sie intelligenter und gekonnter interpretierten. Aus »Hallo Bimmelbahn« von der deutschen Band Nightlife wurde im Jahr 1979 der Boney M-Schlager »Gotta go« und im Jahr 2010 der anabolika-schwangere House-Disco-Schlager »Barbra Streisand« mit dem so lüsternen Refrain »Woo-hoo-huh-hoo-hoo..«. Duck Sauce interpretierten »Hallo Bimmelbahn« in unsere Zeit, weg mit den kandidelten Haaren von Boney M, her mit der bonbonbunten Hipness. »Barbra Streisand« klingt so prollig wie unschuldig, so traditionell und doch modern, so geklaut, so wissender. Das Alte steckt im Neuen, und das Traditionelle ist es, das dem Song erst den Wumms gibt. So fegt »Barbra Streisand« über die weltweiten Tanzflächen in diesem Jahr. Und der Song ist so heiß, ähm, nun halte man sich die Augen zu und höre Thilo S.: »Man zeigt sich nicht nackt in der Rudi-Dutschke-Straße. Obwohl, wenn es heiß ist, warum nicht?«
Es geht noch anders, und da kommen wir auch zum vielleicht Besten in diesem Jahr. Zu Donso, einem Musikprojekt von vier malischen und französischen Musikern, die den Hörer auf ihrem gleichnamigen Album zwischen Moderne und Tradition geschwind hin- und herhuschen lassen. Donso haben Tradition und Moderne so wunderbar und absolut vermischt, dass nichts weniger daraus wurde als eine Vision, ein eigener Sound, der sich irgendwo zwischen Jazz, Techno, World, House, Hip Hop, Dub, Folk und Afrobeat einpegelt. Das ist technische Perfektion mit Unvorhersehbarkeit. Eine Kunstform. Hier auf diesem Album »können die Menschen ihren Weg gehen, auf der Suche nach dem ›pursuit of happiness‹«, sagt es anders Thilo S.
Der französische Elektro-Produzent Krazy Baldhead rollt hier die dreckigen, tanzbaren elektrischen Beats aus, der malische Sänger Gédéon Papa Diarra surft darauf mit seinem honigsüßen Gesang, Thomas Guillaume erschüttert die reißenden Rhythmusbäche mit Percussions, tanzt mit der malischen Harfe (Donso N’Goni) und Guimba Kouyaté fantasiert mit Gitarre und der Djele N’Goni.
Klingt als trieben durch den schalldichten Bunkerkeller von Produzent Krazy Baldhead hunderte, ekstatisch aufgeriebene Urvölker und ebenso viele verflippte, bonbonbunte Elektro-Horden, alle mit Instrumenten bestückt, mehr noch mit Muße, Leidenschaft und Eifer. Ein wunderbar wobbernder elektronischer Basslauf durchmischt von Variationen unterschiedlicher Instrumente. »Ein ziemlich langer und lauter Furz, wenn man das mal so sagen darf.« (Thilo S.)
Elf Songs, elf Einzigartigkeiten, elf Stimmungen. Die traditionellen Instrumente und Sounds sind so expressiv mit den modernen elektrischen Klängen verflochten, dass es manchmal verwundert, immer auch begeistert, vor allem in den Momenten, wenn der Sound so schön verzerrt und moduliert wird.
Die malische Harfe ist hier das Hörspiel einer jahrhundertealten malischen Musiktradition – die der Mande-Jäger aus dem Westen Malis – und begießt sich in dem aufpeitschenden oder treibenden elektronischen Stil der heutigen Zeit. Auf »Tile Ban« paart sich Soul mit Ambient, wenn Gédéon Papa Diarra seinen Gesang über den Klang einer industrialisierten, keimfreien, metallischen Welt legt. »Hunters« ist der schwere, harte Techno-Sound, der im Berliner Techno-Tempel »Berghain« stattfindet, aber auch in Kinshasa, Nairobi oder Tokyo zum schwitzenden, körperbetonten Tanz entfesselt. Ab in die Zukunft, sorgenfrei, jubelnd, mit geöltem Tanzkörper und der größten Hommage an die Roots (von wo auch immer).
So funktioniert Donso im Jahr 2010, so gelingt Musik. Nach der Abrechnung bleibt am Ende des Jahres noch eine Frage: »Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?« Thilo S. weiß auch gleich die Antwort: »Absolut offene Fragen, da weiß ich nicht mehr als meine Katze.«
Donso. Donso. Comet Records (Groove Attack), 2010. Weitere Informationen: www.myspace.com/donso.
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